"Realitäten" im Weinhaus Huth : Pein in Pink

Wie schafft Fotografie Wirklichkeit? Das Weinhaus Huth zeigt in der Schau "Realitäten" Kunst im Spannungsfeld von Inszenierung und Dokumentation.

Jens Hinrichsen
Marktplatz in Accra, Ghana, in einer Fotografie von Pieter Hugo aus 2010.
Marktplatz in Accra, Ghana, in einer Fotografie von Pieter Hugo aus 2010.Foto: © Pieter Hugo, Courtesy Priska Pasquer, Cologne

Das Urteil „Fake News“ wird heute schnell gefällt. Auch der Bildjournalismus steckt in der Glaubwürdigkeitsfalle. Die neue Gruppenschau bei Daimler Contemporary stellt nicht die heikle Frage, wie Wirklichkeit wiederzugeben sei, sondern: wie man sie herstellt. Die Ausstellung ist ausnahmslos mit Werken aus der Daimler-Sammlung bestückt, mit Fotoarbeiten und Videokunst von 16 Künstlern, darunter Stars wie Cao Fei, Tacita Dean, Pieter Hugo oder Viviane Sassen.

Als nach 9/11 die Fotos vom Ground Zero von vielen Betrachtern als „surreal“ bezeichnet wurden, entgegnete Susan Sontag, hinter diesem „eilfertigen Euphemismus“ verberge sich eine „in Ungnade gefallene Idee der Schönheit“. Man darf also ruhig formulieren: Die Serie „Insta“ von Richard Mosse ist schön. Der Infrarotfilm, den der irische Künstler benutzte, lässt Naturgrün in glamourösem Pink erscheinen. Doch der Raubbau und die Ausbeutung der Kongolesen hat sich unübersehbar tief in die Landschaftsmotive eingefressen.

Fiktionalisierte Realität

Die Werke der Schau bewegen sich im Spannungsfeld von Berichterstattung und Erfindung. Prototypisch für die Auswahl ist Guy Tillim aus Südafrika, der als Pressefotograf anfing und seit Jahren in der Kunstwelt erfolgreich ist. Seine Serie über das malawische Dorf „Petros Village“ dokumentiert das dortige Leben, aber den Bildern geht jegliche Effekthascherei ab. Tillim spricht davon, „etwas Hässliches, Brutales in etwas Erhabenes und Erlösendes verwandeln“ zu wollen – also das Gegenteil von Sensationspresse anzustreben.

Angeblich sind Inszenierung und Dokumentation ja Gegensätze. Aber die Gegenwartskunst glaubt nicht mehr daran. „Dokumentationen bauen immer auf einer organisierten Realität, auf einer fiktionalisierten Realität auf“, sagt Clément Cogitore. In seinem Video „Les Indes galantes“ zeigt der Franzose eine Aufführung der gleichnamigen Ballettoper von Rameau. Die jungen Pariser, die das barocke Stück sehr unklassisch performen, filmen sich mit ihren Smartphones gegenseitig beim Tanzen; Cogitores Video ist aus diesen multiplen Blicken montiert. Sie tanzen K.R.U.M.P. – während der Los Angeles Riots 1992 als sublimer Protest gegen rassistische Polizeigewalt entstanden. Die Geburt des Tanzes aus dem Geist gewaltlosen Widerstands: Der Künstler zeigt in der Tat, wie Menschen Wirklichkeit generieren.

Daimler Contemporary Berlin, Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, bis 5. Mai 2019; Mo–So 11–18 Uhr.

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