Pop und Literatur : Nachts am Tresen

In der Berliner Bar 3 trinken - und danach auch schreiben: Der von Karola Prutek und Jelena Trivic herausgegebene Erzählband "Milchschweine und Sirenen".

Leben in der Bar, Schreiben lieber zuhause: Szene aus einer Frankfurter Bar.
Leben in der Bar, Schreiben lieber zuhause: Szene aus einer Frankfurter Bar.Foto: picture alliance / dpa

Wer sich nachts in Kneipen und Bars herumtreibt, in bestimmten Szene-Locations zumal, weiß, dass viele der Tresenkräfte hier bloß jobben und sich hauptberuflich mit den Künsten beschäftigen, was wiederum gewisse ökonomische Zwänge mit sich bringt. Auch in der insbesondere von der Kunstszene der nahe liegenden August- und Linienstraße frequentierten Bar 3 in Berlin-Mitte ist das nicht anders. Hier haben bis Mitte vergangenen Jahres die Künstlerin Jelena Trevic und die Designerin Karola Prutek hinter der Bar gestanden – und während dieser Zeit viel auch an anderen Projekten gearbeitet.

Texte zwischen poetischem Auf- und einem brutalen Abbruch

Wie zum Beispiel an der Gründung eines Verlages. Dessen erste Veröffentlichung ist der Band mit dem schönen Titel „Milchschweine und Sirenen“. Trevic und Prutek verstehen ihn als einen Raum, „in dem unerwartete Begegnungen verschiedener Stimmen entstehen können“, unter bewusstem Verzicht auf thematische Vorgaben. So findet sich in diesem Band viel Disparates, formal wie inhaltlich. Es gibt hier schöne Zeichnungen mit mal feinem, mal satt farbigem Strich von Kalina Lindena; es gibt die frei vor sich hin mäandernde, vor allem aus lyrischen Bruchstücken bestehende Prosa des Künstlers Lothar Hempel; es gibt Texte, die irgendwo zwischen einem poetischen Auf- und einem brutalen Abbruch angesiedelt sind, dann wieder eine Erzählung über eine Galeristin und ihren Liebhaber zwischen Berlin und San Sebastián oder eine Georges-Perec-artige ohne Ä, zudem einen größeren Auszug aus einem Arztroman, dessen Held der alles andere als sympathische Psychoanalytiker Klaus Eisen ist.

Die Folie all dessen stellt das Nachtleben dar, in dem Popkultur und Bildende Kunst gleichermaßen ihre Rollen spielen. Was allerdings fehlt: die große, trunkene Bar-3-Geschichte. Aber die folgt vielleicht im zweiten Band von „Milchschweine und Sirenen“. Gerrit Bartels

Karola Prutek, Jelena Trivic (hrsg.): Milchschweine und Sirenen Erzählungen. Peripetie Verlag, Berlin 2017. 178 Seiten, 19 €.

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