Auftritt im DDR-Fernsehen

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Die Geschichte : Ganz junge Pioniere: Hip-Hop in der DDR
Im Tonstudio Schulzendorf: Marco Birkner und Olaf Kretschmann 1989.
Im Tonstudio Schulzendorf: Marco Birkner und Olaf Kretschmann 1989.Foto: privat

MB: Eines Tages überraschte uns mein Vater mit der Nachricht, dass wir im Jugendmagazin „Klik“ im Fernsehen auftreten durften. Der Redakteurin hatte unser Gig im Wohnzimmer gefallen. Wir fuhren zur Aufzeichnung nach Waren in einen Jugendklub. Die Sendung griff über 45 Minuten Fragen des Lifestyles auf, zwei Bands traten dazu auf. Kurz vor dem Auftritt fiel der zuständigen Redakteurin plötzlich auf, dass wir Englisch sangen. Das gab es vorher noch nie in der Sendung.

OK: Ich musste den Text schnell übersetzen, um den Fernsehredakteuren zu versichern, dass ich keine systemfeindlichen Botschaften propagierte. Auf der Bühne trug ich eine Art großen schwarzen amerikanischen Predigerhut, eine riesige Plastik-Sonnenbrille und ein Jackett. Marco trug auch eine Sonnenbrille und einen Jogginganzug. Die Leute müssen gedacht haben, wir kommen von einem anderen Planeten. Als die Sendung im November 1988 im Fernsehen lief, wurde unsere Adresse eingeblendet. Pro Tag erreichten uns danach 200 Briefe, manche mit falschen Adressen wie Elektronik Bio Cool. Wir kriegten Autogrammwünsche, einige kapierten einfach nicht, dass wir aus dem Osten waren, andere wollten wissen, wo man die Musik kaufen kann.

MB: Plötzlich trat sogar Amiga an uns heran, das DDR-Plattenlabel.

OK: Die sahen uns im Fernsehen – und legten dann fest: Mit denen machen wir eine EP, eine so genannte Quartettsingle mit vier Titeln. Wir wurden gar nicht gefragt. Eines Tages kam ein Brief, in dem stand: Wir hätten gerne vier Titel von euch. Leider hatten wir nur zwei auf Band, die Amiga stellte uns aber weder Studio noch Geld für die Produktion zur Verfügung. So beschlossen wir, zwei Stücke zuhause bei Marco aufzunehmen.

MB: Im Tonstudio Schulzendorf, so steht es auf der Platte. In Ermangelung des Studios habe ich meinen Kleiderschrank ausgeräumt, mit Decken ausgelegt und Olaf hat sich hineingestellt. Nach zwei Aufnahmen musste er raus, um Luft zu schnappen. Aber wir haben es tatsächlich geschafft. Anfang 1989 haben wir die Bänder abgegeben.

OK: Einmal ging ich zu Amiga. Ich wollte mit den Grafikern über unser Cover reden. Die Büros befanden sich direkt an der Mauer, gegenüber dem Reichstag, heute sitzt in dem Gebäude der Bundestagspräsident. Wir brauchten einen Passierschein, um hineinzukommen. Von den Fenstern im ersten Stock sahen wir plötzlich auf die Mauer und den Reichstag dahinter. Ich dachte: Wenn ich hier arbeiten würde, würde ich die Krise kriegen, ich würde jeden Tag daran denken, wie ich jetzt auf die andere Seite komme. Natürlich lachten die mich aus, weil ich unser Cover beeinflussen wollte.

MB: Wir wussten nicht einmal, an welchem Tag die Platte herauskam. Amiga ging davon aus, sie tun uns etwas Gutes – was auch stimmte. Wir haben 850 Mark als Einmalzahlung bekommen, ohne einen richtigen Vertrag. Die Verkaufszahlen spielten keine Rolle. Amiga durfte nur eine bestimmte Anzahl von Platten produzieren pro Künstler – mehr war im Plan nicht vorgesehen. Insgesamt wurden 10 000 gepresst, die Platte war schnell ausverkauft.

