Der erste Hit

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Die Geschichte : Ganz junge Pioniere: Hip-Hop in der DDR
Im Tonstudio Schulzendorf: Marco Birkner und Olaf Kretschmann 1989.
Im Tonstudio Schulzendorf: Marco Birkner und Olaf Kretschmann 1989.Foto: privat

OK: Samstagnachmittags saß ich bei Marco, spielte ihm Tracks vor und sagte: Hör dir mal die Grooves an. Dann versuchte Marco ähnliche Rhythmen auf dem Keyboard zu spielen. So entstand unser Hit „Here We Come“. Die Bass-Linie ist vom Track „Jam On It“ von Newcleus, nur einen Tick anders gespielt, die Anfangssequenz von Kid Frosts „Terminator“ – und das Rapping sollte an Grandmaster Flashs „The Message“ erinnern. Wir wollten nicht klauen, wir fanden die Sounds nur so geil.

MB: Es war typisch für die DDR, sich eine eigene Welt aufzubauen, einen kleinen Freiraum unabhängig von der FDJ. Wir tüftelten im Jugendzimmer herum, manchmal kamen meine Eltern herein und fanden das ganz niedlich. Mein Vater arbeitete als Toningenieur beim Fernsehen – und spielte der Jugendredakteurin einmal einen Track von uns vor.

OK: Und Ende 1987 lud man sie ins Wohnzimmer von Marcos Eltern, wo wir vorspielen mussten. Die Situation war eigenartig: Wir bereiteten uns im Kinderzimmer vor, luden die Musik-Daten von einer Kassette in den Computer ein, die Erwachsenen saßen auf der Couch im Wohnzimmer und riefen irgendwann: So, ihr dürft jetzt kommen! Und dann musste ich vor Marcos Eltern und den anderen mit meinem Basecap rappen. Nach zwei Liedern wurden wir frenetisch gefeiert, verschwanden aber wieder schnell aus dem Wohnzimmer.

MB: Ich weiß noch, kurz zuvor suchten wir den Namen aus. Olaf wollte, dass wir uns Electric Beat Force nannten, aber das war mir zu heikel. Das klang nach Air Force, zu aggressiv.

OK: Wir arbeiteten weiter an Titeln, immer am Wochenende, Marco ging ja noch an die Oberschule in Königs Wusterhausen, ich lernte in Lichtenberg. Unser Ziel war, mit der Electric Beat Crew aufzutreten. Dafür brauchten wir eine Einstufung als Künstler.

MB: Wir bewarben uns im Kreiskulturkabinett. Es gab grundsätzlich zwei Arten von Musikern: Amateure und Profis. Die Profis studierten Musik, sie bekamen ihren Schein nach dem Diplom. Als Amateur konnte man eine Grund-, Mittel-, Ober-, Sonder- und Sonderstufe mit Konzertberechtigung erhalten. Zweimal im Jahr tagte im Kulturhaus Königs Wusterhausen die Einstufungskommission und sah sich die Bewerber an. Das war wie ein kleines Festival, nur ohne Zuschauer. Wir spürten, dass die Einstufer unsere Musik nicht verstanden. Aber wir brauchten den Wisch, um Gigs zu spielen.

OK: Auf der Veranstaltung traten neben uns Bauchredner und Puppenspieler auf. Am Ende kam eine Frau aus dem fünfköpfigen Gremium zu mir und sagte: Ich möchte Ihnen noch einen guten Tipp geben: Singen Sie auf Deutsch! Unsere Registrierkarte für Tanzkapellen bekamen wir trotzdem. Kurz darauf, im Frühling 1988, traten wir zum ersten Mal auf, in einem kleinen Club an der Französischen Straße. Es waren nur 13 Leute da, aber es war aufregend.

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