Preis der Leipziger Buchmesse : Ehrung übers Radio

Im Radio wurden diesmal die Preise der Leipziger Buchmesse verliehen: Sie gingen an Lutz Seiler, Bettina Hitzer und Pieke Biermann.

Lutz Seiler wurde für seinen Roman "Stern 111" ausgezeichnet
Lutz Seiler wurde für seinen Roman "Stern 111" ausgezeichnetFoto: PNN / Ottmar Winter

Bei Suhrkamp saß man an diesem Donnerstagmorgen, da der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben wurde, im großen Sitzungszimmer am Rosa-Luxemburg-Platz zusammen. Um der Preisverleihung zu lauschen, vor einem alten DDR-Radio, einem „Stern 111“.

Aus zweierlei Gründen: Die Bekanntgabe der Preisträger und Preisträgerinnen fand wegen der Corona-Krise und der abgesagten Leipziger Buchmesse im Radio statt, in Berlin, in den Studioräumen von Deutschlandfunk Kultur am Hans-Rosenthal-Platz. Und das „Stern 111“-Radio stand natürlich deshalb auf dem Suhrkamp-Sitzungstisch, weil Lutz Seiler mit seinem Wende- und Szene- und auch Familienroman „Stern 111“ nominiert war.

Seiler gewann dann auch den Preis in der Kategorie Belletristik, ein bisschen überraschend, weil Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ wegen seines aktuelleren Stoffes favorisiert erschien. Es geht darin um einen zunächst politisch rechtschaffend liberalen Buchhändler, der sich mit der Zeit nach der Wende bis zur Gegenwart zu einem schlimmen, ins Lager der Rechten wechselnden Reaktionär entwickelt.

Vermutlich hat die einen Tick größere Literarizität bei Seiler den Ausschlag gegeben. Und auch, dass „Stern 111“ nicht nur ein Wenderoman ist, sondern auch die Geschichte eines Aufbruchs in vordigitalen Zeiten erzählt. Zum Teil sieht, fühlt, schmeckt und hört man es richtig, wie es im Berlin der frühen Neunziger war, genau wie in der hessischen Provinz.

Den Sachbuchpreis bekam die Historikerin Bettina Hitzer für ihr Buch „Krebs fühlen“, für eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, wie es im Untertitel heißt. Hitzer untersucht darin die Zusammenhänge von Krankheit und Gefühl, und zwar genauso wissenschaftlich wie mit eindringlichen Fallbeispielen.

Biermanns Übersetzung von "Oreo" ist brillant

Den Übersetzungspreis wiederum erhielt Pieke Biermann, die Fran Ross‘ Roman „Oreo“ ins Deutsche übertragen hat. Ross, die 1985 im Alter von 50 Jahren an Krebs starb und als Tochter einer schwarzen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren wurde, erzählt in „Oreo“ die Geschichte eines jungen Mädchens, die im New York der Sechziger auf der Suche nach ihrem Vater ist.

Der Roman, der einzige von Ross, ist eine ziemlich wilde Mischung aus Bildungsroman, Schelmenroman und Gesellschaftssatire, auch aus den verschiedensten Sozio- und Dialekten, ein toller sprachlicher Stilmix, und Biermann hat mit ihrer flüssigen, die Eigenheiten des Originals trotzdem bewahrenden Übersetzung eine tatsächlich herkulische Leistung vollbracht.

Es war noch nicht halb zehn Uhr morgens, als der Deutschlandfunk-Moderator Joachim Scholl die Briefumschläge mit den Preisträgern - und Trägerinnen geöffnet hatte, keine zwanzig Minuten war da die Preisverleihungsübertragung im Gange. Die Geschwindigkeit, mit der man im Radio zur Sache ging, tat dem Ganzen gut (wie zäh ist in der Regel die knappe Stunde, da der Preis auf der Messe im Glashaus verliehen wird!).

Die Verlage sitzen am "analogen Lagerfeuer"

So war das Wichtigste als erstes verkündet - und wer mochte, konnte abschalten. Oder noch hören, wie Lutz Seiler am Frühstückstisch in „Huchelhausen“ (wie er seinen Wohnort Wilhelmshorst nennt, wenn er in Deutschland ist, hier leitet er das Peter-Huchel-Haus) per Telefon seiner Freude über den Entscheid für „Stern 111“ Ausdruck verlieh oder Bettina Hitzer einen „bedeutenden, seltsamen Moment“ hatte, als sie ihren Namen hörte.

Von „einem analogen Lagerfeuer“ war danach bei Twitter die Rede, auch beim Dumont Verlag oder bei S. Fischer hatte man sich ja in den Büros versammelt, um der Radioübertragung zu lauschen. Doch blieb das einzig Analoge das (ja gerade nicht ungefährliche, Corona!) Zusammenkommen sowie Seilers Oldschool-Radio - der ganze große Rest verlief digital, und dazu gehörte eben auch, auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen die entsprechenden Jubelbilder zu posten. Digital ist dann manchmal doch besser.

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