Kultur : RAF, komplex

„Ulrike Maria Stuart“ am Deutschen Theater Berlin

Axel Vornbäumen

„Holger, hascht Hunger?“, schwäbelt Gudrun Ensslin einfühlsam zum unterbehemdet am Klavier sitzenden Holger Meins herüber, doch da ist die Chose schon fast vorbei. Ein paar Minuten noch, dann wird Ulrike Meinhof am Haken hängen, mittig im Bühnenbild, das RAF-Logo im Hintergrund – und wer bis hierhin nicht gemerkt hat, was da an diesem Abend im Deutschen Theater im Gange ist, ein ziemlich rabiates Entmystifizierungsprojekt eines mittlerweile in die Historie kommenden Phänomens nämlich, der soll weiterkämpfen mit wem er will, am besten mit sich selbst. „Holger“, schwäbelt die Ensslin , „spiel doch mal was Luschtiges.“ Doch Holger kann irgendwie nicht luschtig sein.

Die Zeiten waren nicht so, damals, der Terrorismus war es auch nicht. Hier aber, auf der Bühne, wird die einstige Hardcore-Terroristin zur naiven, eitlen, etwas selbstverliebten Göre, der Rest der Truppe zu egozentrischen Selbstdarstellern. Womöglich aber ist ja dies einer jener Momente, von denen Regisseur Nicolas Stemann später sprechen wird, die ihm „grenzpeinlich“ seien. Bitte, das wäre aber mal eine aufrichtige Empfindung! Es wird viel Gewese gemacht um die RAF derzeit, aber so viel Klamauk ist doch recht selten. Das Deutsche Theater hat sich der RAF komplex genähert, es hat an diesem Samstagabend fast so etwas wie eine lange RAF-Nacht veranstaltet: erst das Elfriede Jelinek-Stück „Ulrike Maria Stuart“, dann eine Podiumsdiskussion zum sehr wahren Thema „Die RAF und kein Ende“. Da kommt viel zusammen – vielleicht ein bisschen zu viel?

Sicher. Schon im Leben und im Originaltext wird es schwer genug gewesen sein mit all den Frauen. Zu überprüfen ist das indes nicht mehr, die Frauen sind tot, und der Jelinek-Text von „Ulrike Maria Stuart“ liegt der Öffentlichkeit nicht vor. So viel aber ist durchgesickert: In Jamben soll die Autorin das Terroristinnenpaar Meinhof/Ensslin den verfeindeten Königinnen Maria Stuart und Elisabeth gegenübergestellt haben – eine Meditation über Frauen und Macht, „die Spielformen weiblicher Herrschaft, die alle in den Tod führen, weil politische Herrschaft für eine Frau immer Überschreitung ist“, wie es die Jelinek ausdrückt. Darf man hoffen, dass das ein wenig überspitzt ist? Ansonsten müsste man sich ernsthaft Sorgen machen. An einer Stelle des Stücks verwandelt sich das auf eine Leinwand projizierte Bild von Ulrike Meinhof nämlich in Angela Merkel.

Die RAF und kein Ende? Vorläufig nicht. Auf dem Podium ist von der Gnade der späten Geburt die Rede, der Regisseur Johannes Unger, der den Film „Ulrike Meinhof“ gedreht hat, erzählt, dass das „Schreckgespenst“ seiner Kindheit nicht Meinhof gewesen sei, „sondern Eduard Zimmermann“. Erklärungsbedarf im Publikum: „Zimmermann, wer war denn das?“

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