Porträt der Musikerin La Fraîcheur : Die Bewegungshelferin

DJ und Produzentin La Fraîcheur verbindet Techno und Politik. Jetzt ist das Debütalbum der Wahlberlinerin erschienen.

Perrine Sauviat alias La Fraîcheur.
Perrine Sauviat alias La Fraîcheur.Foto: Chris Phillips

Perrine Sauviat hat gerade viel um die Ohren. Sie kommt eben erst von einem DJ-Gig, am nächsten Tag wird sie wieder einen Auftritt haben, am übernächsten auch. Rein in den Flieger, raus aus dem Flieger, auflegen, zurück nach Berlin und am nächsten Morgen dreht sich das Karussell erneut. Der übliche Wahnsinn im Leben eines DJs. Drei Remixe müsse sie in den nächsten Wochen auch noch anfertigen, sagt sie. Dafür brauche sie Ruhe, müsse sich in ihr Studio einschließen.

Aber nun sitzt Perrine Sauviat in einem Café im Prenzlauer Berg, in der Nähe ihrer Wohnung, und lässt sich den Stress kein bisschen anmerken. Man muss ihr nur eine kurze Frage stellen und schon redet sie, erklärt, gestikuliert, rollt die Augen und ist kaum zu stoppen. Sie hat klare Meinungen, und sie hat – auch wenn sie hier vor allem als DJ und Technoproduzentin sitzt – mehr zu erzählen als ein paar Anekdoten aus der Musikwelt.

Perrine Sauviat ist 35 und hat gerade ihr erstes Album unter ihrem Alias La Fraîcheur veröffentlicht. Erst, könnte man sagen. Andererseits kann man eine Karriere als DJ auch am Laufen halten, ohne selbst etwas zu veröffentlichen. Allerdings, ein eigenes Album verschafft mehr Aufmerksamkeit. Und mehr Aufmerksamkeit sorgt für mehr DJ-Bookings. So sind die Spielregeln in dem Geschäft.

Bassdrumgewitter und die Stimme von Angela Davis

Perrine Sauviat ist jedoch keine, die sich irgendwelchen Spielregeln unhinterfragt unterwirft. Das wird vom ersten Moment an klar, wenn man sich mit ihr unterhält. Und ihr Album mit dem Titel „Self Fulfilling Prophecy“ ist auch alles andere als die übliche Ansammlung von Clubtracks, mit denen sich gut die nächste Party bestreiten lässt, die aber übermorgen schon wieder vergessen sind. Beim dritten Stück etwa, einer Nummer mit dem Titel „The Movements“, ist man einigermaßen irritiert, wenn da nicht nur Bassdrumgewitter und Synthieknarzen zu hören ist, sondern sich immer wieder die Stimme der amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis zu den Beats gesellt. Es wummst und die betont unterkühlte Maschinenmusik schreitet unbarmherzig voran, doch gleichzeitig erzählt einem da diese gesampelte Stimme etwas von Protesten in Ferguson und Palästina und lobpreist soziale Bewegungen.

Clubben ist Eskapismus, es geht darum, beim Tanzen eine gute Zeit zu verbringen. Mit „The Movements“ lässt sich ein Rave jedoch in ein Politikseminar verwandeln, in dem man trotzdem tanzen und die Hände in die Luft werfen kann. Und so geht es weiter auf dem Album. Sechs der neun Stücke sind klassisch instrumentale Technotracks, doch in den anderen dreien wird theoretisiert, philosophiert und politisiert. So lässt La Fraîcheur in „The New Born ist Not Born Yet“ eine Aktivistin über die G20-Proteste in Hamburg reden und in „Limb By Limb“ zwei Theoretikerinnen über Körperpolitiken reflektieren. Im Folk und im Rock gibt es schon lange Protestsongs, La Fraîcheur macht jetzt Protesttechno.

„Ich bin nicht linksradikal, ich bin einfach nur links“, sagt sie. Dieses Links-Sein ist ihr aber sehr wichtig und vielleicht ist es am Ende auch ein wenig radikal. Emmanuel Macron jedenfalls sei viel schlimmer als Marine Le Pen vom Front National, glaubt sie. Weil er in vielerlei Hinsicht kaum besser sei als die Anführerin der Rechtsnationalen, seine ungute Politik aber mithilfe seines berühmten Charmes hervorragend verkaufen könne.

Noch immer sind weibliche DJs in den Clubs in der Minderheit

Sie bezeichnet sich selbst als queer, betrieb eine Weile in der Wilden Renate die Partyreihe „Quer“, für die sie inzwischen jedoch keine Zeit mehr hat. Als DJ fühlt sie sich besonders dem Friedrichshainer Club Mensch Meier verbunden, der wie kein anderer in Berlin daran arbeitet, Clubkultur mit politischem Bewusstsein zu verbinden. Zum anderen ist sie ist Teil des Netzwerkes „Female:Pressure“, das weibliche DJs sichtbarer machen will. Auch dank dieses Netzwerkes ist das Thema Frauen im Partybetrieb inzwischen überhaupt eines. Man hat erkannt, dass in der vermeintlich so progressiven Clubkultur ganz offensichtlich sexistische Strukturen vorhanden sind. „Es hat sich da auch was getan“, sagt Sauviat, „den Satz ,Toll, eine Frau, die auflegt‘ höre ich kaum noch.“

Doch diese Entwicklung geht ihr eindeutig zu langsam: „In den letzten fünf Jahren ist der Anteil von Frauen in den Clubs von zehn auf 15 Prozent gestiegen. Das ist ein so langsamer Fortschritt, dass es kaum ein Fortschritt ist.“ Von Bookern und Clubangestellten höre sie inzwischen außerdem, dass es langsam auch mal wieder reichen müsse mit dem Frauen-DJ-Thema. „Aber es reicht verdammt noch mal nicht damit, solange nicht genauso viele Frauen wie Männer gebucht werden.“

Aufgewachsen ist Perrine Sauviat in Nantes, im Westen Frankreichs. Sie ging nach Paris, um Kunstgeschichte zu studieren, entdeckte aber bald die Musikwelt fürs sich. Für einen Club buchte sie kleine Indiebands und machte sich schließlich selbstständig als Bookerin. „Mit 30 hatte ich dann einen Burn-out“, sagt sie, „ich wohnte in einer der teuersten Städte der Welt und konnte kaum leben von meiner Arbeit.“ Sie versuchte einen Neuanfang in Montréal. Es gefiel ihr dort, doch als ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wurde, wollte sie nicht zurück nach Paris, sondern in eine Stadt mit höherer Lebensqualität. Das war für sie Berlin.

Erst hier habe sie das Tanzen entdeckt. Den Berliner Clubs würde es noch um etwas anderes gehen als nur darum, den Gästen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen, glaubt sie. Sie schwärmt von den After-Hours, davon, dass man die ganze Nacht und meist den nächsten Tag auch noch Zeit habe, in das Treiben auf dem Dancefloor einzutauchen. In anderen Städten sei die Party um zwei Uhr nachts schon wieder zu Ende.

Erst das Tanzen hat Perrine Sauviat dazu gebracht, selbst Musik produzieren zu wollen, mit der man die Menschen zum Tanzen bringt. Und zum Nachdenken.

„Self Fulfilling Prophecy“ ist bei Infiné erschienen. DJ-Set bei der Tresor Klubnacht, 6.7., 23.59 Uhr

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