Ost- und Westkino: Verwandter als gedacht

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Retrospektive der Berlinale : Indianer aller Länder, vereinigt euch!
Liebe, grenzenlos. Monika Hildebrand und Rolf Römer in „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher, wurde in der DDR nie gezeigt
Liebe, grenzenlos. Monika Hildebrand und Rolf Römer in „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher, wurde in der DDR nie gezeigtDEFA-Stiftung

Auch in Peter Schamonis „Schonzeit für Füchse“ sind Frauen die mehr oder minder ziellosen Ornamente des Daseins an der Seite ihrer mehr oder minder ziellosen Männer. Der Film gewann 1966 den Silbernen Bären auf der Berlinale und holte drei Bundesfilmpreise. Ein retrospektives Rätsel.

Schon richtig, der Autorenfilm bekennt sich ausdrücklich zu dem Vorsatz, sein Publikum nicht zu schonen, er verachtet das Kino der Erleichterungen aus tiefstem Herzen. Aber was sind denn das für Dialoge? So spricht doch kein Mensch, nicht mal 1966! Also wäre es: Literatur vielleicht?

Zwei Freunde von Anfang zwanzig aus der besseren Gesellschaft Düsseldorfs gehen auf Distanz zu eben dieser Gesellschaft, deren Selbstgerechtigkeit auch der Krieg nicht erschüttern konnte; leider artikulieren sie diesen noch sehr vagen Wirklichkeitsvorbehalt unfassbar hausbacken-prätentiös. Gearbeitet wird hier wie in den meisten westdeutschen Filmen eher nicht. Da der namenlose Hauptheld als Beruf Autor angibt, steht zu befürchten, dass seine Verse genauso klingen, wie er spricht.

Ausbildung war in der DDR selbstverständlich

Merkwürdig: Auch die Rebellen, die Umstürzler, scheinen 1966 mehr auf östlichen als auf westlichen Leinwänden zu Hause zu sein. Man denke nur an Frank Beyers Brigadier Balla aus „Spur der Steine“ oder an Hermann Zschoches wunderbar leisen Film „Karla“, in dem eine junge Lehrerin ihre Eine-Frau-Revolution der Pädagogik beginnt.

Viele altbundesdeutsche Werke des Jahrgangs 66 sind heute vor allem als Zeitdokumente interessant. Zur kinematografischen Unsterblichkeit dürften es eher Ostprodukte wie „Jahrgang 45“, „Karla“ oder, natürlich, „Spur der Steine“ schaffen. Wobei der Befund natürlich ungerecht ist: Während die einen ein ganzes Studio und die Professionalität der Älteren im Rücken hatten, machten die jungen West-Regisseure ihre Filme oftmals mit einem einzigen Kapital, und das war ihr Glaube an sich selbst. Ausbildung war in der DDR selbstverständlich; in der Bundesrepublik begann man damals erst, diesen Gedanken näher ins Auge zu fassen, was zur Gründung der DFFB führte.

Berlinale 2016 - Der Wettbewerb
24 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund zur Welt kommen. Zwischen anfänglichem Optimismus und wachsenden Sorgen erkennt Astrid, dass sie allein eine aller Leben betreffende Entscheidung treffen muss. Vor drei Jahren hatte die in Erfurt geborene Anne Zohra Berrached mit „Zwei Mütter“ ihr Debüt auf der Berlinale, mit ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg stellt sie nun den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb. D, 102 Min., R: Anne Zohra Berrached, D: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Maria DragusWeitere Bilder anzeigen
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02.02.2016 15:1124 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund...

Und doch scheinen das Ost- und das Westkino Mitte der sechziger Jahre verwandter als gedacht: Der Horizont steht unendlich weit offen, die Zukunft gehört uns! Nur dass das Ostkino nicht nachholen musste, was das Westkino erst noch vor sich hatte: sich der Vergangenheit des eigenen Landes zu stellen.

Stumm verließen die Genossen den Vorführraum

Die Schicksale beider Aufbrüche jedoch könnten verschiedener nicht sein. Alexander Kluges noch immer höchst sehenswertes, stilbildendes, kaleidoskopartig erzählendes und von Kommentaren des Regisseurs unterbrochenes Emanzipationsdrama „Abschied von gestern“ gewann in Venedig den Silbernen Löwen, Volker Schlöndorffs „Der junge Törless“ holte den Kritikerpreis in Cannes.

Die Filme einer neuen Generation West traten hinaus in die Welt, hinter den Filmen der neuen Generation Ost aber schlossen sich die Türen der Panzerschränke. Im Herbst 1966 ritt Rolf Römer noch immer als Chingachgooks bester Freund um den hundekalten Huronen-Delawaren-See in der Hohen Tatra, als sich die staatliche Filminquisition den Rohschnitt von „Jahrgang 45“ zeigen ließ, noch ohne Vorspann, ohne Musik, ohne Synchronisation. Stumm verließen die Genossen den Vorführraum, das war das Ende. Römer erfuhr es in der Hohen Tatra, er hatte nicht übel Lust, einen Skalp zu nehmen.

P.S. Neben 20 Spiel- und Dokumentarfilmen werden in der Retro auch 30 sehenswerte kürzere gezeigt: etwa ein furioses Arbeitsporträt des Komponisten Paul Dessau, des großen Anwalts der Dissonanz in der DDR, der wunderbare dritte Golzow-Film der Junges und viele andere. Was für Einblicke in die Zeit!

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