Regisseur Roland Klick : Das Prinzip Chaos

Roland Klick brachte Realitätssinn in den deutschen Film. Das Kino Wolf feiert den einflussreichen Regisseur zum 80. Geburtstag mit einer Werkschau.

Wahrheitssucher, kein Abenteurer: Roland Klick 1970 bei den Dreharbeiten zu „Deadlock“ in der Wüste Negev.
Wahrheitssucher, kein Abenteurer: Roland Klick 1970 bei den Dreharbeiten zu „Deadlock“ in der Wüste Negev.Foto: Filmgalerie 451

Die Wüste flimmert monoton zu den psychedelischen Drones der Krautrocker Can. Die Sonne erzeugt ein Hitzeflirren auf dem Kameraobjektiv: Die Natur ist so unerbittlich wie der Mensch, hier am Ende der Welt. Woher das Kid kommt, das im Wüstensand mit einer Schusswunde am Arm und einem Koffer voller Geld liegt, erklärt Roland Klicks „Deadlock“ nicht. Auch nicht, wohin der Junge am Ende geht, während die Handvoll Bewohner der verlassenen Minenstadt, die dem Film seinen Namen gibt, erschossen in den Ruinen zurückbleiben. In der Wüste erwartet den Menschen nur der Tod.

Als „Deadlock“ 1970 in die Kinos kam, fehlte der hiesigen Kritik der Referenzrahmen. Einen „Deadlock“ hatte es im Neuen Deutschen Film Alexander Kluges, Rainer Werner Fassbinders und Wim Wenders’ bis dahin nicht gegeben. Der Italowestern befand sich gerade auf seinem Höhepunkt, Spuren finden sich auch bei Klick: das lakonische Kid (Marquard Bohm, der sein schauspielerisches Potenzial ebenso grandios verschwendete wie der ewige Slacker Werner Enke) in seinem graublauen Anzug, die Maschinenpistole im Anschlag. Der alternde Gangster Sunshine (Anthony Dawson) im Rollkragenpullover und knielangem Mantel, den Cowboyhut ins ledrige Gesicht gezogen. Und der hündische Minenaufseher Dump (Mario Adorf), der zwischen den Fronten der rivalisierenden Kriminellen immer auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Klick bewegte sich aus der Komfortzone des deutschen Kinos heraus

„Deadlock“ ist singulär im deutschen Kino. Er gewann 1971 das Filmband in Gold und den Bundesfilmpreis, aber er brachte seinem Regisseur kein Glück. Die Filmidee hatte Jahre auf Halde gelegen, weil ihn niemand finanzieren wollte. Heute gilt er als Klassiker, auch weil Roland Klick sich damals weit aus der Komfortzone des deutschen Kinos herausbewegt hatte. Gedreht wurde in der Wüste Negev, im umkämpften Grenzland. Ein Wahnsinnsunterfangen. Die einzige Versicherung wollte ihm das israelische Militär geben, erinnerte sich Klick später. Niemand würde auf sie schießen. „Wir passen auf euch auf!“

Roland Klick, der am  Donnerstag seinen 80. Geburtstag feiert, war kein Draufgänger wie Werner Herzog, der sich in seinen Filmen todesmutig der Gewalt der Natur und des Menschen auslieferte. Er suchte vielmehr etwas, was ihm im deutschen Film abhandengekommen war: Wahrhaftigkeit. Darum blickte er in dem morbiden Familiendrama „Bübchen“ aus dem Schlüsseljahr ’68 in die Abgründe des bundesdeutschen Kleinbürgertums. Darum lebte er vier Jahre lang mit einem obdachlosen Jugendlichen in einer WG, bevor er seinen besten Film „Supermarkt“ (1973) machte: eine grandiose Mischung aus Milieustudie und Actionfilm, mit dem späteren Hollywood-Kameramann Jost Vacano (Das Boot, Robocop).

