Poetikvorlesung von Christian Kracht : Winzerhut und Gottes Wohlgefallen

Ein Happening im wahren Sinn: Christian Krachts dritte Poetikvorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität.

Jan Drees
Der Autor Christian Kracht.
Der Autor Christian Kracht.Foto: Frauke Finsterwalder/dpa/ picture alliance

„Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie; so auch diese Vorlesungsreihe.“ Christian Krachts Satz, gesprochen am vergangenen Samstag an der Goethe-Universität Frankfurt, denkt man mit beim Abschluss dieser aufsehenerregenden Poetikvorlesung. „Emigration“ ist ihr Titel, „Traum und Trauma“ sind der Inhalt dieser Reihe, die am Dienstag vor einer Woche begann mit dem, was Krachts Verleger Helge Malchow später als „Coup“ bezeichnen sollte.

Der 51-jährige Autor berichtete davon, wie er missbraucht worden war in einem kanadischen Internat. Zahlreiche Medien berichteten, selbst die „Bild“-Zeitung fragte ein Interview an (das abgelehnt wurde). Noch nie gab es eine ähnliche Aufmerksamkeit für die 1959 gegründete Poetik-Vorlesungsreihe, und so wurden dann auch die zweite und nun die abschließende dritte Veranstaltung von jeweils fast 1200 Interessierten besucht.

Man kam in der Erwartung, weitere Geheimnisse zu erfahren, Selbstentäußerungen von einem der rätselhaftesten Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Was dann geboten wurde, war ein Happening im wahren Sinn, denn Ton- oder Videoaufnahmen durften nicht gemacht werden. Die in Frankfurt vorgetragenen Texte wurden vorab nicht einmal der germanistischen Fakultät vorgelegt. Wer also nicht anwesend war, der kann, bemerkenswert für unsere von Speichermedien bestimmte Zeit, nichts von dem nachhören oder wieder lesen, was Christian Kracht gesagt hat.

Anfangs liest Kracht einen Verriss von „Faserland“ vor

Unklar bleibt, ob sein Kölner Hausverlag Kiepenheuer & Witsch die Vorlesungen als Buch veröffentlichen wird. Deshalb reisten sie alle an, das Fernsehen und das Feuilleton, das Schriftsteller-Kollektiv „Rich Kids of Literature“, Suhrkamp-Autor Clemens Setz, zudem eine ganze Riege namhafter Germanisten, die am Wochenende bei einer wissenschaftlichen Tagung über Krachts Ästhetik diskutierten. Der Schriftsteller als Star, so kennt man es noch von jenem Genre, das Ende der 1990er Jahre als Popliteratur bezeichnet und unter das Christian Kracht mit seinem Roman „Faserland“ irrtümlicherweise rubriziert wurde.

Einen Verriss dieses Debüts von Thomas Gsella und Jürgen Roth trug Kracht diesmal zu Beginn vor und desavouierte damit eine spezifische Lesart seines Werks, quasi in Differenz zu seinen in der Vorlesungsreihe getätigten Interpretationshinweisen.

Aber Kracht ist deshalb ein großer Künstler, weil er den Blick auf ihn, den „Porschefahrer“, kurzschließt mit nicht weniger als der heiligen Transzendenz. Diese wird nach seiner Aussage zerstört, sobald ein Künstler sein Werk nicht mehr schafft zu Gottes Wohlgefallen, sondern um sich als Subjekt sichtbar zu machen.

Am Ende bleibt die Leerstelle

Und wenn er dann das Begehren über die Befriedigung stellt, das Aushalten einer Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, dann öffnet Kracht einen Möglichkeitsraum, der weitläufiger ist als bei jenen neurechten Rumplern unserer Tage, über die er sagte: „Ich habe mit diesen Tellkamps und ihren Winzerhüten und ihrem Willen nach Abgrenzung nicht das Geringste gemein.“

Bleibt der Satz über die Parodie, der auch zutreffend sein soll für die Vorlesungsreihe „Emigration“. Was klingt wie eine Randnotiz des Autors zu Susan Sontags berühmtem Essay „Notes on Camp“ ist vor allem die erneute Bildung jenes Zwischenraums, in dem sich Wirkliches und Wundersames beinahe berühren.

Dutzende Texte sind über diese Vorlesungsreihe verfasst worden. Am Ende aber wird es nicht die Tinte sein, die bleibt, sondern die Leerstelle, die Christian Kracht geschaffen hat. Es wird bleiben diese Präsenz des Nicht-Präsenten, diese deutliche Unterscheidung zwischen National- und Welt-Literatur, zwischen Abgrenzung und Umweltoffenheit. Oder, um eine schöne Formulierung von Rainald Goetz zu nehmen, es wird bleiben dieser allzu deutliche Unterschied „zwischen Null und Titan“.

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