Pusha T in Berlin : Heute kein König

Leider nicht das Hip-Hop-Konzert des Jahres: Der Rapper Pusha T im Astra Kulturhaus.

Der Rapper Pusha T
Der Rapper Pusha TFoto: promo

Ob er ahnte, dass er an diesem Abend in der Revaler Straße, einem der zentralen Drogenumschlagplätze Berlins, spielt? Schließlich umkreisen die Texte von Pusha T thematisch seit jeher seine Drogenvergangenheit, von der er über die Jahre in immer ausgefeilteren Wortspielen erzählt. Terrence Thornton, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, wurde in der Bronx geboren, verkaufte schon im Teenageralter Kokain und Crack. „Drogen sind der rote Faden“, sagt er noch heute in Interviews.

Zur Filmmusik von „Scarface“ betritt Pusha T an diesem Abend die Bühne. Im dunkelblauen Overall, darüber ein Tony-Montana-Gedächtnisblick. Der bedrohliche Groll ergießt sich in die ersten a cappella vorgetragen Zeilen des Eröffnungsstücks „If You Know You Know“. Großartiger Song eines noch besseren Albums.

Pusha T teilt gegen Drake aus

„Rap Album Of The Year“ prangt in großen Lettern auf den T-Shirts am Merchandise-Stand, die für stolze 40 Euro verkauft werden. Das Schlimmste an dieser Selbstüberhebung ist, dass er damit recht hat. „Daytona“, das dritte Studioalbum des 41-Jährigen, rangiert in den Jahresbestenlisten sehr weit oben – produziert von niemand Geringerem als Kanye West, der, wenn er nicht gerade Trump im Weißen Haus umgarnt, noch immer die Kulturtechnik des Samplings beherrscht wie kein Zweiter. Dessen Beats entfalten dann auch erst live ihre volle Pracht. West soll die bereits fertigen Aufnahmen eingestampft haben, um die Regie zu übernehmen. Auch für das Artwork des Albumcovers ließ er 85 000 Dollar springen: ein Foto von Whitney Houstons Badezimmer, übersät von Drogen und Medikamenten.

Die erste Hälfte von „Daytona“ ist im Astra bereits nach zehn Minuten heruntergespielt, woraufhin klar wird, dass Pusha T die Dichte des Albums nicht auf die Bühne bringen kann. Allein schon deswegen, weil dem Publikum offensichtlich nicht mehr zugetraut wird, einem ganzen Lied volle Aufmerksamkeit zu schenken: Spätestens nach dem zweiten Refrain werden die meisten Songs abgebrochen. Oft unterstrichen von ohrenbetäubenden Explosions- oder Sirenengeräuschen. Dazwischen spielt der Rapper auch Stücke seiner alten Hip-Hop-Crew Clipse und teilt Spitzen gegen seinen Erzfeind Drake aus.

Nachdem er jüngst von Drake-Fans auf der Bühne angegriffen wurde, sondiert am Rand permanent ein Bodyguard die Besucher. Nach fünfzig Minuten kann aber auch der sich entspannen. Pusha T ist fertig und lässt ein irritiertes Publikum zurück, das trotzig „King Push“ skandiert. Vergebens. Rapalbum des Jahres? Wahrscheinlich. Rapkonzert des Jahres? Wohl kaum.

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