Restaurierte Rembrandt-Gemälde : Brautpaar in Lebensgröße

Rembrandts Doppelporträt eines Brautpaars gehörte lange der Familie Rothschild. Nun glänzt es frisch restauriert als Mittelpunkt einer Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum.

Mitarbeiter des Rijksmuseum in Amsterdam führen letzte Arbeiten durch, bevor die Besucher Rembrandts Gemälde zu sehen bekommen.
Mitarbeiter des Rijksmuseum in Amsterdam führen letzte Arbeiten durch, bevor die Besucher Rembrandts Gemälde zu sehen bekommen.Foto: AFP/ ANP / David van Dam / Netherlands OUT

Wem gehört Rembrandt? Die Frage klingt abwegig. Rembrandt ist der Nationalkünstler schlechthin der Niederlande, als solcher wird er im Rijksmuseum Amsterdam gefeiert, so etwas wie der Nationalgalerie des Landes. Die großartige Gemäldeinstallation seit der Wiedereröffnung des sanierten Hauses im Jahr 2013 führt direkt auf die „Nachtwache“ hin, jenes Meisterwerk in einem Genre, das es so nur in den bürgerlichen Niederlanden gegeben hat: dem Gruppenporträt von Bürgerwehren, die tatsächlich das städtische Patriziat repräsentieren.

Eine andere Form von Repräsentation stellen ganzfigurige, lebensgroße Bildnisse stehender Personen dar. Solche konnten sich im wesentlichen nur Adlige leisten, in den Handelsnationen Holland und England auch zu Wohlstand gelangte Bürger. Rembrandt hat in seinem Leben lediglich drei solcher Großporträts gemalt, zwei davon zeigen ein Brautpaar, Marten Soolmans und seine Braut Oopjen Coppit. 1634 entstanden, gehörten sie seit 1878 der Pariser Bankiersfamilie Rothschild, die sie 2015 veräußerte. Und da stellte sich ganz unvermittelt die Frage, wem Rembrandt gehört?

Geschichte der Ganzkörperporträts

Die französische Öffentlichkeit forderte den Verbleib im Inland, während den Rothschilds ob des als nicht verhandelbar deklarierten Kaufpreises von 160 Millionen Euro bereits eine Ausfuhrgenehmigung avisiert worden war. Als alles schon perdu schien, einigten sich der französische und der niederländische Staat auf einen gemeinschaftlichen Kauf, halbe-halbe in den Kosten und halbe- halbe, was die Präsentation der Bilder angeht. Vertraglich festgehalten wurde der Wechsel der Ausstellungsorte zwischen Rijksmuseum und Pariser Louvre, künftig alle fünf, später sogar acht Jahre.

Nach zweijähriger Restaurierung bilden „Marten en Oopjen“ nun die Hauptattraktion der gestern eröffneten Ausstellung „High Society“, mit dem das Rijksmuseum die Rembrandts in den Kontext der Malerei von den Anfängen des Ganzfigurenporträts im frühen 16. bis zum späten 19. Jahrhundert stellt. Dabei rücken die von aller gelblichen Firnis befreiten Bilder etwas ins Glied. So einmalig sind Rembrandts Porträts nicht, nur innerhalb seines Oeuvres. Der ein paar Jahre ältere Flame Anthonis van Dyck hat nicht weniger als 107 seiner 542 Porträts ganzfigurig ausgeführt, durch ihn drang die Mode tief ins die englische Upperclass ein. Joshua Reynolds malte ein Jahrhundert später sogar 138 solcher lifesize paintings.

