Erinnerungen können Erkenntnis auch verstellen

Seite 2 von 2
Projekt Aufarbeitung : Wenn die Zeitzeugen gehen
Martin Sabrow
Von Opferverbänden kritisiert. Die Potsdamer Gedenkstätte im ehemaligen KGB-Gefängnis Leistikowstraße.
Von Opferverbänden kritisiert. Die Potsdamer Gedenkstätte im ehemaligen KGB-Gefängnis Leistikowstraße.Foto: Hagen Immel

Historisch ist nicht belegt, dass das Wachhalten der Erinnerung Gesellschaften besser befriedet als das Vergessen. Dass die Greueltaten des Dreißigjährigen Krieges und der Massentod in den napoleonischen Kriegen nie aufgearbeitet wurden, hat im 19. Jahrhundert weder die europäische Bündnispolitik noch die nationalen Einigungsbewegungen behindert.

Die vornehmste Legitimation für Erinnerung und Aufarbeitung steckt in ihrer heilenden Aufgabe, auf der schon 1990 Joachim Gauck insistierte: „Vor der Gesundheit kommt der Heilungsprozess. In dieser Zeit geschieht viel Arbeit, werden medizinisches Wissen und die physischen und psychischen Kräfte des Patienten einen Bund eingehen.“ Heilung durch Wahrheit, durch Versöhnung und Ehrlichkeit – in diesen Formeln steckt ein uneingestandener Zielkonflikt zwischen fortwährendem Erinnern und abschließendem Überwinden. Aufarbeitung enthält die Idee einer Versöhnung, die sie in der Praxis nicht einlösen kann.

Dies zeigte sich prägnant in dem Streit, den Matthias Platzeck 2010 mit seiner Forderung nach Versöhnung in Brandenburg auslöste. Gefragt, was sie unter Versöhnung verstehe, wies Marianne Birthler die Verantwortung für deren mögliches Ausbleiben mit Verweis auf die Täter von sich: Ziel der Aufarbeitung sei es zunächst, „dass die Opfer mit ihrem Schicksal klarkommen und die Täter zu ihrer Verantwortung stehen. Versöhnung ist etwas Zusätzliches, sie kann sich in der Auseinandersetzung zwischen Opfern und Tätern ereignen. Sie braucht die Wahrheit und oft auch Zeit, und sie lebt von der Einsicht der Täter“. Aufarbeitung lehnt sich begrifflich an Freuds tiefenpsychologisches Konzept von Durcharbeitung und Loslassen an. Aber sie winkt mit einer Versöhnung, die sie nicht gewähren kann, ohne sich selbst aufzugeben, und die sie darum immerfort auf die Zukunft verschieben muss.

„Weinen bildet nicht“, sagte Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, vor bald zwanzig Jahren. Die Konfrontation mit der Leiderfahrung alleine löst noch nicht den Lernprozess aus, und Empathie bewirkt für sich noch keine Erkenntnis, höchstens Identifikation. Solche Bildungsarbeit wäre weit vom Ideal eines mündigen Schülers oder Gedenkstättenbesuchers entfernt, der in einer demokratischen Gesellschaft erwarten darf, dass er nicht überwältigt, sondern befähigt wird, die Welt auf Basis des vorhandenen Wissens mit eigenen Augen anzuschauen. Die geschichtsdidaktischen Gebote der Multiperspektivität und Kontroversität machen vor den Toren von Auschwitz nicht halt, auch nicht vor denen des Archipels Gulag.

Die Wissenschaft muss auf Distanz bestehen

Erinnerungen können Erkenntnis auch verstellen. Die Zeitzeugen, die heute an die unmenschlichen Haftbedingungen im KGB-Gefängnis Leistikowstraße erinnern, repräsentieren die jüngste Alterskohorte derer, die vom sowjetischen Geheimdienst verfolgt wurden. Ihre Erfahrungen sind nicht identisch mit denen der Älteren, die etwa nach jahrelanger Fronterfahrung in die Potsdamer Villa verschleppt wurden. Aber wir können nur noch mit den Augen dieser Jüngsten auf die schreckliche Haft schauen. „Historisches Erinnern“, so Knigge, ist „keineswegs identisch mit kritischem, reflexivem Geschichtsbewusstsein.“ Deshalb ist geschichtliches Verstehen auch auf historisches Wissen und analytische Kompetenz angewiesen.

Hier deutet sich eine zunehmende Entfremdung von Gedächtnis und Geschichte an. Die Kluft zwischen Fachwissenschaft und Zeitzeugenperspektive öffnet sich anscheinend immer weiter. So findet etwa die neue Dauerausstellung in der Leistikowstraße zur sowjetischen Internierungs- und Verfolgungspraxis in der Fachkritik verbreitete Anerkennung und steht gleichzeitig in der Dauerkritik der Opferverbände. In der Fachwissenschaft wiederum wird immer vernehmlicher über das wachsende Unbehagen an einer Aufarbeitung diskutiert, die nicht mehr nur Gehör, Repräsentanz und Anerkennung der Leiderfahrung von Opfern fordert, sondern deren Recht auf fachliche Mitbestimmung. Die Wissenschaft hingegen muss darauf bestehen, dass die Erforschung der Wahrheit Empathie und Distanz zugleich fordert, vor allem Autonomie – gegenüber dem Staat und seiner Politik wie gegenüber der Zivilgesellschaft und ihren Akteuren.

Wir brauchen mehr kritischen Dialog zwischen einer Zeitgeschichte als Wissenschaft und einer Zeitgeschichte als Aufarbeitung. Sie müssen einander anerkennen und respektieren, aber nicht miteinander verwechseln.

Martin Sabrow leitet mit Frank Bösch das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den Sabrow am 18. November auf einer Veranstaltung des Brandenburgischen Ministerpräsidenten in Würdigung der Arbeit der SED-Verfolgtenverbände hielt.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr Kultur? Jeden Monat zwei Freikarten sichern!

1 Kommentar

Neuester Kommentar