Porträt der Musikerin Wallis Bird : Dehne die Zeit mit mir

Die Berliner Musikerin Wallis Bird hat gerade ihr Folk-Pop-Album „Woman“, das sie diese Woche live vorstellt. Ein Interview-Spaziergang durch Kreuzberg.

Julia Friese
Wallis Bird, 37, studierte in Dublin und wohnt seit einigen Jahren in Berlin.
Wallis Bird, 37, studierte in Dublin und wohnt seit einigen Jahren in Berlin.Foto: Jens Oellermann

Sie hat ein Fahrrad, das sie „the tank“ – den Panzer – nennt. Als Kind kam ihre linke Hand in einen Rasenmäher, der alle Finger Hand abschnitt. Vier davon wurden wieder angenäht. Sie ist Linkshänderin und spielt eine Rechtshändergitarre, die sie einfach umdreht. Damit macht sie Folk vermischt mit Soul und Pop.

Sie kommt aus Irland und verehrt Joni Mitchell. Auf ihrem neuen Album, es ist ihr sechstes, hat Wallis Bird alle Instrumente selbst eingespielt, und wenn sie nun auf Tour geht, durch Japan, Europa, Neuseeland und Nordamerika, dann wird die 37-Jährige auch wieder alle Instrumente selbst spielen. Sie nennt das: One Woman Show. Oder: What a woman can do.

Im Berliner Auster Club stand Wallis Bird mal zwölf Stunden auf der Bühne. 2016 war das. Allerdings kamen befreundete Künstlerinnen und Künstler vorbei, um mitzumachen. Zu gern, sagt sie, würde sie das noch mal machen. Aber war das nicht irre anstrengend? Die Musikerin sagt, nein, das war nicht anstrengend, und ist dabei sehr bestimmt. Die Frage war zu deutsch, zu bürokratisch. Ein weiteres Zwölfstundenkonzert hat sie aber nicht geplant.

In Berlin tritt sie diese Woche im Metropol am Nollendorfplatz auf. Zwei Sound Artists sollen sie auf die Bühne begleiten. Sie will es „theatrical“, sagt sie an einem sonnigen Tag bei einem Spaziergang durch Kreuzberg.

Frausein ist für sie vor allem ein Gefühl

„Woman“ – in Großbuchstaben geschrieben – heißt ihr Album. Berlin, die Stadt, in der sie seit Jahren wohnt, und durch die sie gerade läuft, habe einen matriarchalen Vibe, sagt sie. Wo eigentlich? Sie sagt, es gäbe hier Respekt zwischen Männern und Frauen. Der Machismo sei nicht so stark ausgeprägt. Männer schöben Kinderwägen und gingen in Elternzeit. Aus Dublin, wo sie Musik studierte, kenne sie das nicht. Da gelte der Mann als Ernährer.

Gut, aber wusste sie, dass Ärzte in Berlin ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass der Vater nach der Geburt seines Kindes nach Hause geht, weil er am nächsten Tag doch arbeiten müsse? Nein, das wusste Wallis Bird nicht. Auf dem Cover von „Woman“ ist eine Frau vor einer Weltkugel zu sehen. Sie hält eine Fackel über ihrem Kopf. Mit dem Füßen steht sie im Wasser, weitere Frauen schwimmen drin. Es ist ein Gemälde der spanische Künstlerin Maria Torres.

Eine Frau – was ist das für Wallis Bird? Sie überlegt, geht über eine Ampel, assoziiert. „Eine Frau zu sein, das ist ein schwer beschreibbares Gefühl,“ sagt sie. „Empfindsamkeit gehört dazu. Vielleicht auch ein mütterliches Gefühl von Sorge? Die Form eines Körpers? Die Sensitivität der Vagina? Ihre Kraft? Eine Frau kann Leben schaffen,“ sagt sie. Dann bleibt sie stehen. „Aber auch Menschen, die das nicht können, können sich als Frau fühlen,“ sagt sie. Frau zu sein ist vielleicht wirklich nicht mehr als ein Gefühl.