Rembrandt malte 1634 die Bildnisse des jungen Marten Soolmans...
Rembrandt malte 1634 die Bildnisse des jungen Marten Soolmans...Foto: Rijksmuseum, Amsterdam

Erstmals ganzfigurig gemalt hat Lucas Cranach der Ältere. Ihm saßen oder besser gesagt, standen der sächsische Herzog Heinrich der Fromme und seine Frau Katharine von Mecklenburg für das heute in Dresden beheimatete Bilderpaar, das Cranach 1514 ausführte. Heinrich sollte zwei Jahrzehnte später als Begründer des Protestantismus in Sachsen eine historische Rolle spielen; Cranachs Bildnisse aber sind kunsthistorische Erstlinge. Das Bilderpaar steht am Beginn der Ausstellung, ihm gegenüber das erste derartige Gemälde aus Italien, das 1526 geschaffene Bildnis eines Mannes des wenig bekannten Moretto da Brescia. Den politisch bei weitem bedeutendsten Portraitierten stellt Kaiser Karl V. da, den sein Hofmaler Jakob Seisenegger 1532 malte; die detailgetreue Kopie von der berühmteren Hand Tizians konnte aus Madrid nicht ausgeliehen werden.

...und seiner Braut Oopjen Coppit.
...und seiner Braut Oopjen Coppit.Foto: Rijksmuseum, Amsterdam

Von einem anderen Italiener, Paolo Veronese, stammt das schönste, anrührendste Bildpaar der Ausstellung: das des Grafen Iseppo da Porto und seiner Frau, Livia da Porto Thiene (1552). Anrührend, weil der Graf mit seinem neunjährigen Sohn und die Gräfin mit der siebenjährigen Tochter dargestellt sind, beides kleine Erwachsene von (gewollter) Überähnlichkeit mit dem jeweiligen Elternteil. Schließlich gelangt das Genre das Ganzfigurenporträts in die Niederlande des „Goldenen Jahrhunderts“, entsprechend zahlreich sind Zeitgenossen Rembrandts in der Ausstellung vertreten. Es folgt der Sprung auf die britischen Inseln. Ein Saal der mit 39 Gemälden übersichtlich bestückten Ausstellung ist so etwas wie eine britische Abteilung, man versteht sofort, warum Reynolds und sein ewiger Rivale Thomas Gainsborough so gefragt waren. Sie konnten die adligen Damen, manche ätherisch leicht, hinreißend in fließender Kleidung vor genialisch hingeworfene Landschaften stellen.

Der letzte Saal widmet sich dem 19. Jahrhundert. Da franst die Porträtmalerei aus, weil das Ganzfigurenbildnis nicht länger einer kleinen Oberschicht vorbehalten ist. Manet beispielsweise malt 1875 seinen bankrotten Künstlerfreund Desboutin. Nur in Edvard Munchs Bildnis von Walther Rathenau als AEG-Konzernherr ist 1907 der hochherrschaftliche Gestus noch einmal durch die dargestellte Person beglaubigt.

Ganz zu Hause ist Rembrandt nur in Holland

An die Gemälde schließt sich eine Grafikabteilung mit dem Titel „Sündige Vergnügungen“ an, die die Kehrseite der „High Society“ zeigt. Hemmungslose Besäufnisse beim Gesellschaftskritiker William Hogarth, vor allem aber Sex in allen Variationen, mit Prostituierten oder in vornehmen Betten, teils als pornografisches Material, teils als Karikaturen adliger Lüstlinge. Die Druckgrafik als Massenmedium des 17. Und 18. Jahrhunderts hatte für jede Schaulust etwas zu bieten.

Rembrandt gehört den Niederländern, er gehört ein bisschen auch Frankreich, den Deutschen – Berlin besitzt die zweitgrößte Sammlung beglaubigter Rembrandts – und auch nach Russland, wo Katharina die Große für die Eremitage in St. Petersburg etliche, auch vermeintliche Rembrandts erwarb. Aber ganz zu Hause, das will man nach dem Besuch dieser schlichtweg atemberaubenden Ausstellung gern konzedieren, ist er eben nur in Holland und dort in seiner Heimatstadt Amsterdam.

Amsterdam, Rijksmuseum, bis 3. Juni. Katalog 25 €. www.rijksmuseum.nl

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