Kultur : Rebellion in der Vertikalen

„Am Limit“: Filmemacher Pepe Danquart beschließt seine Sport-Trilogie mit einem rasanten Kletter-Drama um die Huberbuam

Kai Müller

Als es dämmert, sitzen die beiden besten deutschen Bergsteiger auf dem Yosemiteplateau und sehen wie Indianer aus. Die langen schwarzen Haare wirbeln im Wind, das Lagerfeuer lodert. Und Alexander, der jüngere der beiden Huber-Brüder, sagt den entscheidenden Satz: „Was wir machen, ist die absolute Revolte gegen den gesunden Menschenverstand.“

Was er damit meint, lässt Filmemacher Pepe Danquart den Zuschauer schon in der ersten Einstellung seiner Kletter-Dokumentation „Am Limit“, die ab heute im Kino ist, spüren: Langsam gleitet die Kamera auf die Kante des Plateaus zu, schwebt darüber hinaus und blickt in die horrende Leere eines tausend Meter tiefen Absturzes, einer gewaltigen Wand, die so glatt ist, dass nicht einmal Regenwasser sich in ihr fängt. El Capitan heißt der wuchtig-erhabene Kalkmonolith. Es gilt als Mekka der Freeclimbing-Szene, weil es eigentlich unmöglich ist, da heraufzukommen. Nur die Besten schaffen es, sich an den feinen Rissen aneinanderstoßender Felsplatten in die Höhe zu ziehen. Geübte Kletterer brauchen für den Trip fünf Tage. Die „Huberbuam“, wie sich die Brüder aus Oberbayern nennen, wollen es in zweieinhalb Stunden packen, ein neuer Rekord. Und Danquart ist so nah wie noch kein Dokumentarist vor ihm dabei.

Das werde den Bergfilm „revolutionieren“, schwärmt Alexander Huber, der mehr ist als nur das Porträt einer Obsession. Danquart schließt damit seine Sport-Trilogie ab, die ihn in die Eisbären-Arena („Heimspiel“, 1999) und zur Tour de France („Höllentour, 2004) geführt hatte. Erstmals gerät mit „Am Limit“ eine Spezialdisziplin des Bergsteigens in den Blick des Kinos, die mit Kraxeln etwa so viel zu tun hat wie Surfen mit Seeschifffahrt. Das Ziel ist nicht der Gipfel oder ein neuer Weg dorthin. Da es keine unentdeckten, unbezwungenen Routen mehr gibt, die ein Athlet der Senkrechten noch als Erster durchsteigen könnte, sucht er das innere Abenteuer.

Ein eigenes Denken („by fair means“) prägt diesen Sport, dessen Bewegungen vom Turnen und Ballett inspiriert sind und den es in den letzten Jahren aus den präparierten Kletterhallen hinaus in die Natur gezogen hat. Sogar die großen alpinen Wände („Bigwalls“) werden nun nach der Methode des Freikletterns durchstiegen, ohne technische Hilfsmittel. Während es früher egal war, wie eine schwierige Bergpassage bezwungen wurde, Hauptsache, man gelangte nach oben, wird heute von einer kleinen Elite jeder Meter mit Händen und Füßen erstritten, Seile und Haken halten den Kletterer lediglich, wenn er stürzt. Die Angst sei nirgendwo „so brutal und definitiv wie in den Bergen“, sagt Alexander Huber, „aber wenn man das durchsteht, hat man einen besonders intensiven Moment gefischt“.

Außenstehenden lässt sich diese besondere Faszination des Extremkletterns nicht mehr vermitteln. Nicht nur ist der Erfolg zum inneren Erlebnis geworden; kryptische Zahlen, Schwierigkeitsgrade und Rekorde begründen den Starstatus einer Spitzengruppe, der nachzueifern für Normalsterbliche illusorisch ist. Wobei die Ausnahmestellung, die der 38-jährige Alexander Huber selbst unter diesen Hochleistungssportlern innehat, dem Umstand geschuldet ist, sich mit technischen Details nicht zufriedenzugeben: Er wagte es, im Winter eine der beeindruckendsten Dolomitenwände alleine anzugehen, sowie – nach eingehender Vorbereitung – sogar auf Sicherungsmittel zu verzichten (was er seiner Mutter vorher wohlweislich verschwiegen hatte).

„Im Leben von Alexander gibt es eigentlich nur ihn selbst“, sagt sein Gefährte und älterer Bruder Thomas. Es klingt ein wenig resigniert. Und tatsächlich brauchte der, der früher immer vorgestiegen war und die Verantwortung trug, lange, um mit dem Ruhm des anderen klarzukommen. Bei der ambitionierten Erstüberschreitung des Cerro Torre in Patagonien, die Thomas initiiert und bei der Danquart ebenfalls mit Kamera zugegen ist, kriegt sich das Brüderpaar in die Haare – und scheitert. Nicht mal Brüder träumen synchron.

Im Kampf gegen die Uhr bilden sie ein explosives Gespann. Sie peitschen einander die Wand hoch und tragen sich wieder hinunter – als beim ersten Rekordversuch einer stürzt und sich beide Füße bricht. Als beim zweiten Mal der andere fällt und fällt und seinen Gefährten aus der Wand reißt, verstummen die beiden. Die Hände zittern, das Blut entweicht. Alles umsonst. „Wie hart müssen sich die Sportkletterer diese Dimension der Vertikalen zurückerobern“, befand Reinhold Messner voller Bewunderung, „nur, weil sie so gut klettern.“

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