Plädoyer für mehr Höflichkeit : Weil du nicht allein bist auf der Welt

Mehr Höflichkeit wagen und den eigenen Egoismus mal beiseite lassen: Ein guter Vorsatz für das Neue Jahr, besonders in einer boomenden Großstadt wie Berlin.

Einsteigen in die Berliner U-Bahn am Mehringdamm
Einsteigen in die Berliner U-Bahn am MehringdammFoto: dpa/Lukas Schulze

Höflichkeit hat ja keinen so guten Ruf. Weil die meisten Menschen dabei sofort an den Freiherr von Knigge und seine Anstandsregeln denken, an knifflige Fragen wie die richtige Ausführung eines Handkusses (nur andeuten, niemals mit den Lippen die Haut berühren!) oder die korrekte Art, einen Stuhl zu tragen (immer senkrecht vor dem eigenen Körper).

Solche Galanterien sind eine schöne, altmodische Angelegenheit, die jeder gerne kultivieren soll, der Vergnügen daran hat und Gelegenheit dazu. Mit dem bürgerlichen Begriff des „Benimm“ hat die Höflichkeit, von der hier die Rede sein soll, letztlich kaum etwas gemein. Weil sie nicht auf gesellschaftlichen Absprachen beruht, weil sie sich nicht über die Wahrung von oftmals diskutablen oder schlicht historisch überlebten Konventionen definiert. Die Höflichkeit, um die es hier geht, wird nicht von außen verordnet. Sie kommt aus dem Inneren dessen, der sie wertschätzt. Als eine „Schwester der Liebe“, wie sie der große Weltenumarmer Franz von Assisi genannt hat.

Egoismus ist die Hauptquelle jeder Unhöflichkeit

Höflichkeit ist eine Einstellung, nicht eine Verstellung. Höflichkeit ist ein Mittel, um das Zusammenleben in einem Gemeinwesen leichter zu machen, ein Antidot gegen die soziale Formlosigkeit, gegen die Gleichgültigkeit im Umgang miteinander. Und darum keine Fußnote im deutschen Tugendkatalog, irgendwo nachrangig eingeordnet hinter Fleiß und Ordnung, Pflichtbewusstsein und Pünktlichkeit. Höflichkeit ist eine grundlegende Kulturtechnik, die umso wichtiger wird, je mehr Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Wie in einer boomenden Großstadt. Dafür ist Berlin ein schlagendes Beispiel.

Berlin gilt schon immer als Metropole der Misanthropen. Goethe hat sich darüber beklagt und die Stadt gemieden. Der Ton ist rau, die Sitten sind es auch. „Ehrlich und geradeaus“, so nennen das die Einheimischen, „schwer erträglich“ die Zugezogenen, die dann auch schnell dazulernen. Denn die Schnauze ist immer da, im Gegensatz zum Herz. In diesem ist nämlich kein Platz mehr für die Mitmenschen. Weil sich dort schon die Selbstsucht allzu breit gemacht hat. Nach dem alten Motto von Otto: Alle denken immer nur an sich. Ich aber, ich denke an mich.

Egoismus ist die Hauptquelle jeder Unhöflichkeit. Die Leute, die in der zweiten Reihe parken, haben nicht den fließenden Verkehr im Blick, den sie ins Stocken bringen. Sondern nur das eigene Bedürfnis, schnell noch einen Lottoschein auszufüllen. Die Leute wiederum, die zwar einen regulären Halteplatz für ihren Pkw gewählt haben, dann aber bei laufendem Motor seelenruhig telefonieren oder einen Döner verspeisen, denken nicht eine Sekunde lang an die Zukunft, die sie gefährden, weil sie unnötig Abgase in die Atmosphäre pumpen, sondern nur an ihren warmen Hintern. Natürlich blinken diese Leute auch nicht beim Abbiegen, sie wissen ja, wohin sie wollen. Und wenn sie mal mit der U-Bahn fahren, pflanzen sie sich direkt vor der sich öffnenden Tür auf. Schließlich wollen sie ja einsteigen.

