• Rave, Rausch, Spiritualität: Diese Art Week-Schau widmet sich dem Streben nach Katharsis

Rave, Rausch, Spiritualität : Diese Art Week-Schau widmet sich dem Streben nach Katharsis

Abtanzen in ferner Zukunft: Die Julia Stoschek Collection zeigt Filme des Kanadiers Jeremy Shaw, in denen es um transzendentale Erfahrungen geht.

Carlotta Wald
In Jeremy Shaws Video „Liminals“ versuchen sich die Menschen in die Freiheit zu raven.
In Jeremy Shaws Video „Liminals“ versuchen sich die Menschen in die Freiheit zu raven.Foto: Courtesy of Jeremy Shaw and König Galerie, Berlin

Direkt oben im Ausstellungsraum, hinter den weißen Vorhängen, trifft einen der Rausch: Das Gesicht eines jungen Mannes, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet, in absoluter Ekstase.

Die Umrisse seines Gesichts verdreifachen sich, die Konturen verschwimmen. Effekte, die der kanadische Künstler Jeremy Shaw mittels eines Prismas erzeugt, um den Zustand der Katharsis sichtbar zu machen.

Jeremy Shaw, 43 Jahre alt, scheint von dem Streben nach transzendentalen Erfahrungen regelrecht besessen zu sein. Mit wissenschaftlicher Präzision erforscht er, wie sich das menschliche Bewusstsein manipulieren und ausdehnen lässt.

Seine Einzelausstellung „Quantification Triology“ ist die erste, die seit dem Kultur-Shutdown in der Julia Stoschek Collection gezeigt wird. Ein Auftakt, der nicht besser passen könnte.

Denn während das Berliner Nachtleben und mit ihm viele Formen des Rauschs weiterhin stillstehen, darf man in dem immersiven Werk des Künstlers Ersatz finden. Shaws Arbeiten wurden zuletzt im Centre Pompidou in Paris, im MoMA PS1 in New York und auf der 57. Biennale von Venedig gezeigt.

Tänzer lösen sich in Pixel auf

Es ist vor allem die Obsession, sich spüren zu wollen, die die Sammlerin Julia Stoschek und den Künstler verbindet. Beide sind bekennende Liebhaber der exzessiven Berliner Clubszene. Ihre geteilte Leidenschaft zu Techno-Musik und Rave durchflutet die Ausstellungsräume.

„Quantification Triology“ besteht aus drei Videoarbeiten. Thematisch miteinander verwoben, berichten sie von der Zukunft nach der „Quantification“, dem gesellschaftlichen Zustand absoluter Rationalität.

Die Arbeit „I Can See Forever“ erzählt die Geschichte des 27-jährigen Roderick Dale, der es sich in der quantifizierten Zukunft zur Aufgabe macht, sich in Trance zu tanzen und der auferlegten Rationalität zu trotzen. Der Betrachter sieht zu, wie Dale sich in der Bewegung verliert, sich der elektronischen Musik fügt, ein Trance-Crescendo erfüllt den Kinosaal, bis es ins Psychedelische kippt.

Der Tänzer löst sich in Tausende Pixel auf, die sich in schlierenden Farb- und Formwelten zu neuen Körpern formieren. Ein Stilmittel von Shaw, das auch im Video „Liminals“ auftaucht. Zurück bleiben leere, entblößte und zugleich ehrlich dreinblickende Gesichter. Ein Zustand zwischen Tod und Lebendigkeit. Katharsis.

Eine Warnung vor rein rationalen Individuen

Doch Jeremy Shaws Arbeiten gehen über das visuelle Spektakel hinaus. In seinen Filmen stellt er unser Zeitsystem auf den Kopf. Den gewohnten Blick von der Gegenwart in die Zukunft kehrt er um, nimmt die Zukunft als Startpunkt und schaut in seinen parafiktionalen Filmen zurück ins Jetzt.

[Julia Stoschek Collection, Leipziger Str. 60, Mitte, Sonderöffnungszeiten zur Art Week, 10. bis 13.9., 12 – 18 Uhr, Ausstellung bis 29.11., Tickets: berlinartweek.de]

Er zeigt, wie man im Nachhinein auf die Erfahrung des jungen Roderick Dale schauen wird. Eine vollendete Zukunft – Futur zwei. Die Ästhetik der 90er Jahre mit VHS-Filmmaterial, die Zitate an die Mode der 60er Jahre mit langen Haaren und spirituellem Kleidungsstil verleihen den Videoaufnahmen einen Retro-Schliff, eine vorgetäuschte zeitliche Distanz.

Shaw warnt in seiner Kunst vor rein rationalen Individuen, die sich verzweifelt nach metaphysischen Erfahrungen sehnen. Wie recht er hat. Wie sehr der Mensch neben Technik und Rationalität auch Glaube und Spiritualität braucht, wurde in der Corona-Pandemie offensichtlich. Achtsamkeitsratgeber und Yoga-Apps haben Konjunktur, Esoteriker und Astro-Fanatiker melden sich zu Wort.

Glorifizierung der Irrationalität stößt an ihre Grenzen

„I feel the need to believe“ sagt ein Mann in Shaws Film „Quickeners“ im 26. Jahrhundert. Und weiter: „Humans believed in what they thought is most real“ (Menschen haben das geglaubt, was ihnen am realsten erschien).

Das mag in den dystopischen Sci-fi-Settings von Jeremy Shaw romantisch klingen, hinterlässt in Zeiten von Trump und Verschwörungstheorien aber ein mulmiges Gefühl. Es ist nur ein schmaler Grad zwischen dem Bedürfnis, an etwas zu glauben und einfach zu glauben, was einem gerade plausibel erscheint.

An diesem Punkt stößt die Glorifizierung der Irrationalität an ihre Grenzen. Auch wenn eine durchrationalisierte Gesellschaft alles andere als wünschenswert ist, erscheint das Kontrastprogramm, die Flucht in den Rausch, ebenfalls keine Lösung zu sein.

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