Restaurierung des Isenheimer Altars : Der Himmel über Golgatha

Der Isenheimer Altar in Colmar, Höhepunkt mittelalterlicher Malerei, wird vier Jahre lang restauriert. Am Ende könnte er heller strahlen.

Dunkelste Nacht. Das Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars zeigt in ganzer Drastik den zerschundenen Körper des toten Christus.
Dunkelste Nacht. Das Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars zeigt in ganzer Drastik den zerschundenen Körper des toten Christus.Foto: Musée Unterlinden

Tiefe Nacht umhüllt das Geschehen, als hätte die Sonne sich abgewandt, um das Grauen nicht zu sehen. Bislang schien Schwarz die passende Hintergrundfarbe zu sein für das furchtbare Szenario auf der Haupttafel des Isenheimer Altars, die im Zentrum den gekreuzigten Jesus, seinen gemarterten Körper mit allen schmerzhaften Details zeigt. Das könnte sich ändern. Das wohl bedeutendste Tafelbild der abendländischen Malerei, das sich im Unterlinden-Museum in Colmar befindet, wird für vier Jahre einer Restaurierung unterzogen, an deren Ende es wohl farblich vollkommen neu erscheinen wird.

Die zwischen 1512 und 1516 von Mathias Grünewald geschaffene Malerei zeigt in einer damals noch nicht gekannten Drastik und Größe die Leiden Christi. Mit Aufsatz war der Altar ursprünglich acht Meter hoch. Links von dem Gekreuzigten stützt der Apostel Johannes die verzweifelte Muttergottes, Maria Magdalena hebt die gefalteten Hände zum Himmel. Rechts steht Johannes der Täufer mit seinem berühmten Zeigegestus. Für die Menschen des 16. Jahrhunderts war das Werk ein Schock, für die Betrachter heute ist es noch immer ein überwältigendes Erlebnis.

Blutiges Halleluja

Grünewalds Einfluss auf Künstler späterer Jahrhunderte, insbesondere zu Beginn des 20., kann kaum überschätzt werden. Ursprünglich sollte das für den Antoniterorden von Isenheim entstandene Werk, das durch die Wirren der Französischen Revolution 1793 nach Colmar gelangte, Trost spenden, insbesondere den am „Antoniusfeuer“ Erkrankten. Die durch vergiftetes Mutterkorn ausgelöste Infektion führte zum Absterben der Extremitäten. Ein Heilmittel kannte man nicht, nur Beten. Nun ist der Altar selbst ein Patient, er muss einer Reinigung unterzogen werden, einer Operation am offenen Herzen eines 500-Jährigen, wenn man so will.

Ob diese Heilung glückt, wird am Ende auch Geschmackssache sein. Der Himmel über der unbarmherzig realistischen Kreuzigungsszene des zugeklappten Altars könnte sich nach Entfernung der eingetrübten Firnissschichten lichten, ein helleres Blau am Horizont erscheinen. Das wäre dann fortan als Hoffnungsschimmer zu interpretieren. Wie das Inkarnat der Christusfigur nach der Restaurierung aussehen wird, der gegenwärtig noch fahle Hautton seines mit eitrigen Geschwüren überdeckten Leibs, mag man sich weniger ausmalen. Womöglich treten noch deutlicher Details der Folterung zutage, und das aus den verkrallten Händen, verkrampften Füßen und der seitlichen Wunde am Brustkorb fließende Blut wird geradezu sprudeln.

Zuschauen bei der Verjüngung

Vier Jahre soll der Prozess dauern, der sämtliche Tafeln und die Skulpturen des Isenheimer Altars umfasst. Jede Veränderung wird mit Argusaugen verfolgt, eine Kamera überträgt die Arbeit der Restauratoren für das Publikum auf einen Monitor. Dabei blicken die Besucher des Colmarer Unterlinden-Museums den Restauratoren ohnehin schon beinahe über die Schulter. Die Kampagne findet bei laufendem Betrieb statt. Das Werk bleibt zugänglich. Die riesigen Retabeln des Altars bleiben an ihrem jetzigen Platz im Kirchenschiff des ehemaligen Dominikanerklosters. Nur einzelne Teile wie die Predella werden abgenommen. Die vor Ort eingerichtete Werkstatt und das Publikum trennt nur eine Plexiglasscheibe, eine Laborsituation.

Das Gold blättert. Drei Apostel aus der Predella, dem Unterbau des Altars.
Das Gold blättert. Drei Apostel aus der Predella, dem Unterbau des Altars.Foto: Christian Kempf

Das hat seinen Grund. Die Restaurierung einer solchen Inkunabel der Kunstgeschichte geht heute nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zumal die ursprünglich vor sieben Jahren schon einmal gestarteten Arbeiten aus genau diesem Grund abgebrochen werden mussten. Zu überstürzt, zu wenig transparent sei das Vorgehen gewesen, ohne genügende wissenschaftliche Begleitung, lauteten die Vorwürfe. Der Trägerverein des Unterlinden-Museums, seine damals in die Kritik geratene Direktorin Pantixka de Paepe, das Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France, auch das französische Kultusministerium, sie alle wollen es diesmal mit diesem nationalen Kulturgut, der eigentlich ein Weltschatz ist, richtig machen. So wurden Journalisten zur Inspektion eingeladen, einen kritischen letzten Blick auf den Isenheimer Altar zu werfen, bevor seine Auffrischung beginnt.