So geht es auch. In Tokio gibt es in der U-Bahn geregelte Umgangsformen.
So geht es auch. In Tokio gibt es in der U-Bahn geregelte Umgangsformen.Foto: mauritius images

Keine Noblesse, immer in die Fresse

Dass es schneller geht, wenn diejenigen, die ihnen Platz machen wollen, indem sie den Wagen verlassen, das auch ungehindert tun können, fällt den Egoisten nicht auf. Wie auch? Höflichkeit hat etwas mit Erwachsensein zu tun. Mit der Fähigkeit, über den eigenen Bauchnabel hinauszuschauen und in komplexen Zusammenhängen zu denken. Wie ist meine Position im Puzzle urbanen Gefüges? Welche Folgen hat mein eigenes Verhalten für den Ablauf des allgemeinen Publikumsverkehrs? Was kann ich tun, damit alle gleich gut vorankommen? Doch die Unhöflichen hängen in einer ewigen Pubertät fest, wild entschlossen, sich an den anderen dafür zu rächen, dass sie selber mit sich nicht im Reinen sind. Die ständig zu bespielenden sozialen Netzwerke und die Selfie-Geräte tragen zu der neuen Unhöflichkeit bei.

Wer es wagt, diese Ich-Ich-Ich-Menschen auf ihre Unhöflichkeit anzusprechen, dem kommen sie darum sofort patzig. Angriff ist die beste Verteidigung. „Nur keine Noblesse, immer einen in die Fresse“, wie Lotte Lenya in den angeblich so goldenen Zwanzigerjahren in ihrem „Lied von der harten Nuss“ reimte. Mit dem Dramatiker Bertolt Brecht, dem Komponisten Kurt Weill und auch einem Schauspieler wie Gustaf Gründgens kam damals ein scharfer, moderner Metropolenton auf.

Dabei muss das Leben in der Großstadt doch gar kein ständiger Bürgerkrieg sein. Es wäre gar nicht so schwer, mit seinem Umfeld in Frieden zu leben, wenn sich ein Grundkonsens der allgemeinen Achtsamkeit herstellen ließe. Das muss ja gar nicht so weit gehen, dass Jüngere Älteren ihren Sitzplatz in der U-Bahn anbieten. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Leute, statt stur an der Tür stehenzubleiben, einfach in die Mitte des Waggons durchrückten, wenn viele Passagiere auf einmal einsteigen wollen. Es macht gar keine zusätzliche Mühe. Es ist eine Frage der Rücksichtnahme. In Tokio sammeln sich die Fahrgäste an weißen Linien, die auf dem Bahnsteig aufgemalt sind. Wenn dann der Zug einfährt, hält er genau so, dass sich die Türen zwischen Linien befinden und die Aussteigenden somit ungehindert herausströmen können. Dann erst kommen die Neuzugänge dran. Was für eine Ersparnis an Reibungsenergie!

Vom Handy aufschauen in einen Blick auf die Umwelt richten

Natürlich lassen sich Spurenelemente von Höflichkeit auch durch Verordnungen und Verbote erzwingen. Jedes Knöllchen, das an eine Windschutzscheibe geklemmt wird, ist eine Ermahnung des Staates an seine Bürger. Jedes Bußgeld, das fällig wird, wenn jemand seinen Müll einfach ins öffentliche Straßenland kippt, in U-Bahnhöfen raucht, zur Unzeit Lärm macht oder seine Steuern nicht zahlt, soll über den Schmerz des finanziellen Verlustes zum gesetzeskonformen Verhalten führen. Doch wäre es nicht viel beglückender, das Allgemeinwohlverhalten käme ganz ohne Zwang zustande? Aus Einsicht in die Funktionsweisen menschlichen Zusammenlebens?

Dafür braucht es keinen gedanklichen Überbau, keine Religion, keine Philosophie. Es reicht, vom Handybildschirm aufzuschauen und den Blick auf die Umwelt zu richten. Dann müsste sich die Erkenntnis eigentlich ganz von selber einstellen: Was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem anderen zu. Im zweiten Schritt könnte der Mitmensch dann sogar wieder anfangen, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Denn wer wahrlich höflich sein will, der muss kommunizieren. Daran allerdings gebricht es bereits den allermeisten. Dabei kann ein „Entschuldigung, darf ich bitte durch?“ beim Versuch, einen überfüllten Waggon an der gewünschten Haltestelle zu verlassen, Wunder wirken.

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Wer es einmal geschafft hat, im Supermarkt der Kassiererin, die vertraglich dazu verpflichtet ist, jedem Kunden „Guten Tag“ zu sagen, zu antworten, ihr nämlich ebenfalls einen solchen zu wünschen, dem wird es immer wieder gelingen. Weil das spürbar die Atmosphäre entspannt an diesem Ort, an dem sich keiner länger aufhalten möchte als nötig. Und vielleicht kann er dann eines Tages auf die Frage „Brauchen Sie den Kassenbon?“ seinem Nein auch noch ein Danke folgen lassen. Womöglich wird er der Angestellten dabei sogar ins Gesicht schauen und ein Lächeln sehen.

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