Ein Song gegen gegen Rassismus und Ausgrenzung

Das Gesicht der Plattencover-Frau ist dem der Patentochter von Wallis Birds Partnerin nachempfunden. Sie ist drei Jahre alt. Bird sagt, ihr Gesichtsausdruck sei stark, denn er sei unverdorben. Niemand habe ihr bisher gesagt, was sie sein und was sie nicht sein kann. Die Patentochter habe zudem viele ethnische Hintergründe. All das passe zu ihrem Album, denn sie wollte ein politisches, ein starkes Soul-Album machen, das Stellung bezieht gegen Rassismus und Ausgrenzung. In der Single „As The River Flows“ singt sie: „To the land/To the sea/To safety/To Aylan Kurdi“.

Das Bild des auf der Flucht im Mittelmeer ertrunkenen syrischen Zweijährigen habe sie lange nicht in Ruhe gelassen. Sie wollte ein Lied schreiben, das den Rassisten sagt: Eure Zeit ist um. Und jedem sage: Wir müssen gegen Grenzen und Rassisten kämpfen. Wir alle. Und wie genau sollte das denn aussehen? Bird sagt: „Vielleicht hilft es schon, wenn wir uns alle zu mehr Empathie ermahnen. Wenn man innere Ruhe lernt, seinen Impulsen nicht nachgibt. Das Äußere von Menschen zum Beispiel nicht ungefragt kommentiert. Nachdenkt.“

Jeder wolle ständig besser sein als der Nächste. Davon müsse man sich frei machen, findet Wallis Bird. „Übrigens,“ fügt sie hinzu, „ist die innere Ruhe auch der Weg, auf dem Kunst zu einem kommt.“ Denn Kunst passiere einem nicht. Wallis Bird setzt sich feste Zeiten, zu denen sie komponiert und schreibt. Sonst sei das Jahr rum, und sie habe nichts gemacht. „Das geht nicht,“ sagt sie, „denn ich bin Karrieremusikerin.“

Am Anfang des Songschreibens sind alle Ideen erlaubt

Wie sieht das bei ihr aus mit dem Schreiben? Sie sagt, sie setze sich hin, auch in reizlosen Situationen, und schwöre sich ein: „Ich bin bereit. Hier ist mein Papier und mein Stift.“ Und dann erlaube sie sich alles. Wenn sie gerade an Blödsinn denke, wie an einen süßen Hund, dann schreibe sie eben über diesen süßen Hund. „Das ist der Anfang, dann schreibe ich weiter, schreibe alles auf, was mir einfällt. Das Lied zeigt sich irgendwann in dem Text. Du musst es nur aus dem Text herauskürzen.“ Eigentlich sei es einfach, wenn eine Idee da ist, müsse man ihr nur folgen.

Tom Waits allerdings sähe das anders, sagt sie. Wenn dem in einem ungünstigen Momenten eine Idee käme, etwa wenn er gerade Auto führe, dann sage er der Idee: Ich kann gerade nicht, ich muss mich jetzt auf das Autofahren konzentrieren, du musst später wiederkommen. Wallis Bird lacht.

Es wird Zeit, zu etwas Ernstem zu kommen. Denn der Tod ist auch eines der Themen auf dem Album. „Life is long und time is short“ heißt es in einem Song über ein Wochenende mit ihren irischen Eltern, und ein anderes Stück heißt gleich: „Time is not waiting“. Bird findet: „Man ist im Grunde nie zu jung, um über das eigene Ende nachzudenken.“ Zeit sei relativ. Jeden Moment könne es vorbei sein. Das einzige Positive, was man dem entgegen halten könne, sei, seine Zeit zu dehnen. Zu versuchen, möglichst viel Leben aus jedem Tag herauszuholen. Dieses Interview habe Zeit gedehnt, weil es während eines Spazierganges stattfand, und nicht – wie üblich – in dem Büro einer Promo-Agentur, in einem Café oder einem Hotel. Sie bleibt stehen. Denn die Zeit ist um. Ihr nächstes Interview wartet nicht.
"Woman" erscheint bei Caroline. Konzert: 10.10., 20 Uhr Metropol

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