Bitte nicht zu farbig

Hinterher wird die Kunstgeschichte nicht neu geschrieben werden müssen. „Wir kennen das Kunstwerk. Wir wissen ungefähr, wohin die Reise geht“, verspricht Chefrestaurator Anthony Pontabry, der für die Malerei zuständig ist. Um die Skulpturen und den Altarkasten, die der Bildhauer Niklaus von Hagenau 1528 schuf, kümmert sich seine Kollegin Juliette Lévy. Beiden sind mehrköpfige Teams zur Seite gestellt. Dramatische Überraschungen wie bei der Freskenmalerei der Sixtinischen Kapelle in Rom, deren plötzlich hervorgetretene grelle Farbigkeit das Publikum konsternierte, erwartet Pontabry nicht, auch wenn ihm das persönlich als Restaurator gefallen würde. Das wäre der Clou seiner Karriere. „Bitte nicht“, wirft Direktorin de Paepe ein, die den nächsten Sturm der Entrüstung ahnt. Zehn Prozent der Gesamtkosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro, die ansonsten der Museumsverein, Staat und Sponsoren tragen, sollen durch Crowdfunding eingespielt werden.

Seit einem Jahr laufen die Voruntersuchungen. Mit Infrarot-, Ultraviolett- und Röntgenstrahlen wurden die Lacke, die Struktur des Bildträgers analysiert, um peu à peu die Firnissschichten abtragen zu können. Die Restauratoren machen dort weiter, wo die Kampagne 2011 abrupt endete. Damals war die rechte Außentafel mit der Versuchung des heiligen Antonius bereits gereinigt worden. Beim „Besuch des heiligen Antonius beim Eremiten Paulus“ kam der unvermittelte Stopp. Die Bruchlinie ist deutlich zu erkennen. Auf der linken Seite, wo eine Krähe mit einem Stück Brot für den Eremiten im Schnabel herbeifliegt, ist der Himmel noch diesig-grau, auf der rechten lichtblau. Die Verdünnung von Firnis sei eine einfache Sache, „kein Hexenwerk“, so Pontabry. Die bisherige Arbeit sei einwandfrei gewesen, verteidigen die Restauratoren ihre Vorgänger.

Bröselndes Blattgold

Viel anders werden auch sie nicht vorgehen. Doch ihre Kampagne ist nicht nur öffentlicher, wird minutiös dokumentiert und nach jedem Abschnitt mit einem wissenschaftlichen Beirat diskutiert. Sie ist auch sehr viel umfangreicher angelegt. Neben der Malerei werden ebenso die Skulpturen einer Reinigung unterzogen. Auch dafür ist es höchste Zeit, denn die Figuren überdeckt eine Staubschicht. Sie zieht Feuchtigkeit an, die wiederum die Bindemittel der darunterliegenden Pigmente angreift. Zur Demonstration fährt Restauratorin Juliette Lévy mit der Fingerspitze über den Kopf eines der Apostel, die in der Predella in Dreiergruppen beim letzten Abendmahl dargestellt sind. Ein grauer Film bleibt hängen.

Höchste Zeit, dass hier etwas passiert. Denn schon beginnt sich bei den Holzfiguren das Blattgold der Gewänder vom Untergrund zu lösen, das Brokatimitat ist bereits zersetzt. Darüber hinaus sind Ergänzungen geplant. Ein später gefundenes Fragment aus dem Rankenwerk im oberen Bereich des Altars soll wieder an seinen ursprünglichen Platz gebracht werden. Der gegenwärtig noch in Weiß gehaltene Hintergrund des Kastens wird seine blaue Farbe zurückerhalten. Das könnte den Gesamteindruck mit dem thronenden Antonius in der Mitte und den beiden Heiligen Augustin und Hieronymus an seiner Seite ändern.

Karamell zu Weiß

Auf den Tafelbildern wird die größte Veränderung bei den Gelb- und Grüntönen erwartet. Die bräunliche Farbe von Bäumen und Pflanzen erweckt einen falschen Eindruck. Proben ergaben, dass ihre Vergilbung eine Folge der nachgedunkelten Firnisschicht ist, die Farben darunter unversehrt geblieben sind. Zur Bestätigung wurden allein beim gelben Gewand vom Engel der Verkündigung 27 Schnitte gemacht. Was dies für die Tafel mit dem auferstandenen Christus bedeutet, den ein Sonnenball wie eine Aureole hinterfängt, kann man nur erahnen. Wo jetzt Karamell zu sehen ist, wird hinterher Weiß sein.

Weitere Überraschungen wie vor fünf Jahren bei der Restaurierung von Grünewalds „Stuppacher Madonna mit dem Kind“, wo plötzlich eine Gottvater-Figur auftauchte, erwarten die Experten nicht. Und das größte Risiko? „Wenn wir nichts tun würden“, antwortet Pontabry, ganz der souveräne Restaurator. Diese Selbstsicherheit braucht er, denn ihm schaut ein Riesenpublikum auf die Finger, das Ergebnis offenbart sich hinterher für alle. Der Zeigefinger von Johannes dem Täufer, der auf der Kreuzigungstafel auf den leidenden Christus weist, dürfte dann noch sichtbarer sein – und der Himmel über dem Geschehen zumindest ein wenig gelichtet.

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Die Restaurierung kann im Internet verfolgt werden: www.musee-unterlinden.com

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