Regisseur Sergej Eisenstein im Museum : Auf ihn hatte die Revolution gewartet

Das Centre Pompidou in Metz feiert den sowjetischen Filmpionier Sergej Eisenstein mit der Ausstellung „Das ekstatische Auge“.

Kunst ist Handwerk. Eisenstein montiert seinen Film „Oktober“, 1927.
Kunst ist Handwerk. Eisenstein montiert seinen Film „Oktober“, 1927.Foto: Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI)

Die Maden im Fleischstück am Haken. Der Matrose, der rücklings im Tau hängt. Der Kinderwagen, der die endlose Freitreppe hinabrollt. Die weiß uniformierten Soldaten, die das Volk niederschießen: Man kennt die Szenen, sie haben sich ins Gedächtnis eingeprägt. Sergej Eisenstein, der Regisseur von „Panzerkreuzer Potemkin“, verstand sich wie kaum ein Zweiter auf solche sprechenden Bilder.

Auch in späteren Werken finden sich die „ikonischen“ Szenen, etwa die beiden Heere, die sich, Kampfrobotern gleich, auf dem blendenden Weiß eines vereisten Sees gegenüberstehen, oder die endlose Menschenschlange, die unter dem scharfen Profil des Zaren sichtbar wird.

Kernbestand der visuellen Kultur der Moderne

Beide Filme, „Alexander Newski“ aus dem Jahr 1938 und „Iwan der Schreckliche“, fertiggestellt 1946, gehören gleichfalls zum an Zahl vollendeter Filme schmalen, an Bedeutung jedoch übergroßen Werk Eisensteins. Es zählt zum Kernbestand der visuellen Kultur der Moderne.

Es mit dieser Moderne in Beziehung zu setzen, ist das Ziel der Ausstellung „Das ekstatische Auge“, die im Ableger des Pariser Centre Pompidou im lothringischen Metz zu sehen ist. Eisenstein kam von Kindesbeinen an mit Kunst und Künstlern in Berührung. Nach der Russischen Revolution wollte er Schauspieler werden und geriet zum Film, den die Bolschewiki als ein Medium der Zukunft erkannten.

In Moskau, wo in den Künsten alles erdacht, doch nur weniges realisiert werden konnte, machte Eisenstein 1924 mit seinem ersten Langfilm „Streik“ auf sich aufmerksam – die Massenszenen, die Bewegung, die Dramatik und auch Gewalt, das alles ließ Eisenstein als den Filmemacher erscheinen, auf den die Revolution gewartet hatte.

„Potemkin“ wurde dann ein enormer, in der von Phil Jutzi in Berlin edierten Fassung auch internationaler Erfolg, der Regisseur ein Star der Avantgarde, dem sich in Berlin, Paris und schließlich Hollywood alle Türen öffneten.

Parallel laufende Filmausschnitte

Die Ausstellung in Metz verfolgt das Œuvre Eisensteins anhand der einzelnen Filme, die in bezeichnenden Ausschnitten in der als Montagegerüst gebauten, verschachtelten Architektur parallel zu sehen sind.

Gegen diesen visuellen Sog haben es die gezeigten Kunstwerke nicht leicht, die für das künstlerische Umfeld stehen, obwohl darunter Meisterwerke sind wie Pjotr Williams’ Porträt des bewunderten Theaterregisseurs Meyerhold oder Bühnenbilder der Malerin Ljubow Popowa. Auch Eisensteins Zeichnungen selbst, mit denen er jede Szene vorzubereiten pflegte, bleiben eher Beigabe.

[Centre Pompidou Metz, bis 24. Februar. Vorführung von Filmen Eisensteins Fr–So. Begleitheft auf Deutsch. Katalog auf Französisch, 49 €. Infos: centrepompidou-metz.fr]

Fotografien Alexander Rodtschenkos

Aufschlussreicher sind die Architekturentwürfe der Konstruktivisten, die Eisenstein in ihrer Betonung von Technik, Montage, Material nahe waren, und ebenso die Fotografien des Allrounders Alexander Rodtschenko, der nicht nur Plakate für „Potemkin“ entwarf, sondern mit einzelnen Fotografien Anregungen für Einstellungen im Film lieferte.

Nach einem Besuch in Berlin 1926 verfolgt Eisenstein die Idee, einen Film in einem gläsernen Gebäude spielen zu lassen, angeregt von den Entwürfen Mies van der Rohes für ein Glashaus an der Friedrichstraße.

