"Queen" von Nicki Minaj : Ich bin die Größte

Königin des Rap: Nicki Minaj sucht den Traumprinzen – und folgt auf ihrem neuen Album „Queen“ vielen Pop-Trends.

Fabian Wolff
Die US-Sängerin und Rapperin Nicki Minaj
Die US-Sängerin und Rapperin Nicki MinajFoto: Universal Music

Wenn du nichts Gutes sagen kannst, dann sage lieber gar nichts – diese Benimmbinse galt auch für die Königin des Souls. In einem Interview von 2014, das nach ihrem Tod wieder durch Twitter wanderte, wurde Aretha Franklin um ihre Meinung zur jungen Generation gebeten und reagierte verhalten-höflich: Adele ist „jung, eine gute Sängerin“, Alicia Keys eine „gute Produzentin“. Nur zur Rapperin Nicki Minaj fiel Franklin noch nicht mal ein Viertelkompliment wie zu Taylor Swift („äh, schöne Kleider“) ein: „Darauf verzichte ich lieber“ war ihre lapidare Antwort. Ganz klar ist nicht, was Franklin zu so kalter Verachtung verleitet hat. Es wird wohl mehr als einfache Abneigung gegenüber Hip-Hop und dessen raue Sprache gewesen sein.

Minaj polarisiert, sie wird sogar gehasst. Die einen sehen in ihr ein technisches Rap-Jahrhunderttalent, die anderen die Manifestation aller bösen Plastik im Genre. Ihre Ästhetik balanciert zwischen Trash und Kunst, kappt dann das Hochseil, setzt den ganzen Zirkus in Flammen und verkauft schließlich noch schmorende Zeltfetzen an ihre Fans, die sich „Barbz“, wie Barbies, nennen.

Jetzt erscheint ihr neues Album, auf dem sie sich, vielleicht auch als Rache an Zweiflerinnen wie Aretha Franklin, einfach selbst „Queen“ nennt. Eine Königin mit mehr realen und imaginierten Feinden und vor allem Feindinnen als 2Pac zu seinen paranoidesten Zeiten. Die klauen nicht nur alle von ihr, sondern kommen auch noch aus ihrem Königreich New York. Jetzt ist sie wieder da, um Köpfe abzuschlagen oder wenigstens Haarextensions herauszureißen.

Minaj stößt gern jeden Hip-Hop-Fan vor den Kopf

Aber Nicki Minaj hat noch eine andere Seite, die weniger Königsdrama als Märchenstunde ist, mit Minaj als pinker Prinzessin, die sich nicht zwischen den Rap-Traumprinzen entscheiden kann. In diesem Kostüm folgt sie jedem Pop-Trend, solange er quietschebunt ist, und stößt mit Vorliebe jene vermeintlich echten Hip-Hop-Fans vor den Kopf, denen grobe Rauheit über alles geht.

Auf „Queen“ (Universal) möchte sie diese Trends zusammenführen. Der erste Song beginnt mit einem auch 2018 unvermeidbaren Beat im Stil des Tropical House. Dann dauert es keine 15 Sekunden, bis Minaj unaufgeregt, aber bestimmt ihre Gegnerinnen, die alle noch lernen müssen, wie man rappt, als „cunts“ beschimpft, dessen deutsche Übersetzung wahlweise mit V oder F beginnt. Auch im ach-so-vulgären US-Straßenrap ist dieses Wort nicht tabu, aber doch irgendwie unerhört. Dass Minaj das Wort zur These des Albums macht, mag von ihr als Allmachtsgeste gemeint sein, wirkt aber merkwürdig unsouverän, gerade für eine vermeintliche Königin. Sie spürt: Zu viele kratzen an ihrem Thron.

Den Titel der Königin des Rap hätte ihr noch vor ein paar Jahren niemand aberkannt, und das nicht nur, weil es in ihrer Generation keine ernsthaften Konkurrentinnen gab. Es ist möglich, dass kein Künstler in der Geschichte des Genres je einen so großen Hype hatte wie Nicki Minaj 2010. Damals war die auf Trinidad geborene und in New York aufgewachsene Rapperin kaum über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt, und wenn doch, weniger wegen ihrer überzeugenden Mixtapes, sondern wegen betont obszöner Fotoshootings. Ein Gastbeitrag auf einem Song von Kanye West machte sie über Nacht vom Kuriosum zum aufregendsten Hip-Hop-Star des Planeten, ja vielleicht zur größten Rapperin aller Zeiten.

