Poetisches Denken : Berührtwerden ist alles

Wie entkommt man dem Gefängnis der Theorie? Amir Eshel versucht sich an einem poetischen Verständnis von Kunst.

Maximilian Mengeringhaus
Rätselturm. Dani Karavans Ma'alot-Skulptur in Köln.
Rätselturm. Dani Karavans Ma'alot-Skulptur in Köln.Foto: Raimond Specking

Individuelles Ungenügen ist seit jeher ein kreativer Urgrund der Literaturgeschichte. Sie ist voll von Erweckungserlebnissen, Anekdoten und Legenden, in denen sich Autoren an den eigenen Haaren aus dem Morast der Mittelmäßigkeit zogen. Oder zumindest davon träumten, ihrem Werk, das in Konventionen zu ersticken droht, frische Impulse zu verleihen. So ergeht es auch Amir Eshel, der mit „Dichterisch denken“ akademischen Schreibweisen den Rücken kehren möchte.

„Dies ist ein Essay über beklemmende Gefühle und meine ganz persönliche Reise, die ich antrat, um ihnen auf den Grund zu gehen“, schreibt er gleich zu Beginn. Eshel, 1965 in Haifa geboren, ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der kalifornischen Stanford University.

Vor einigen Jahren veröffentlichte er eine umfangreiche Studie über die zukunftsweisende Kraft von Erinnerungsliteratur, die großen Anklang fand. So weit, so schön, wie Eshel bekennt, hätte er nicht bald bemerkt, dass eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit seinem Buch nicht stattfand. Die Monografie wurde gelobt, aber nicht gelesen.

Lobenswerte Selbstbefragung

Anstatt aber auf blasierte Kollegen und unwissende Studierende zu schimpfen, hinterfragt Eshel zuallererst sein eigenes Tun. Vieles an der eigenen Darstellungsweise wirkt mit einigem Abstand begrifflich verbrämt, muss er sich eingestehen. unnötig verklausuliert, kurz: übertrieben akademisch.

Die horizonterweiternde Kunsterfahrung wird vom theoretischen Diskurs fast vollständig verdeckt. „Der Denkprozess“ hingegen, ist Eshel sich gewiss, „den einige unserer hochverehrten literarischen Werke auszulösen vermögen, kommt nicht durch systematisches Durchexerzieren einer These zustande, sondern durch eine berührende Metapher oder eine bewegende Szene.“ Diese Einsicht darf das Initialmoment des Essays genannt werden.

Dem von Logik und Rationalität geprägten Universitätsgestus gegenüber vertritt Eshel „die These, dass wir poetisches Denken dringend benötigen, damit wir die Diversität und den Reichtum unseres geistigen Lebens schützen und kultivieren können.“

Der Essay als Form

Die Laudatio auf sein Kernkonzept „poetisches Denken“, das nicht nur die Literatur, sondern auch bildende Kunst fokussiert, ist nicht gegenaufklärerisch gemeint. Im Prinzip wünscht Eshel sich offene Zugänge, ein „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt), das es analytisch zu erläutern und zugleich stilistisch zu praktizieren gilt. Die Form des Essays erlaubt beides. Gedichten von Paul Celan und Dan Pagis oder Bilderserien von Gerhard Richter will Eshel sich ohne theoretischen Ballast nähern. Er will die Werke unbefangen auf sich wirken lassen.

Seine Beobachtungen strotzen jedoch vor Verweisen auf Richard Rorty oder Hannah Arendt. Was paradox anmutet, kommt es doch dem Versuch gleich, aus dem Gefängnis der Theorie ausbrechen zu wollen, als Fluchthelfer aber ausgerechnet philosophische Schwergewichte vom Schlage Martin Heideggers zu engagieren. Eshel will geländerlos denken, traut sich diesen Balanceakt ohne diskursives Sicherungsnetz allerdings nicht recht zu.

