Reise-Ausstellung in Berlin : Hinterm Horizont

Die Kunstbibliothek feiert ihren 150. Geburtstag mit einer Ausstellung über das Reisen, erzählt in Stichworten von A bis Z.

Auf zur Gedächtniskirche. Berlin-Werbeplakat von 1929.
Auf zur Gedächtniskirche. Berlin-Werbeplakat von 1929.Foto: SMB, Kunstbibliothek/Dietmar Katz

Reisen kostet. Als Reichstagsarchitekt Paul Wallot 1875 auf Tour ging, notierte er akribisch seine Tagesausgaben in einem Skizzenbuch. Zu Buche schlugen Eisenbahn, Diorama, „Caffé“. Das zerfledderte Büchlein blättert die Kunstbibliothek jetzt auf, nebst einem Sparkassen-Plakat von 1954, das auch Pfennigfuchsern eine Urlaubsreise ans Herz legt: „Sparen ermöglicht die Urlaubsreise.“ Quer durch die Zeiten navigiert die Ausstellung, mit der das Haus seinen 150. Geburtstag feiert.

Dröge Chronologien und penible Ordnungsraster bleiben im Staub der Geschichte zurück. Als locker gestricktes „ABC des Reisens“ schlängelt sich der Parcours entlang lexikalischer Stichworte von „A“ wie Album bis „Z“ wie Ziel. Das gibt allen fünf Abteilungen der einst als Vorlagensammlung fürs Kunstgewerbe gegründeten Institution die Chance, mit spannenden und skurrilen Preziosen zu glänzen.

Die berühmte Modebilder-Sammlung etwa steuert hinreißende Entwürfe für Bademoden und knitterfreie Reisekostüme bei, während Fotokuratorin Christine Kühn unter „S“ wie Souvenir rare historische Venedig-Aufnahmen, etwa von Fotopionier Alfred Stieglitz, auspackt. Dass schon die ältesten gedruckten Reiseführer, wie der um 1627 erschienene Bestseller Josef Furttenbachs „Itinerarium Italiae“, die gleichen Routen empfahlen, auf denen noch heute die Touristenströme unterwegs sind, belegen kostbare Originalbände aus den unerschöpflichen Bibliotheksdepots. Schnell wird klar: Mit dem Zeitalter des Reisens beginnt auch die Kommunikation darüber. Erst in Bild und Schrift geronnen, gewinnt die schweifende Bewegung der Reisenden Gestalt und Form, wird vom flüchtigen Erlebnis oder erträumten Plan zur haltbaren Erinnerung.

Zu den frühesten Reisenden gehörten Wallfahrer und Pilger.

Dickleibige Klebealben und winzige Notizbücher füllten reisende Künstler wie Anton von Werner oder der heute vergessene Robert Wimmer. Dessen wuchtiges Italien-Skizzenbuch von 1852, ein wahres Kompendium künstlerischer Formen, wird gerade digitalisiert. Zu den frühesten Reisenden, die sich auf den Weg machten, gehörten Wallfahrer und Pilger. Ein Riesenwimmelbild Jerusalems, 1735 in Kupfer gestochen, veranschaulicht den starken Reiz, den das heilige Land ausübte. Erich Mendelsohn dagegen kam 1923 nicht aus religiösen Gründen nach Palästina, sondern als Planer für eine Elektrizitätsgesellschaft. Seine Glasdias dokumentieren einen aufmerksamen, nüchternen Blick auf das Land, in dem der Architekt später als NS-Emigrant Zuflucht fand. Reisen ist immer auch in politische und wirtschaftliche Realitäten verflochten.

Unter „C“ wie Cartographia zeigt sich, wie der Horizont der Europäer sich weitete. In Schedels Weltchronik von 1493 taucht Amerika noch gar nicht auf, ein Werbeplakat der Hamburg-Amerika- Schiffslinie um 1900 dagegen peilt das Nordkap als neue Touristendestination an. Mit Dampfschiff, Eisenbahn, Flugzeug nimmt die Abfolge der Verkehrsmittel lexikalisch von D bis F flott Fahrt auf. Rasante Plakate im Stil der Moderne tragen dem Rausch der Geschwindigkeit Rechnung.

Standfotos, unscharf wie verblasste Erinnerungen

Klar, den Bibliothekaren liegt der Umgang mit alphabetischen Ordnungssystemen quasi im Blut: Jeder Karteikasten, jedes Register ordnet die Welt nach diesem Raster. Und schon kommt der Buchstabe „V“ ins Visier – und damit „Virtual Travel“. Kein Privileg des Digitalzeitalters, wie Kuratorin Christina Thomson meint: Schon die Zeitgenossen um 1900 genossen beim Blick ins Stereoskop die mediale Faszination imaginärer Reiseziele in 3D.

Derweil rattert ein Projektor mit einem Film von Marcel Broodthaers nostalgisch vor sich hin. Zu sehen sind nur Standfotos, unscharf wie verblasste Erinnerungen. Ein Segelschiff flimmert vorüber. Es braucht unsere Imagination, um die Bilder in Bewegung zu setzen. Das beste Vehikel für uferlose Reisen ist ohnehin der menschliche Geist. Das macht auch der italienische Gegenwartskünstler Flavio de Marco im Foyer klar. Er hat einen umfänglichen Reiseführer für eine Insel namens Stella verfasst. Sie liegt in der Ägais und existiert nur in der Phantasie.

Kunstbibliothek, Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 6. Januar; Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr. Katalog 16 €

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