Viel Durcheinander und Mühe

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Premiere am Gorki-Theater : Migration mit Tschechow-Hintergrund

Taner Sahintürk fällt aus der Hauptrolle, die dieser Lopachin im „Kirschgarten“ spielt. Eine Entdeckung: Er fängt mit Slapstickmimik an, will der Gute sein, der Retter, wird nicht ernst genommen und schlägt dann hart zu mit seinem hart erarbeiteten Geld. Er braucht die ganze Spieldauer – gut zwei Stunden, eigentlich recht kurz für Tschechow –, um zu sich zu kommen und Warja grob stehen zu lassen, die ihn liebt. Es scheint eine Rache zu sein, diese Abweisung, vielleicht unbewusst. Lopachin, der Herr der Zukunft, will nichts mehr wissen von der alten Gutsherren- und Frauenfamilie. Dabei ist Warja bei Sesede Terziyan nicht wie sonst das bittere Mauerblümchen, sondern eine starke, attraktive, elegante junge Frau. Das gilt auch für Marleen Lohse (Anja) und Mareike Beykirch (die etwas zu aufgekratzte Dunjascha). Mit diesem Ensemble werden wir noch Freude haben. Der sonor tönende Falilou Seck gewinnt als Gajew viel Sympathien mit seinem unstillbaren Rededrang; ein alter Linker mit dem großen Durchblick. Cetin Ippekaya als greiser Diener Firs, Einwanderer der ersten Generation, findet Heimat allein in der Muttersprache und in Erinnerung an die alten Zeiten sklavischer Existenz. Es geht ans Herz, wie er am Schluss zurückbleibt und in seine Klarinette bläst, nobel in seinem Ernst.

Zuvor aber: viel Durcheinander und Mühe. Forcierte Verzweiflungschoreografie, wenn sich die Akteure gegen die Wand werfen. Das Bühnenbild von Magda Willi nimmt das Rautenmuster des Zuschauerraums auf und ist nüchtern gehalten. Quietschbunt und quer durch den Folkloregarten: die Kostüme von Ulrike Gutbrod. Es gibt Löcher in der Inszenierung, weil Erpulat noch mehr will und mächtig holzt und sich nicht auf Tschechow und seine Schauspieler verlässt. Wenn irgendwelche Asylsuchende (woher?) bettelnd durchs Bild laufen und die Frau am Klavier einfach weiterspielt und immer lauter. Erst trägt sie streng Kopftuch, dann das Haar offen, und Charlotta kommt auch mal als Burka-Gespenst herein, mit wenig drunter.

Des Kirschgartens Kern überrascht wieder. Lopachin hat gekauft, Lopachin will feiern. Mit großer türkischer Festgesellschaft, Kitschdekoration, martialischer Musik. Es fließt Ayran und Mineralwasser. Diese Lopachin-Party erschreckt, da kommt schwer Traditionelles, das riecht nach Konflikt. Und Klischee.

Die Frage der Identität ist bei Tschechow zentral. Nurkan Erpulat spielt sie mit seinen etwas groben Mitteln gut gelaunt durch. Das Ensemble zeigt Muskeln und viel Charme. Der „Kirschgarten“ wird verschwinden, die neue Zeit soll Glück und Geld bringen. Ein schönes Bild für eine Theatereröffnung: Niemand fängt bei Null an, jeder hat sein Gepäck. Und daraus wird ein Zuhause.

Wieder am 19. November und am 4. und 11. Dezember.

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