Auf hatr.org bekommt man einen Überblick über den Hass im Netz

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12. Re:publica : Frauen sichtbar machen

Ihr Netzwerk, das sind die Digital Media Women, die sich vor zwei Jahren in Hamburg gegründet haben. Nach einem besonders frustrierenden Erlebnis - 2010 waren bei der Start-up-Konferenz „Next“ unter dutzenden Rednern nur zwei Frauen - tat sich die Frauengruppe zusammen. Auf der Re:publica stellten sie sich nun vor und gaben bekannt, dass sie einen Ableger in Berlin gründen. Sie wollen Frauen unterstützen, auf digitalen Konferenzen öfter auf Podien zu gehen, überhaupt die Sichtbarkeit von Frauen in Web-Berufen zu erhöhen. „Frauen haben mehr Respekt davor, sich vorne hinzustellen, der Fokuspunkt zu sein“, sagt Inken Meyer, eine der Gründerinnen des Netzwerkes. Und der ganze Sinn und Zweck des Web 2.0 ist es nun einmal, sich zu exponieren.

In Sozialen Netzwerken sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert. Die „Alpha-Blogger“ sind größtenteils Männer. Die Frage, ob Frauen im Netz häufiger „getrollt“ werden und ob sie das schlechter vertragen als Männer, beantwortet die Piratin Julia Schramm knapp mit: „Ja und ja.“ Viele Frauen auf der Konferenz haben Erfahrung damit. Auf der Webseite www.hatr.org werden extreme Troll-Kommentare gesammelt, dort bekommt man schnell einen Überblick darüber, mit welchem Hass Frauen, aber auch Homosexuelle überschüttet werden, „Judenhure“ und „Scheiß Lesbo-Fotze“ sind da nur der Anfang.

Immerhin, auf der Re:publica ist der Frauenanteil inzwischen stark gewachsen. Die Konferenz erfüllt inzwischen die von Ursula von der Leyen geforderte Frauenquote: Etwa ein Drittel derer, die auf Podien sitzen, sind Frauen. Es sind schrille Frauen, wie die amerikanische Werberin Cindy Gallop, die im brechend vollen größten Saal über ihr Projekt „Make love, not porn“ spricht. Gallop hat die gleichnamige Webseite 2009 gegründet, um Menschen dazu zu bewegen, offen über ihre Vorstellungen von Sex zu sprechen. Sie hält das für nötig, weil sie das Gefühl hat, dass diese Vorstellungen immer stärker von den Klischees der Pornoindustrie geprägt sind – die oft mit dem „wahren“ Leben nicht in Einklang stehen. Über sich selbst sagt Gallop, dass sie Pornos liebt und dass sie Beziehungen ausschließlich mit „furchtbar hübschen, jungen Männern“ eingeht.

Es sind aber auch politische Frauen wie Jillian C. York. York ist Vorstandsmitglied der Electronic Frontier Foundation, einer amerikanischen Nicht-Regierungsorganisation, die sich für die Netzfreiheit engagiert. York reist unablässig durch die Welt, spricht auf Konferenzen und besucht ihr Schwerpunktgebiet in Nordafrika, auch auf der Konferenz spricht sie über den Arabischen Frühling. Und es sind Politikerinnen wie Julia Schramm von der Piratenpartei, die gleich zweimal auftritt.

Nur Feministin will offenbar keine hier sein. Der Widerwille, sich zusätzlich zu den Anfeindungen im Netz selbst in die „Opfer- oder Frauenecke“ zu manövrieren ist offenbar verbreitet - zumindest außerhalb der einschlägigen feministischen Blogs. Auch die Digital Media Women grenzen sich vom Feminismus ab. Das Wort, sagt Inken Meyer, würde sie nicht in den Mund nehmen. Sie betont, dass sie keinen thematischen Vorschlag über „Die Frau im Netz“ gehalten hat, sondern lediglich das Netzwerk vorstellen wollte. Die Bloggerin Julia Seeliger sagt: „Schiebt die Frauen nicht in den Frauenraum ab.“

Als Seeliger während der Vortragsinszenierung mit Julia Schramm die Saalfrage stellt, wer denn glaube, dass die Gleichberechtigung realisiert sei, gehen im ziemlich pari-pari besetzten Publikum gerade einmal zwei Hände hoch. Der geschlechterspezifische "digital divide" ist da, so viel Einigkeit besteht auf der Re:publica. Wie er überwunden werden soll, bleibt umstritten.

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