Ob gewollt oder nicht, zum Mittelpunkt der Ausstellung wird der Film „Que viva Mexico!“, an dem Eisenstein in den Jahren 1931/32 arbeitete, finanziert vom linken Erfolgsschriftsteller Upton Sinclair. Hier kommt das Adjektiv „ekstatisch“ im Ausstellungstitel zu vollem Recht: Eisenstein drehte nicht einfach einen Film, er tauchte tief in die Kulturen Mexikos ein, studierte die rätselhaften Bauten der Maya ebenso wie den Volksglauben der Bauern, und er gab der „Ekstase“ in den 50 Stunden des Rohmaterials überreichen Ausdruck.

Seine beste Zeit hatte er in Mexiko

Dazu haben die Kuratoren Ada Ackerman und Philippe-Alain Michaud Objekte aus ethnologischen Sammlungen geholt, etwa Figuren des Totentanzes aus Pappmaché oder eine bronzene Maya-Maske. Und sie haben die rhythmische Musik Mexikos hergenommen, die nun in Endlosschleife erklingt und die ganze Ausstellung überlagert.

Kein Zweifel, Eisenstein hatte seine beste Zeit in Mexiko, fern von den sowjetischen Zensoren, denen gleichwohl sein lockerer Lebenswandel nicht entging. Eisenstein musste 1932 ohne die bei Sinclair verbleibenden Filmrollen zurück in die Sowjetunion, da stand die Kunst auf Messers Schneide.

Szene aus "Oktober" von Sergei Eisenstein and Grigory Aleksandrov.
Szene aus "Oktober" von Sergei Eisenstein and Grigory Aleksandrov.Foto: picture alliance / dpa

Das bekam Eisenstein zu spüren. Sein Vorhaben „Die Beschin-Wiese“ über die (Zwangs-)Kollektivierung der Landwirtschaft war nicht parteifromm genug, die Dreharbeiten wurden 1937 – zur Zeit des „Großen Terrors“ – untersagt, das bis dahin gedrehte Material konfisziert und zerstört. Was die problematische Beziehung Eisensteins zum Sowjetregime und zu Stalin angeht, ist die Ausstellung allzu defensiv. Stalin sprang mit Eisenstein nach Belieben um, er war, wie alle Diktatoren des 20. Jahrhunderts, ein großer Filmfan.

Eisenstein musste Selbstkritik üben

Und Eisensteins Filme waren ungemein populär – aber eben nicht nur sie. Die sowjetischen 30er Jahre sind die Zeit naturalistischer Filmkomödien, mit denen die Regisseure von Mosfilm „das Leben schöner“ zeichneten, wie Stalin es in seinem berüchtigten Ausspruch vorgab. Eisenstein musste Selbstkritik üben und hatte Glück, dass er, anders als etwa Meyerhold, Verhaftung und Hinrichtung entging.

Stattdessen drehte er 1938 auf Stalins Geheiß „Alexander Newski“, die Nationalsaga vom Sieg der Russen über die Deutschen im Jahr 1242. Der Diktator war zufrieden, doch im folgenden Jahr des Hitler-Stalin-Pakts musste der Film von der Leinwand verschwinden.

Schließlich fiel er bei Stalin in Ungnade

Erst im Krieg konnte Eisenstein wieder drehen, wobei die Ausstellung den geplanten Propagandafilm über den Ferghana-Kanal – eines von Stalins Gewaltprojekten – auslässt. Stattdessen geht es weiter mit dem Epos „Iwan der Schreckliche“, von Eisenstein auf drei Teile angelegt, der erste Teil überwiegend im kriegsfernen Alma Ata gedreht und erst 1946 freigegeben.

Da konnte Eisenstein tief ins nationale Erbe greifen und sich an Ikonen ebenso berauschen wie an Historienbildern des späten 19. Jahrhunderts. Riesenerfolg, Stalin-Preis, der ganze Byzantinismus des Regimes waren die Folge.

Doch der zweite Teil fiel wieder in Ungnade. Stalin tobte, er sah sich in der Figur des Zaren Iwan, mit dessen Brutalität er so sehr sympathisierte, als Psychopath gezeichnet. Noch ehe er den dritten Teil drehen konnte, starb Eisenstein 1948 kurz nach dem 50. Geburtstag am Herzschlag.

Dem Leben und damit der Ausstellung fehlt der Abschluss – sie läuft einfach aus, und der Besucher mag rätseln, was Eisenstein im „Tauwetter“ nach Stalins Tod hätte schaffen können. Die Ausstellung ist eine einzige Huldigung an das Genie Eisenstein, und so berechtigt das ist, so wenig überraschend ist es. Eine kritischere Darstellung des Eisenstein’schen Lebenswerks wäre an der Zeit. Dem Rang seines Œuvres täte sie doch keinen Abbruch.

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