Premiere am Schlosspark Theater : Das unschuldsweiße Gewand

Altes Thema, neuer Schliff: Philip Tiedemanns Inszenierung von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ feiert am Schlosspark Theater Premiere.

SS-Mann und Pater . Mit Oliver Nitsche (l.) und Tilmar Kuhn.
SS-Mann und Pater . Mit Oliver Nitsche (l.) und Tilmar Kuhn.Foto: DERDEHMEL/Urbschat

Ob es ein gutes Stück ist? „Nein, grauenhaft, und ich würde es auch nie inszenieren“, ruft Claus Peymann in ungerührter Bekenntnis-Laune. „Aber es hat herrlich gepasst!“ Die Rede ist von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“, ein Werk, das Peymann 1988 als Burgtheater-Direktor auf den Spielplan hob. Weil der Papst seinen Österreich-Besuch angekündigt hatte. Und weil, wieder O-Ton, „in dieser Wenderepublik unter dem Deckmantel des Katholizismus wirklich alles legalisiert wird“. Hochhuths dokumentarisch grundierte Anklage gegen das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust sei auf all das „die einzige moralisch richtige Antwort“ gewesen, schließt der Intendant in dem Interview.

„Der Stellvertreter“ hat seit der skandalumwitterten Uraufführung durch Erwin Piscator am Kurfürstendamm, anno 1963, immer wieder für Aufregung gesorgt. Noch 2001, als Peymann das hassgeliebte „christliche Trauerspiel“ am Berliner Ensemble von Philip Tiedemann neu inszenieren ließ, gab es Protest gegen das Plakat von Klaus Staeck. Das zeigte Papst Pius als Torso auf ein Holztischchen montiert, thronend auf einem Hakenkreuz- Teppich. Ein „besorgter Bürger“, hört, hört, brachte das zur Anzeige.

Ob auch Dieter Hallervorden, der Intendant des Schlosspark Theaters, auf einen Skandal im beschaulichen Steglitz spekuliert hat? Vermutlich nicht. Im Programmheft zur „Stellvertreter“-Premiere erklärt er die Absicht so: „Zu Zeiten, in denen AfD-Politiker unverblümt ihre dunkelbraunen Reden schwingen, ist es für ein heutiges Theater geradezu eine Selbstverständlichkeit, zu zeigen, wohin solche Hetztiraden, solch eine rechtsradikale ‚Alternative' schon mal geführt haben.“ Dem bleibt wenig hinzuzufügen. Nur die Frage, wie das Ganze denn nun geworden ist.

Konzentration auf den zentralen Konflikt

Regisseur Philip Tiedemann verkürzt das mehrhundertseitige „Stellvertreter“- Opus auf eine zweistündige Fassung und verpasst ihr einen sprachlichen Schliff. Ein härterer Eingriff noch als seinerzeit am BE. Und eine gute Entscheidung. Denn tatsächlich ist Hochhuths dramatische Tirade im Original unter Gesichtspunkten der Spielbarkeit eine einzige Strapaze. Die Figuren tragen den faktenbeladenen Forschungsstand des Autors in Jamben vor, wälzen Papierberge und dozieren sich ins Gesicht. Die Verdichtung schafft hier Konzentration auf den zentralen Konflikt – und eben keinen „Stellvertreter light“.

Auf einer Tiedemann-typischen Bühne aus verschiebbaren Portalen, Gaze-Vorhängen und illuminierten Kreuzen (Ausstattung: Stephan von Wedel) beginnt der Kampf des (fiktiven) Jesuitenpaters Riccardo Fontana um ein klares Wort seiner Kirche gegen die Vernichtung der Juden. Tilmar Kuhn spielt diesen Aufrechten mit angemessenem moralischen Furor und wachsender Verzweiflung. Unterstützung erfährt Fontana von dem SS-Mann Kurt Gerstein (Oliver Nitsche), der heimlich gegen die eigenen Mörder-Reihen arbeitet. Beider Appell beim Apostolischen Nuntius (Mario Ramos) bleibt jedoch wirkungslos. Die Kirche verweist auf die Rettung einiger Auserwählter – während die Juden bereits in Rom, unter den Augen des Vatikans, deportiert werden.

Das Schlussbild bleibt zu schmerzfrei

Die stärkste Szene – des Stücks und in Tiedemanns Inszenierung – ist entsprechend die Konfrontation zwischen Fontana und Papst Pius. Den spielt Georg Preuße, bis heute vor allem bekannt für seine Travestie als Mary. Er legt seinen Stellvertreter Gottes auf Erden im unschuldsweißen Gewand werkgetreu als lavierenden Taktiker an, der dem diplomatischen Primat alles unterordnet. Dieser Pius ist getrieben von wirtschaftlichen Interessen und Angst vor dem Kommunismus, er fürchtet, dass „die Schiffe draußen, die wir steuern sollen“ - also Polen, der Balkan, Österreich und obendrein Bayern – in die falschen Häfen, gar an Stalins Küsten getrieben werden könnten. Martin Seifert umschmeichelt ihn dabei als ergebene Kardinalsschranze (ein starker Auftritt!), Joachim Bliese als Graf Fontana, der Vater des Paters Riccardo, weiß in seiner Zerrissenheit zwischen moralischer und dienstlicher Pflicht auch nicht auf das Kirchen-Oberhaupt einzuwirken. Sein Sohn entscheidet sich schließlich, den „Judenstern“ anzulegen und sich in Auschwitz ermorden zu lassen.

Das Schlussbild, das Tiedemann dafür findet, bleibt in seiner Ästhetisierung zu schmerzfrei. Es darf auch die Frage gestattet sein, wieso er die katholische Männerwelt des Stücks doch so wörtlich begreift, dass Frauen nur ganz am Rande vorkommen. Nichtsdestotrotz erfährt die Premiere, in Anwesenheit des Autors Hochhuth, großen Beifall. Zu Recht. Und erfreulicherweise. Denn als Appell verfehlt dieser „Stellvertreter“ seine Wirkung nicht. Wie Georg Preuße so schön im Programmheft sagt: „Machen wir den Mund auf gegen Unmenschlichkeit und Fanatismus, solange wir es noch gefahrlos können.“

wieder am 10.9., weitere Vorstellungen bis Januar 2019

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