Regisseur Hark Bohm wird 80 : Der Mann, der die Filmstadt Hamburg erfand

Er drehte "Nordsee ist Mordsee" und setzte Hamburg endgültig auf die Filmlandkarte: dem Regisseur, Autor, Schauspieler und Mentor Hark Bohm zum 80. Geburtstag.

Der Filmemacher Hark Bohm auf dem Fähranleger Teufelsbrück in Hamburg.
Der Filmemacher Hark Bohm auf dem Fähranleger Teufelsbrück in Hamburg.Foto: dpa / Ulrich Perrey

Zuletzt saß er im „Goldenen Handschuh“ und erzählte schmutzige Witze: Hark Bohm spielt in Fatih Akins Film über den Hamburger Frauenmörder Honka einen der Kneipenstammgäste, und sobald er ins Bild kommt, herrscht gute Laune. Aber Vorsicht, man unterschätzt ihn leicht, diesen Mann mit dem fröhlichen Gesicht und den großen Ohren.

Hark Bohm ist immer mehr als der nette Typ aus dem Norden gewesen. Er ist ein Humanist und Aufklärer im emphatischen Sinne, ein engagierter 68er und zugleich ein besonnener, immerhin halb-studierter Jurist. Sein Referendariat in München brach er ab, um dort Anfang der 70er Jahre den neuen deutschen Film mit Kluge, Wenders und Co. aus der Taufe zu heben und ihm die zukunftsträchtige genossenschaftliche Form des Filmverlags der Autoren zu verpassen.  

Ähnlich wie Edgar Reitz ist der Autodidakt Bohm dann so etwas wie ein linker Heimatfilmer geworden. Mit seiner Hamburg-Trilogie „Nordsee ist Mordsee“ (1976), „Moritz, lieber Moritz“ (1978) und „Yasemin“ (1988) hat er die Hafenstadt auf die Landkarte des deutschen Nachkriegsfilms gehievt. Mit dem Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg, mit dessen bürgerlichem Pendant rund um die Elbchaussee und mit der türkischen Community von Altona. Ein Erbe, das er in schöner Kontinuität an Fatih Akin weitergegeben hat, bei dem er nicht nur in der Kneipe sitzt, sondern auch als Ko-Autor mitmacht. Wegen „Yasemin“ wollte der junge Akin Filmemacher werden, später hat Bohm an dessen „Tschick“-Verfilmung (2016) mitgeschrieben und fungierte auch als Ko-Autor beim NSU-Drama „Aus dem Nichts“ wie zuletzt bei „Der Goldene Handschuh“.

Hark Bohms Lieblingsdichter: Theodor Storm

Dabei ist Bohm gar kein gebürtiger Hamburger. Er lebt nur seit einer Ewigkeit dort, nach seiner Ausbildungszeit in München. Geboren wurde er auf Amrum, die Akademikereltern hatten sich im Krieg dorthin geflüchtet. Das hat ihn geerdet, ebenso wie die humanistische Bildung ihn prägte, später, als er zum Abitur aufs Christianeum geschickt wurde, dem konservativen, altsprachlichen Hamburger Gymnasium. Noch heute zitiert er gern seinen Lieblingsdichter Theodor Storm. „Der Sternenhimmel über uns so weit, Und du so jung; unmerklich geht die Zeit ...“.

Der weite Horizont, die Empathie mit den Jungen, das zeichnet seine Filme aus, und sein Leben. Bohm ist immer Sozialrealist geblieben, fühlt sich weniger der Filmkunst als dem Erzählkino verpflichtet. Schon auf Amrum nannten sie ihn den „Snacker“. Sein Kino erschöpft sich trotzdem nicht in Konventionen, auch nicht in Politbotschaften, es hat immer Herz und Verstand.

"Nordsee ist Mordsee": das Lebensgefühl der Pubertät - und der 70er Jahre

Bohms frühe Werke sind oft als Jugendfilme missverstanden worden. Dabei ist auch sein berühmtester Titel, der Kultfilm „Nordsee ist Mordsee“,  keine Geschichte für Kids, sondern ein Film über Jugendliche - und mit ihnen. Eine Coming-of-Age-Story über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden, mit gewalttätigem Vater und überforderter Mutter. Über den Alltag prekärer Familien in den Siebzigern und das Lebensgefühl in der Pubertät, mit kurzer Jeansjacke, Hosen mit Schlag, kleinen Gaunereien und Udo-Lindenberg-Songs schon beim Vorspann. Über die Vernachlässigten, Alleingelassenen.

Seine beiden Hauptdarsteller, Uwe Enkelmann und Dschingis Bowakow, hat Hark Bohm aus Heimen gecastet und später adoptiert. Noch eine bezeichnende Kontinuität: In „Nordsee ist Mordsee“ spielt Uwe Bohm den Sohn eines prügelnden Trinkers, in „Tschick“ spielt er selber so einen Vater.

Hark Bohm und sein filmischer "Ziehsohn" Fatih Akin: 2018 erhielt Bohm eine Goldene Lola fürs Lebenswerk und gemeinsam wurden sie für das Drehbuch von "Aus dem Nichts" ausgezeichnet.
Hark Bohm und sein filmischer "Ziehsohn" Fatih Akin: 2018 erhielt Bohm eine Goldene Lola fürs Lebenswerk und gemeinsam wurden sie...Foto: imago

Hark Bohm muss ein unermüdlicher, ungemein verbindlicher Mensch sein. Ein Familientier, eine treue, beharrliche Seele. Schon in seinem Erstling „Tschetan, der Indianerjunge“ besetzte er seinen Bruder Marquard Bohm; mit seiner Ehefrau Natalia Bogakow ist er seit über 50 Jahren zusammen, die beiden adoptierten vier Kinder und zogen zwei weitere Pflegekinder groß. Neben der Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor gründete er auch noch das Hamburger Filmbüro sowie das dortige Filmfest und initiierte in den Neunzigern einen Filmstudiengang an der Uni Hamburg, der bis heute existiert, im Rahmen der Hamburg Media School. Als Dozent wurde er Akins Mentor. Akin hat ihn letztes Jahr "mein Leuchtturm für alles" genannt.  

Hark Bohm stand schon bei Fassbinder vor der Kamera

Und Darsteller ist Bohm auch noch. Schon bei Fassbinder war er dabei, als Testamentsvollstrecker in „Die Ehe der Maria Braun“, als Bürgermeister in „Lola“, als Pianist in "Lili Marleen", als Apotheker in „Effi Briest“. Später stand Bohm auch bei sich selbst vor der Kamera (in „Der kleine Staatsanwalt“, 1987), bei  Margarethe von Trotta oder Andres Veiel. Auch wenn es sich um Komparsenrollen handelt und er seine Schauspielerei nie als professionelle Tätigkeit verstanden wissen wollte: Bohms markantes Gesicht ist nicht wegzudenken aus den Bildern, die Deutschland sich von sich selbst macht.

Am heutigen Samstag wird Hark Bohm 80 Jahre alt. Sein Lebenswerk, für das er 2018 beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde, ist noch lange nicht abgeschlossen. Gerade arbeitet er wieder an einem Drehbuch.

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