Ihre Strophe war eine Wortwelle wie ein Vulkanausbruch. Minaj kettete Silbe an Silbe, bediente alle denkbaren Register zwischen bedrohlich, süßlich und melodramatisch, schien mindestens vier Stimmlagen zu beherrschen und kam am Ende doch auf das Wichtigste zu sprechen – dass sie die Größte war. Das Genre war damals nicht tot, aber doch eingeschlafen. Minaj küsste Hip-Hop wach und zerkratzte ihm dann das Gesicht. So definierte sie den Sound der kommenden Jahre. Sie selbst aber hatte wenig Interesse daran, den Hype zu bedienen. Minaj machte lieber Pop, mit Erfolg. Das irritierte die Hip-Hop-Wächter nicht nur, die ja trotz Queen Latifah und Missy Elliott genug Probleme haben, eine Rapperin als authentisch anzusehen, es machte sie wütend. Manche sprachen ihr ab, Hip-Hop zu sein.

"Queen" ist weniger triumphal als trotzig.

Minaj interessierte das nicht, sie rappte, wenn sie rappen wollte. Und machte Pop wie „Starships“, wenn ihr der Sinn danach stand. Kommerzielle Erwägungen spielten keine Rolle: Der Kitsch ist authentisch. Bei einem männlichen Rapper würde man bewundernd davon sprechen, dass er seine weichere Seite zeigt. Auf „Queen“ stehen die Rap-freie Ballade „Come See About Me“ und der klassische Hip-Hop/R&B-Crossoverhit „Bed“ mit Ariana Grande für diesen Platz in Minajs Herzen. Ansonsten stellt Minaj nun vor allem unter Beweis, wie überzeugend sie darüber rappen kann, dass sie die Beste ist: Dass sie am meisten verdient, die meisten Bewunderer und den meisten Einfluss hat. Das ermüdet nur dann, wenn sie beweisen will, dass nicht nur männliche Rapper sehr gut Frauen hassen können. Denn bei allen Ermächtigungsgesten, nichts macht Minaj wütender, als wenn eine ihren Typen angräbt.

Diesen Widerspruch teilt sie mit ihrer Erzrivalin Cardi B, die ebenfalls aus New York kommt und zur nächsten Generation gehört. Cardi B, aus der Welt der Instagram-Stars und des Reality-TV, hat mit ihrem Song „Bodak Yellow“ 2017 den ersten Platz der US-Billboard-Charts erreicht – seit Lauryn Hill hat das keine andere Rapperin geschafft, auch nicht Minaj. Cardi B versteht sich auf „catch phrases“ statt komplexer Wortnetze, Nicki Minaj fühlt sich trotzdem von ihr bedroht. Seit Monaten heißt es, sie hätten „beef“, also Streit. Hier wird Rap zur Fortsetzung von Klatsch mit anderen Mitteln. Die Feindschaft ist wie ein Handlungsstrang einer Seifenoper, die in Tweets, Instagram-Posts oder Radiointerviews weitergespielt wird. Auf „Queen“ sind es ein paar weggeworfene Zeilen und ein auffällig ausgesprochenes „body“, mit denen Minaj ihre Kollegin mit dem Spitznamen „Bardi“ angeblich attackiert.

In „Barbie Dreams" hingegen nennt sie fast jede männliche Rap-Größe des letzten Jahrzehnts, wie Drake, Lil Wayne und DJ Khaled – die alle, wie sie vermutet, (oder, wie im Fall ihres Exfreunds Meek Mill, aus Erfahrung weiß), mit ihr schlafen wollen und es im Bett nicht bringen. Der Song ist ein Remake von „Dreams“, in dem Biggie Smalls 1994 auflistete, mit welchen R&B-Sängerinnen er gerne schlafen würde. Es ist nicht das erste Mal, dass Minaj diesen Track aktualisiert. Schon auf einem Mixtape 2007 ging sie ihre eigene imaginäre To-Do-Liste durch, die damals allerdings nur aus New Yorker Szenegrößen bestand.

Damals war das ein originelles Update, das Geschichts- und Selbstbewusstsein bewies. Heute wirkt der Song wie ein kalkulierter Skandal. So wird auch klar, wem Minaj ähnelt. Nicht Cardi B, nicht Beyoncé oder Rihanna, nicht Biggie Smalls, sondern Eminem, der einen Gastauftritt auf dem Album hat. Beide überwanden große Realness-Hürden mit technischer Präzision und einer Müll-Ästhetik, die von Herzen kam. Irgendwann mussten Eminem und viele seiner Hörer feststellen, dass er nichts mehr zu erzählen hat, aber trotzdem immer weitermachen muss. In diesem Limbo steckt Eminem seit 15 Jahren fest.

Auch Nicki Minaj scheint zu merken, dass, wenn die letzte Empörungswolke verpufft ist, man Streit und Klatsch nicht essen kann. So ist "Queen" weniger triumphal als trotzig. Andererseits: Ist Monarchie nicht die Beschwörung einer Vergangenheit, die längst nur ein Mythos ist?

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