Rassismus in Berlin : „Internationale Künstler werden angegriffen“

Wie weltoffen ist Berlin wirklich? Silvia Fehrmann, die Leiterin des DAAD-Künstlerprogramms, über Rassismus in der Stadt und die Zukunftspläne ihrer Stipendiaten.

Silvia Fehrmann
Silvia FehrmannFoto: DAAD, Krzysztof Zielinski

Der afroamerikanische Dirigent Brandon Keith Brown hat in einem Tagesspiegel- Artikel vom 17. August beklagt, dass Berlin bei weitem nicht so tolerant sei, wie viele Berliner denken. Das DAAD-Künstlerprogramm lädt seit den 60er Jahren Künstler aller Sparten aus der ganzen Welt für ein Jahr hierher ein. Silvia Fehrmann leitet das Programm seit anderthalb Jahren.

Frau Fehrmann, ist Ihnen in den vergangenen Jahren zunehmend von rassistischen Übergriffen und verbalen Attacken berichtet worden?
Ich leite seit Januar 2018 das Künstlerprogramm. In dieser Zeit gab es tatsächlich einige Vorfälle. Leider hören wir auch von ehemaligen Stipendiaten, die sich weiterhin in der Stadt aufhalten, dass sie verbal angegriffen werden. Ebenso von Berliner Kulturschaffenden, die of color sind, dass sie Drangsalierungen im öffentlich Raum ausgesetzt sind, die es vor zwei, drei Jahren in dem Ausmaß nicht gegeben hätte.

Was waren das für Vorfälle?
Das waren rassistische Beleidigungen, dumme Kommentare – einmal im Wedding auf dem Weg zum Studio, das andere Mal in der U-Bahn. Wagner Carvalho, der künstlerische Leiter des Ballhaus Naunynstraße, erzählte mir davon, wie er an einem Samstagmorgen auf dem Markt am Kollwitzplatz vor dem Antipasti-Laden von einer weißen deutschen Frau Anfang 40 mit den Worten „Hau doch ab, Ausländer raus!“ angeschrien wurde.

Was machen Sie, wenn ein Stipendiat Ihnen von solchen Erfahrungen berichtet?
Wir reagieren auf der zwischenmenschlichen wie institutionellen Ebene. Das Zwischenmenschliche gehört zum Kern eines Künstlerresidenzprogramms: die Künstler zu unterstützen, aufzufangen, zu begleiten. Egal ob bei Schaffenskrisen, Gesundheitsproblemen oder Diskriminierungen. Mir ist aber auch die institutionelle Reaktion wichtig. Ich nehme dann als Leitung Kontakt auf und biete Unterstützung an. Es muss deutlich werden, dass wir ein rassismuskritischer Raum sind, dass solche Vorfälle nicht unkommentiert hingenommen werden. Zum Glück ist bisher nichts Schlimmeres passiert, ansonsten würden wir sofort die notwendigen Stellen einschalten.

Bereiten Sie Ihre Gäste auf mögliche Konfrontationen vor, warnen Sie people of color beispielsweise davor, ins Brandenburgische zu reisen?
Wir sagen ihnen im Vorfeld, dass unsere Mitarbeiter ein offenes Ohr haben, sollte es zu solchen Vorfällen kommen. Wir warnen nicht auf pauschalisierende Weise vor bestimmten Regionen, geben aber Hinweise, dass nicht alle Gegenden so weltoffen sind wie jene, in denen ihre Wohnungen sich befinden.

Werden Sie als Institution angesichts der sich verschärfenden Konflikte auch durch Ausstellungen, Veranstaltungen aktiv?
Die Konfliktlage fließt in die Arbeiten der Künstler ein. So hat Teresa Margolles in ihrer Ausstellung „Sutura“ im letzten Jahr Berichte von lateinamerikanischen Migrantinnen dokumentiert, die in Berlin rassistische Anfeindungen erlebt haben. Und wir unterstützen die Initiative „Die Vielen“, die sich für die Freiheit der Kunst und gegen eine Renationalisierung der Kultur einsetzt. Der Frage „Wie zeigen wir Haltung, wie bekämpfen wir Rassismus?“ müssen sich momentan alle Kultureinrichtungen stellen. Ich bin überzeugt, dass wir nicht nur als Bürger, sondern auch als Institutionen gefragt sind. Wir müssen uns artikulieren.

Verliert Berlin durch den zunehmende Rassismus und den Zulauf bei der AfD bei den Stipendiaten an Beliebtheit?
Nein, aber den Künstlern fällt auf, dass sich die Stimmung insgesamt in Deutschland verändert hat, dass es in Europa rechtsradikale Gruppierungen gibt, die an Sichtbarkeit gewonnen haben. Das bereitet allen große Sorge. Berlin bleibt weiterhin beliebt, weil es hier im Vergleich zu anderen Städten immer noch ein sehr plurales, heterogenes Leben gibt.

In den 90er und Anfang der 2000er Jahre blieben viele DAAD-Gäste auch nach Ablauf ihres Stipendiums und begründeten damit den Ruf Berlins als internationale Kunststadt. Ist das immer noch so oder ist es schwieriger geworden zu bleiben?
Rein formal ist es durch das Visa-Procedere schwerer geworden, zu kommen und zu bleiben. Das gilt für den akademischen Austausch ebenso wie für Festivals und Kunstbiennalen, den gesamten Kulturbetrieb. Die Verfahren sind langsamer, schwerfälliger und strenger geworden.

Aber die Künstler wollen bleiben?
Berlin gewinnt an Attraktivität in dem Maße, in dem sich die politische Lage in vielen Ländern zuspitzt, die öffentliche Meinung sich dort polarisiert, die Zensur zunimmt. Je mehr sich bei den Künstlern zu Hause der politische Diskurs verschlechtert, desto attraktiver wird die Stadt – auch durch die zunehmende Internationalisierung, die Vielzahl kreativer Menschen aus der ganzen Welt, der Freiheit der Kunst und der Wissenschaft, die hier Verfassungsschutz genießen. Nur sind die Künstler, die bleiben wollen, dann genauso wie die Berliner mit der angespannten Situation auf dem Immobilienmarkt konfrontiert. Nach der anfänglichen Begeisterung kommt die Ernüchterung: Die Freiräume werden kleiner, viele Türen verschließen sich.

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