Posthumes Buch von Michael Ende : Grusel aus Gips

Ein Ritterroman von Michael Ende, posthum von einem Co-Autor vollendet: „Rodrigo Raubein und Knips, sein Knappe“.

Willkommen im Verließ. Zauberer Rochus begrüßt seine Gefangenen.
Willkommen im Verließ. Zauberer Rochus begrüßt seine Gefangenen.Illustration: Regina Kehn/Thienemann Verlag

Wer den Raubritter Rodrigo Raubein auf seiner Schauderburg besuchen möchte, der muss den Bangewald durchqueren und auf den Haarzuberg klettern. Aber wer sollte das freiwillig tun wollen? Viel zu gefährlich ist eine solche Expedition durch ein Dickicht, in dem Bären, Riesenschlangen und Geister hausen, und dann, wenn der Anstieg beginnt, vorbei an Totenschädeln, Knochenhaufen und Gräbern, in denen die Überreste der Menschen ruhen, die vom Ritter erschlagen wurden. Knirps, Sohn einer Puppenspielerfamilie, macht sich trotzdem auf den Weg. Weil er grundsätzlich keine Angst hat. Denn Angst, so heißt es, kann nur einer haben, „der das Böse kennt“. Das Böse aber ist diesem Jungen bislang noch nicht begegnet.

„Im Schein der zuckenden Blitze erschienen die riesigen, knorrigen Baumstämme wie allerlei seltsame Gestalten mit verkrümmten Armen und Beinen, wie Gesichter mit glotzenden Augen und aufgerissenen Mündern.“ Wir befinden uns in einem Schauerroman und schwarzen Märchen. Michael Ende war selber eine Art Puppenspieler. Er schaffte es, mit Worten Stimmungen zu formen und seine Figuren durch fantastische, detailreich ausgemalte Kulissen zu schicken.

Der Raubritter will seine Ruhe haben

Aber Ende beherrschte auch die Kunst der Desillusionierung. Im Roman „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“, der erst jetzt aus dem Nachlass des 1995 gestorbenen Schriftstellers publiziert wurde, ist vieles nicht das, was es zu sein scheint. Die Gerippe und Schädel sind aus Gips hergestellt, bei Regen oder Schnee weichen sie auf und zerbröseln. Erschaffen hat sie der Raubritter höchstpersönlich, der in Wirklichkeit ein zartbesaiteter Zauderer ist. Rodrigo fürchtet sich vor Gespenstern und der Dunkelheit und verbringt seine Tage damit, Kartoffeln und Gemüse im Burghof zu ziehen.

Später tritt König Kilian der Letzte auf, der unter Trübsinn leidet. Das Hofzeremoniell kann keine rechte Pracht entfalten, weil der Monarch schlaffgliedrig auf seinem Thron hängt. Der Arzt hat ihm Jagdausflüge verordnet, begleitet wird Kilian stets von einem Lieblingsleibdiener, der die königlichen Worte von den sich tonlos bewegenden Lippen abliest und dann Sätze wie diesen herausbrüllt: „Ich fühle mich matt!“

Der Erzähler wird zum Onkel

Michael Ende, Schöpfer von Klassikern wie „Jim Knopf“, „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“, hatte nur die ersten drei Kapitel des Buches vollendet. Die übrigen 13 Kapitel sind von dem Berliner Autor Wieland Freund hinzugefügt worden. Der Geschichte tut das gut, denn Ende neigt zu einer gewissen Langatmig- und Onkelhaftigkeit. Mitunter spricht er seine kindlichen Leser direkt an, gerne benutzt er Floskeln. Dann „glänzen“ Augen, Namen werden nur „hinter vorgehaltener Hand“ ausgesprochen. Wieland führt neue Figuren ein und verstärkt den Drive ins Groteske.

„Geschichten ähneln sich“, heißt es einmal. „Und sie ähneln dem, was in Wirklichkeit geschieht.“ Knirps möchte Knappe sein, um Ritter werden zu können, und greift dafür auf die Bücher zurück, die schon seine Eltern für ihre Puppenspiele ausgeschlachtet haben. Weil er keine Ritterrüstung besitzt, wälzt er sich in seinem Harlekinkostüm im Morast und hat fortan eine Schlammrüstung, die ihn schrecklich aussehen lässt. Als Träumer ist er ein direkter Nachfahre von Don Quijote.

Der Knirps lernt die Angst kennen

In einer Rittergeschichte muss eine Prinzessin vorkommen, die entführt wird, ein böser Zauberer und ein Drache, der einen Goldschatz beschützt. Mit all dem kann „Rodrigo Raubein“ dienen, der Zauberer heißt Rabanus Rochus, der Drache Wak hat so tiefschwarze Flügel, dass er in der Nacht nicht zu erkennen ist. Zu dessen Antagonisten schwingt sich, eine überraschende Besetzung, der sprechende Papagei Sokrates auf. Ein Spiel mit den Standardsituationen des Genres, das schön absurd und selbstreferenziell wird, wenn die Protagonisten mit den Figuren von „Papa Dicks Puppentheater“ mögliche Handlungsschritte durchprobieren.

Nicht zuletzt ist „Rodrigo Raubein“ auch ein Entwicklungsroman, eine Geschichte vom Groß- und Starkwerden. Wobei die Stärke darin liegt, Schwächen zu zeigen. Irgendwann macht sich in Knirps’ Magen ein flaues Gefühl breit. Es wird eng in seiner Brust, seine Finger zittern. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der Junge Angst. Weil er sich um die Menschen sorgt, die er liebt.

Michael Ende/Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe. Thienemann Verlag, Stuttgart 2019, 204 Seiten, 17 €.

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