Sven Väth als abschreckendes Beispiel und absurde Song-Titel

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Paul Kalkbrenner im Interview : "Ich bin ein bisschen wie Ramses"
Wie im Film. Mit "Berlin Calling" wurde Paul Kalkbrenner berühmt, darin spielt er "DJ Ickarus" - also quasi sich selbst.
Wie im Film. Mit "Berlin Calling" wurde Paul Kalkbrenner berühmt, darin spielt er "DJ Ickarus" - also quasi sich selbst.Foto: Thilo Rückeis

Von Ihrem Frankfurter Kollegen Sven Väth kursiert auf Youtube ein Video, in dem er während eines Sets das Publikum unterhält – mit Sprüchen wie „Es ist all about gude Laune“ oder „Die Message is Feierei“.

Ich halte gar nichts von „Gude Laune“. Ich kann auch für großen Jubel sorgen, ohne irgendeinen Ton zu sagen. Ein bisschen wie Ramses. Der hat auch nie was gesagt, Ramses stand immer nur da.

Aber warum?

Ich will meine Musik nicht verschandeln.

Immerhin haben Ihre Lieder Titel. Die Ihres neuen Albums „Guten Tag“ heißen etwa „Speiseberndchen“, „Das Gezabel“ oder „Schnurbi“. Was soll uns das sagen?

Gar nichts. Der Einzige, der damit vielleicht etwas anfangen kann, bin ich selbst.

Okay, dann mal exemplarisch: Was genau fangen Sie mit dem Wort „Schnurbi“ an?

Das ist reines Dada. Buchstabensuppe. Manches ist blödes Gequatsche aus Teenagerzeiten. So Sachen, die man auf Diktierkassette aufgenommen hat und sich dann auf seinen ersten Joints halb schlapp gelacht hat.

Geben Sie damit nicht denen recht, die sagen: Techno hat keine Botschaft, keine Inhalte?


Meine Musik ist der Inhalt, der Rhythmus, der Beat. Und ich empfinde Freude beim Gedanken daran, dass ich Radiomoderatoren zwingen kann, meine Quatschtitel anzusagen.

Wenn ein Außerirdischer käme, der Ihre Musik gar nicht kennt – wie würden Sie dem erklären, was Sie da eigentlich machen?

Ich würde ihn vollknallen mit meiner Musik, danach hätte er keine Fragen mehr.

Von welchen Künstlern lassen Sie sich inspirieren?

Ich höre gar keine andere Musik, vor allem nicht in Phasen, wenn ich komponiere. Weil ich ein guter Kopist bin. Sobald mich irgendwas inspiriert, mach ich genau das. Wer nichts hört, ist auch dagegen gefeit, irgendwelchen Trends hinterher zu laufen. Meine Musik kommt von innen.

Wie genau muss man sich das vorstellen?

Ich drehe unter Druck auf und werde erst richtig gut, wenn die Deadline sichtbar ist. Mein Onkel ist Maler, der sagt: Ein Maler malt immer, selbst wenn er nicht vor der Leinwand steht. So ist das auch bei mir. Als elektronischer Musiker arbeitet man ja an Dutzenden Ideen gleichzeitig. Die Schwierigkeit besteht darin, die Stücke fertig zu machen. Wie arrangiere ich die Tonspuren so, dass ich auf 5 Minuten 21 komme? Was dann folgt, ist Handarbeit. Dazu muss ich mich am Ende fast zwingen. Theoretisch könnte ich mich ja immer weiter in Feinheiten verlieren. Wichtig ist, den Zeitpunkt zu erfühlen, an dem man sich von dem Stück löst und sagt: So, das ist jetzt nicht mehr antastbar.

Sie haben niemanden, der Ihnen Feedback gibt?

Früher musste ich meine Platten dem Label vorzeigen. Da hat man mir in die Songs reingequatscht, mach mal so, mach mal so. Das ist jetzt vorbei, denn ich habe mein eigenes Label. Ich muss mich nicht mehr beschränken lassen. Außerdem kann mir niemand besseres Feedback geben als ich. Auch zur Länge der Songs und Reihenfolge. Ich gebe mir da viel Mühe. Ach nee, das erzähle ich nicht.

Nur zu.

Naja, das ist bei mir ein grafisches Ding. Ich nehm für jeden Song ein großes Stück Papier, schreib den Titel drauf und noch ein paar Wörter, die das Stück beschreiben. Wie lang es ist und wie schnell. Klingen Schellen dabei oder nicht? Dann leg ich die Zettel auf den Fußboden und schieb die so rum, wie man Möbel rückt. Eine Woche lang hin und her. Vor ein paar Jahren konnte ich das noch nicht.

Wann haben Sie das letzte Mal so heftig gefeiert, dass Sie es hinterher bereut haben?

Ich bereue es schon, wenn ich nach einem meiner Konzerte noch Backstage anstoße und dann statt acht Stunden nur vier schlafen kann. Da bin ich schon bedient. Wenn ich in meinem Alter mal richtig loslegen würde, ginge es mir anschließend richtig schlecht. Eine halbe Nacht Gas geben und dafür drei Tage krank im Bett liegen? Nein, danke. Das steht einfach in keinem Verhältnis mehr.

Stimmt es, dass Sie nach drei Uhr nachts nicht mehr auftreten?

Ich bin doch schon 35, ich muss haushalten. Wenn ich von zehn Uhr abends bis ein Uhr auftrete, habe ich mehr Kraft. Ich bin ein Abendtyp, kein Nachttyp.

Wann haben Sie das letzte Mal durchgemacht?

Das ist ewig her.

Vielleicht im August auf Ihrer Hochzeit? Sie haben drei Tage auf Schloss Herzfelde in der Uckermark gefeiert.

Nein, da sind wir irgendwann ins Bett. Da waren ja die ganzen Omas und Tanten und Eltern dabei.

Wer hat sich bei Ihrer Hochzeit eigentlich um die Musik gekümmert?

Freunde von mir und meiner Frau. Die haben vorab eine Liste bekommen mit Liedern, die wir gerne hören wollten.

Verraten Sie uns, was da drauf stand?

Das ist eine viel zu private Frage, und genau weiß ich’s auch nicht mehr, denn darum hat sich meine Frau gekümmert. Ich musste nur erscheinen.

Erinnern Sie sich an die Musik, die in Ihrem Elternhaus lief?

Meine Eltern waren keine großen Musik-Fans. Bei uns liefen DDR-Schallplatten, „Der Traumzauberbaum“, Reinhard Lakomy, so was. Aber auch nordirische Folkmusik oder Western. Ennio Morricone, Winnetou-Musik. Ich habe viel Radio gehört. Meine Eltern wollten mich immer für DT 64 begeistern, aber das fand ich nicht so gut. Ich mochte Rias 2, saß stundenlang vorm Radio und habe die Songs auf Kassette mitgeschnitten.

Haben Sie die Bänder noch?

Die nicht mehr, dafür ein paar alte Techno-Kassetten. Die hatte ich neulich mal wieder in der Hand und wollte sie mir anhören. Nachdem ich minutenlang vor- und zurückgespult habe und total genervt war, wusste ich, warum dieses Medium heute ausgestorben ist.

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