Und darum wurde Roland Klick Ende der siebziger Jahre, noch in den Vorbereitungen zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, von Bernd Eichinger („Bernie“ nennt Klick ihn bis zu dessen Tod 2011) gefeuert. Klick hatte in Berliner Stadtmagazinen 2500 Jugendliche vom Ku’damm und aus der Bahnhofsgegend, dem sozialen Brennpunkt West-Berlins, gecastet. „Der Herstellungsleiter war sauer, weil ihm die Junkies – meine Kinder vom Bahnhof Zoo – auf die Klobrille pinkelten“, erinnert sich Klick später lachend. Tatsächlich aber hatte er nach diesem Fiasko mit dem deutschen Film abgeschlossen. Und der deutsche Film mit ihm.

Keine Lust auf geförderte „Krankenkassenfilme“

Dass ein Regisseur wie Roland Klick nur eine Randfigur bleiben konnte, sagt einiges über den Gesundheitszustand des deutschen Kinos. Klick hatte keine Lust auf „Krankenkassenfilme“, wie er in einem sehenswerten Videointerview mit dem Filmemacher Frieder Schlaich aus dem Jahr 1997 (auch auf Youtube) das am Tropf der Förderung hängende deutsche Kino nennt. Er besaß eine genaue Vorstellung von dieser Sorte Kino – und wollte damit nichts zu tun haben. Es versuchte, die Wirklichkeit bis in den hintersten Winkel auszuleuchten. „Wo aber ein Geheimnis bleibt,“ meint Klick, „passiert etwas Faszinierendes: Der Zuschauer kann seine eigene Fantasie in den Film projizieren. Ansonsten schließen wir das Publikum aus.“ Elitarismus aber war ihm zuwider. Klick wollte das Publikum erreichen, ohne es dabei für unmündig zu erklären.

Das Kino Roland Klicks hat sich, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, in den vergangenen 50 Jahren schadlos gehalten. Seine Milieuschilderungen bestehen noch heute gegenüber jeder Dokumentation jener Jahre. Und der Hamburger Kiezkrimi „Supermarkt“, mit dem von Klick geschriebenen Titelsong des jungen Marius Müller-Westernhagen, findet sich regelmäßig (nicht nur bei offensichtlichen Fans wie Dominik Graf) auf der Liste der besten deutschen Filme wieder.

Außenseiter trotz fünf Bundesfilmpreisen

Dass Klick trotz insgesamt fünf Bundesfilmpreisen ein Außenseiter im deutschen Kino blieb, passt insofern zu seinem schmalen Gesamtwerk aus sieben Spiel- und einem Dokumentarfilm (über das Kentucky Derby), das sich immer mehr für gesellschaftliche Außenseiterpositionen interessiert hatte. In seinem letzten kanonischen Film „White Star“, in dem ein heftig zugedröhnter Dennis Hopper durch die Kreuzberger Punkszene tobt, ist schon eine Endzeitstimmung zu spüren – nicht zuletzt dank der Auflösungserscheinungen seines Stars. Man kann zugleich beobachten, wie Klick sein Film – ein manisches Chaos – sukzessive entgleitet.

1989 folgte mit der anarchischen Komödie „Schluckauf“ eine letzte Kinoproduktion, für weitere Auftragsarbeiten wollte Klick seinen wahren Namen nicht mehr hergeben. Dass er vorm Vergessen gerettet wurde, ist maßgeblich Frieder Schlaichs Verdienst, der mit seinem Verleih Filmgalerie 451 nachwachsenden Generationen Klicks Filme seit 20 Jahren nahebringt. Auch wenn ihm die ganz große Anerkennung nie zuteil wurde: Zwischen höchst eigenwilligen Filmemachern wie Werner Schroeter, Christoph Schlingensief und Hans Jürgen Syberberg hat Roland Klick hier einen würdigen Platz gefunden.

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- Das Kino Wolf feiert Roland Klicks Geburtstag mit einer Werkschau vom 4. bis 7. Juli. Der Regisseur wird bei der Eröffnung persönlich anwesend sein.

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