„Wir reproduzieren die sexistische Struktur, die wir bekämpfen wollen“

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Regisseur Ersan Mondtag im Gespräch : „Theater ist Ausnahmezustand“
Ersan Mondtag hat das doppelstöckige Bühnenbild für sein Stück "Das Internat" selbst geschaffen.
Ersan Mondtag hat das doppelstöckige Bühnenbild für sein Stück "Das Internat" selbst geschaffen.Foto: Birgit Hupfeld

Was war der Grund?

Nach allem, was ich mitbekommen habe, waren die Werkstätten sowieso schon zu 120 Prozent ausgelastet. Das ganze Haus war am Anschlag, zumal es gerade saniert wurde und eine halbe Baustelle war. Offenbar sind an meinem aufwendigen Projekt die internen Überlastungsprobleme explodiert.

Und Sie gleich mit?

Ich bin total ausgeflippt, habe mir den Zeh gebrochen, weil ich aus Wut gegen einen Sessel trat. Ich stand unter einem enormen Druck, mich hat das wirklich kaputt gemacht: Ich hatte denen mein Werk gegeben, und die haben das aus meiner Sicht zerstört. In dieser Situation ist es zu sehr unschönen Szenen gekommen. Ich hatte mich nicht im Griff und habe die eigentlich alle nur noch fertiggemacht.

Keine konstruktive Lösung, oder?

Natürlich nicht. Aber es ist ja nicht so, dass man sich vornimmt: So, den schreie ich jetzt an. Sondern das passiert einfach in der Situation. Man ist total verzweifelt und verliert die Kontrolle über sich.

Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen, die gelegentlich ausrasten, geben Sie immerhin öffentlich zu, sich „wie ein Arschloch verhalten“ zu haben.

Natürlich mache ich mich damit angreifbar. Im Nachhinein tut es mir immer leid. Aber es bringt ja nichts, zu behaupten, dass man perfekt wäre, ich weiß ja, dass ich herumschreie. Das kann man auch kritisieren. Aber darum geht es für mich in dem Moment gar nicht.

Sondern?

Theater ist Ausnahmezustand, das ist ein emotionaler Ort. Mich hat neulich beim Proben in Köln auch eine Schauspielerin von der Bühne herunter als Arschloch beschimpft. Da denke ich: Okay, die ist halt gerade überfordert, aber ich nehme das doch nicht persönlich!

Nein?

Klar verstehe ich, dass die Leute nicht angeschrien werden wollen auf der Arbeit. Ich bin mir auch bewusst, dass es ein Unterschied ist, ob eine Schauspielerin einen Regisseur anschreit oder umgekehrt. Das ist eine Konsequenz aus den Diskussionen der letzten beiden Jahre, dass man sagt: Wir wollen ein anderes Klima.

Sie spielen auf die MeToo-Debatte an, die im Theaterbetrieb eine Diskussion über Machtstrukturen und Arbeitsbedingungen angestoßen hat, geschlechterübergreifend.

Die Leute fühlen sich viel stärker ermutigt, Probleme zu formulieren – die ja tatsächlich existieren. Aber wenn wir sie beheben wollen, müssen wir über die Ursachen sprechen und nicht über die Symptome. Wir können nicht einfach ein Klima verändern, ohne zu überlegen, wodurch die Wolke überhaupt entsteht.

Und wodurch entsteht sie?

Im Theater arbeitet man mit den letzten möglichen Mitteln. Die Häuser wollen von den Künstlern ganz viel Leistung für ganz wenig Aufwand. Dieter Dorn hat früher vier Monate geprobt, heute hast du sechs Wochen. Es gibt kaum noch Bühnenproben, weil die Häuser zugepflastert sind mit Repertoirevorstellungen. Wenn abends eine Aufführung ist, muss dein Bühnenbild spätestens um 13 Uhr abgebaut werden, damit sie das andere aufbauen können. Das erzeugt einen enormen Arbeitsdruck auf dich als Regisseur, weil bei dir alles zusammenläuft und du das, was du vorhast, in immer kürzerer Zeit realisieren musst.

Und diesen Druck gibt man einfach weiter?

Schon klar, dass das nicht angemessen ist, aber auf jeden Fall muss man sich die Problematik in ihrer ganzen Komplexität anschauen, statt einfach nur die Regisseure zu verteufeln. Ich würde auch nie sagen: Es liegt alles an der Politik. Die Dinge sind komplexer, auch das Publikum trägt zum Beispiel Mitverantwortung.

Das Publikum?

Ja. Weil es, um auf MeToo zurückzukommen, bestimmte Stücke nicht toleriert und nur zu Schiller geht. Wenn man aber beim überlieferten Kanon bleibt, muss man auch akzeptieren, dass dann nur männliche Autoren aufgeführt werden: Büchner, Schiller, Hebbel, Goethe. Damit reproduzieren wir genau die sexistische Struktur, die wir bekämpfen wollen.

Und die sich von den Autorinnen weiterführen lässt zu den Schauspielerinnen, weil die kanonischen Frauenrollen ja auch nicht gerade facettenreich sind.

Solange Frauen Figuren spielen müssen wie Amalia oder Ophelia, also immer Opfer, immer Sterbende, Weinende, von mächtigen Männern Vergewaltigte und Angespuckte, werden wir auch genau dieses Verhältnis weitererzählen. Aber an das Problem des Kanons trauen sich die meisten nicht heran. Da kannst du dir die Finger verbrennen, deine Zuschauer verlieren und dann deine Intendanz.

In Ihrer Kölner „Räuber“-Inszenierung ließen Sie Karl und Franz Moor von Frauen spielen – eine elegante Lösung.

Wenn ich im Kanon arbeiten muss und Kolleginnen gleichberechtigt auftreten lassen will, muss ich ja irgendetwas tun mit diesen Geschlechterrollen. Ich will Schauspielerinnen ja nicht verwehren, auf der Bühne ihre Intellektualität auszuleben, bloß weil sie in einem Theaterbetrieb sind, in dem die großen intellektuellen Konflikte von männlichen Figuren ausgetragen werden.

Gerade proben Sie am Maxim Gorki Theater Sibylle Bergs „Hass-Triptychon“. Die Uraufführung findet Ende Mai bei den Wiener Festwochen statt, im Herbst kommt das Stück nach Berlin. Gab es schon Plastikflaschenwürfe?

(Lacht.) Nein. Ich arbeite ja schon daran, nicht auszuflippen, und seit Dortmund ist mir das auch ganz gut gelungen. Aber das Gorki ist sowieso ein spezielles Haus, nicht nur wegen der Intendantin Shermin Langhoff. Es ist wie eine Familie dort, die sind sehr eng miteinander. Und es sind einfach gute Leute, auch die Technik, da sind viele noch aus der DDR. Die Osttheater funktionieren meiner bescheidenen Erfahrung nach so gut, weil es eine große Identifikation mit den Häusern gibt. Da wirkt eine Tradition fort.

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