Das ist schade, gehören die Passagen, in denen er die ausgewählten Werke lediglich beschreibt und ihre Effekte auf ihn als Betrachter sondiert, zu den stärkeren. An einer Stelle, der Autor im Feld besichtigt am Kölner Heinrich-Böll-Platz gerade Dani Karavans architektonisches Environment Ma’alot, führt der Eindruck zu einem eigenen Gedicht. Damit löst der Essay seine ambitionierten Prämissen zumindest dieses Mal praktisch ein. Es interagieren und spiegeln sich die Werke, es wird deutlich, was Eshel unter poetischem Denken versteht, eine Kunsterfahrung nämlich, die Perspektiven infrage stellt und letztlich die Macht hat, diese auch zu verändern.

Poesie als Schaffensprozess

Poetisch kommt vom altgriechischen poiesis, das Denken wird als Teil eines Schaffensprozesses verstanden, es reflektiert und wird schließlich selbst tätig, beispielsweise indem es mit einem Gedicht auf eine großflächige Skulptur reagiert.

Der deutsche Titel „Dichterisch denken“ ist in diesem Kontext schlecht gewählt; das naheliegende „Poetisch denken“ hatte sich Christian Metz’ Studie zur Gegenwartslyrik erst vor zwei Jahren gesichert. Anstatt sich nun etwas einfallen zu lassen, wurde der Titel verrenkt, bis er zu passen schien. Leider weckt dieser Umstand irrige Assoziationen, ist jedoch nicht das einzige Problem des Buchs.

Ein weiteres liegt darin, dass sich Eshels Erkenntnisinteresse in engeren Grenzen bewegt, als es seine vage These erwarten lässt. Die „Wirkmächtigkeit des poetischen Denkens“ sieht er nämlich vor allem in Bezug auf die Bereiche „Politik und Ethik“ am Werk. Das ist einerseits folgerichtig, sind alle Kunstwerke, die er in seine Überlegungen einbezieht, doch Zeugnisse des An- und Eingedenkens, der Shoah und Traumabewältigung.

Es unterstellt letztlich aber auch, dass poetisches Denken sich lediglich entlang von Kunst entfalten kann, deren Wirklichkeitsbezug offensichtlich gegeben oder problemlos dechiffrierbar ist und zudem in der Vergangenheit liegt. Kunst wäre demnach die Evokation von Geschichte mit sinnlichen Mitteln.

Die Dringlichkeit ist in Anbetracht der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre, dem Wiedererstarken überwunden geglaubter Formen von „Tyrannei“, die Eshel nicht nur in Russland oder den USA ausmacht, und die sich betont geschichtsvergessen oder historienverfälschend inszenieren, fraglos gegeben.

Binsenweisheiten statt existenzieller Erfahrung

Entgegen des Plädoyers für ein „Denken ohne Geländer“ bewegt dieses sich gleichwohl in strikt vorgegebenen Bahnen. Ohne die Begriffszuspitzung näher zu begründen, arbeitet Eshel mit einem Begriff von Kunst, der enger gefasst kaum sein könnte (von seiner Zweckgebundenheit ganz abgesehen).

In einem Seminar über Ästhetik würde man Eshel seine klammheimlichen Vorannahmen nicht ohne Weiteres durchgehenlassen. Häufig gelingt es ihm darüber hinaus nicht, der Kunsterfahrung, die er als existentiell erachtet, angemessen Ausdruck zu verleihen.

Am Ende stehen Binsenweisheiten wie jene von der Kunst als Lehrerin der Empathie. Dass Mitmenschlichkeit wiederum kein selbstverständliches Gut ist, zeigt der Hass auf das vermeintlich Fremde und die sogenannten Anderen, der Antisemitismus oder die Islamfeindlichkeit, die extreme Xenophobie, deren Zeugen wir täglich werden. Die vielen Themen, die sein Essay alle gleichzeitig in den Blick nehmen will, kommen sich in die Quere.

Vielleicht ist die Antwort, die Eshel zu geben gedenkt, schließlich nicht so bedeutend, wie die Frage, die er aufwirft: Wie schaffen es die Geisteswissenschaften, den Blick auf die Wirkungsweisen von Kunst nicht zu verstellen, ohne selbst alle Legitimation zu verlieren?

Amir Eshel: Dichterisch denken. Ein Essay. Aus dem Englischen von Ursula Körnen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 279 Seiten, 24 €.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!