OK: Ich fuhr einmal pro Woche in den Plattenladen nach Eichwalde, um zu sehen, ob die Platte im Regal stand. Als sie endlich kam, erhielt ich ein Exemplar. Mehr ging nicht, der Laden hatte nur zwei bekommen. Danach begannen die Diskotheken, uns rauf und runter zu spielen. „Here We Come“ und „Go Go“ legten die Discjockeys gerne auf, weil sie gezwungen waren, 60 Prozent an DDR-Titeln zu spielen – und da war ihnen ein Lied, das international klang, natürlich lieber. Trotzdem erkannte uns nie jemand, wir existierten in der offiziellen Musikpresse gar nicht.

MB: Die etablierte Rockszene war nicht unser Ding. Musik wie in der DDR gab es nirgendwo sonst auf der Welt – so ein Rockpop mit schwülstigen Texten. Wir fanden das schrecklich, weil es nichts mit unserem Lebensgefühl zu tun hatte. Eines unserer besten Konzerte war unsere letzte Einstufung im „Haus der Jungen Talente“. Als wir an der Reihe waren, füllte sich der Saal plötzlich mit Fans.
OK: Weil ich davor Plakate geklebt hatte – natürlich illegal. Das war am 12. Oktober 1989, einen Tag bevor Erich Honecker zurücktrat. Damals merkte man richtig, wie die Stadt brodelte.

MB: Wir traten auch am 7. Oktober auf, am Tag des Republik-Geburtstags. Von der Schönhauser Allee fuhren wir mit dem Trabant nach Adlershof – und am Alex kamen wir in eine Demonstration zwischen Polizei und Bürgerrechtlern. Zum ersten Mal sah ich LKWs, die vorne Metallschieber hatten und Menschen zusammenscheuchten. Es sah extrem bedrohlich aus. Die ganze Zeit sah man im Fernsehen die Menschen, die es in den Westen geschafft hatten. Täglich war ich frustriert, aber es war trotzdem schön, dass man mit der Musik Erfolg hatte. Weil ich wusste, mit dem Ostmuff der DDR hatte das nichts zu tun. Dann ging am 9. November die Mauer auf. Ich war an der Sonnenallee dabei. Es war ein unfassbarer Moment, als die Schranke hochging. Ich wollte sofort zu dem Laden in der Hauptstraße, in dem mein Opa das Keyboard gekauft hatte.

OK: Ich ging zu Pinky Records nach Steglitz – ein kleiner Spezialistenladen. Und da habe ich gemerkt, wie teuer eine Hip-Hop-Maxi sein kann. Und welchen Wert Musik hat.

MB: Nach der Wende meldete sich auch Amiga wieder. Uns wurde ein Budget für ein Album zugestanden. Der Etat belief sich auf 20.000 Ostmark für Produktion, Rechte und Verkauf. Diesmal rappte Olaf im Bad und nicht im Schrank.

OK: Ohne, dass wir etwas taten, erhielten wir die Chance, im Westfernsehen aufzutreten. „Formel Eins“ drehte mit uns in einer U-Bahn-Station im Osten, für die „ZDF Hitparade“ fuhren wir Anfang 1990 in die Studios der Berliner Unionfilm. Zur selben Zeit gaben wir die Masterbänder für das Album ab. Kurzzeitig kam die Vinylplatte im Frühjahr in den Handel, aber irgendwie schien das Interesse nachzulassen.

MB: Die DDR-Bürger hatten auf einmal andere Sorgen. Ich bekam ja auch jeden Tag Kopfschmerzen, weil so viele neue Eindrücke auf mich einbrachen.

OK: Und dann wurde mein Sohn geboren. Dadurch veränderte sich alles für mich. Ich kann gar nicht exakt sagen, wann unser letzter Auftritt war – ich schätze, Ende 1990.

MB: Die Crew war für uns eine Nische in der Jugendkulturwüste DDR. Sie war ein Ventil. Nach 1990 haben sich die Prioritäten verschoben – und so zogen wir uns langsam aus der Öffentlichkeit zurück.

Bandinformationen: www.electric- beat-crew.de.

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