Kultur : Revolution auf französisch

Vive la France? Unser hassgeliebtes Nachbarland steckt in der Krise und zweifelt neuerdings sogar an sich selbst. Das war nicht immer so

Martina Meister

Die Demokratie findet im Fernsehen statt, gern an Sonn- oder Feiertagen wie die letzte Fernsehansprache von Monsieur le Président Jacques Chirac. Feierlich saß er vor der Trikolore, die Augen starr auf den Teleprompter gerichtet, als blicke er seinen „lieben Kompatrioten“ direkt ins Herz. Er werde nicht mehr kandidieren, verkündete Chirac, und fast glaubte man zu hören, wie einer ganzen Nation ein Stein vom Herzen fiel.

Chirac war alles zuzutrauen. Auch ein drittes Mandat. Vierzig Jahre lang ist er Politiker gewesen, seit dreißig Jahren hat er keine Miete mehr gezahlt, hat immer auf Kosten des Staates logiert oder der Stadt Paris, ein Mann im Dauerdienst am Volk. An seiner Bilanz nach zwölf Jahren Präsidentschaft hat er ein wenig gedreht wie an so vielen anderen Dingen auch. Denn wenn er recht hätte in seiner Analyse, dann ginge es Frankreich so gut wie selten zuvor. Dann stünde alles zum Besten in der besten aller möglichen Welten: „Vive la République, Vive la France!“

Für einen kurzen Moment wollte man Chirac tatsächlich alles glauben: die niedrigste Arbeitslosenquote seit 25 Jahren, seine eigene Passion für Frankreich, diese „außergewöhnliche Nation“, ja sogar seine Liebe für die Franzosen. Man wollte ihm das alles abnehmen, schon allein weil man fürchtete, er könne sich tatsächlich noch mal zur Wahl stellen, um sich den Gerichtsverfahren zu entziehen, die ihm nach dem Verlust der parlamentarischen Immunität eventuell drohen.

François Mitterrand hatte seinen Abschied wie den eines Königs inszeniert. Er trat als schwerkranker Mann von der politischen Bühne ab, jeder spürte, dass sein politisches Ende mit seinem physischen zusammenfiel. Es war das „Wasserzeichen der Monarchie“, so formulierte es damals der Historiker Jacques Le Goff, das durch seine Amtszeit durchgeschimmert hatte.

Verglichen damit erinnert Chiracs Abgang an den eines liebenswerten Großvaters, der mit großer Geste sein Erbe verteilt – und alle wissen, dass er keinen einzigen Centimes mehr besitzt. In Wahrheit nämlich ist Chiracs Bilanz niederschmetternd. Der Präsident, der im Sommer kurzzeitig so niedrige Popularitätswerte hatte, dass er als unbeliebtester Präsident der Fünften Republik in die Annalen eingehen wird, hinterlässt einen Staat in der Krise, eine Gesellschaft im Umbruch, eine Nation in der Depression.

1995 war er angetreten, um die „fracture sociale“ zu bekämpfen, um den Riss zu kitten, der durch die Gesellschaft ging. Heute, zwölf Jahre später, ist dieser Riss noch tiefer geworden. 3,7 Millionen Franzosen leben in Armut, jeder sechste Arbeitnehmer muss mit dem Mindestlohn von 1250 Euro auskommen. In Sachen Arbeitslosigkeit steht Frankreich mit einer Quote von 8,6 Prozent gemeinsam mit Spanien und Griechenland im europäischen Vergleich am schlechtesten da. Besonders hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit. 23 Prozent der Jugendlichen unter 25 Jahren sind ohne Job, in Vorstädten wie Clichy-sous-Bois, wo im Herbst 2005 die Aufstände losbrachen, steigt diese Zahl sogar auf bis zu 50 Prozent.

Leicht ließe sich die Reihe der ökonomischen Desaster fortsetzen: Das Außenhandelsdefizit hat im vergangenen Jahr mit knapp 30 Milliarden Euro Rekordniveau erreicht. Und nach Schweden hat Frankreich mit 54 Prozent immer noch die zweithöchste Staatsquote, obwohl die Verschuldung mittlerweile 65 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht. „The sick man of Europe“, titelte unlängst der britische „Economist“. Ja, Frankreich ist ein müder, kranker Mann.

Es geht wirtschaftlich schlecht, aber noch schlimmer ist, dass Frankreich an sich selbst zweifelt. In den Buchläden steht meterweise Literatur zum „declin“, zum nationalen Untergang. „Der Absturz“, „Die Angstgesellschaft“, „Das französische Malheur“ heißen die Titel dieser Pamphlete und Plädoyers für einen Neuanfang, allesamt Bestseller, geschrieben zum großen Teil von den Apologeten des Neoliberalismus, den so genannten „Deklinologen“. Längst hat man für den Volkssport der Selbstgeißelung ein neues Wort geschöpft.

Die Franzosen selbst gelten als ewige Revolutionäre, die, kaum fürchten sie um ein Privileg, sofort auf die Straße gehen. Kein Präsident hat sich deshalb an Reformen gewagt. Auch Chirac nicht. Der Versuch, das Arbeitsrecht zu erneuern und die Einstellungsverträge für Berufsanfänger zu lockern, wurde im vergangen Jahr mit wochenlangen Demonstrationen von Schülern und Studenten quittiert. Überhaupt wird man von den Kulturschaffenden über die Krankenschwestern bis hin zu den Feuerwehrleuten kaum eine Berufsgruppe finden, die in der jüngsten Vergangenheit nicht auf der Straße war. Bei diesen Demonstrationen wirkt die Ikonographie der Revolution nach. Überhaupt lassen sich junge Frauen gerne Fahne schwingend ablichten, als seien sie geradewegs Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ entstiegen.

Ein Staat in der Krise, eine Gesellschaft im Umbruch, ein Land voll sagenhafter Widersprüche: Frankreich befindet sich in der Depression, verzeichnet aber gleichzeitig die höchste Geburtenrate Europas. Es hat den weltweit höchsten Konsum an Antidepressiva – und gilt immer noch als Inbegriff des savoir vivre. Es ist mit Deutschland das Zugpferd der Europäischen Union gewesen, hat aber im Referendum gegen die neue Verfassung gestimmt. Wie geht zusammen, so fragt man sich, dass Konditoren ihre Kuchen in Kollektionen vorführen als seien es Modeschauen der Haute Couture, während die hyperamerikanischen Supermärkte nur noch Fertigprodukte für die Mikrowelle führen? Warum ist eine Nation, die ihren König geköpft hat, bis heute organisiert wie eine höfische Gesellschaft? Und während der TGV Paris und Straßburg demnächst in weniger als zweieinhalb Stunden verbinden wird, arbeiten in Frankreichs ältester Institution, der ehrwürdigen Académie Française, alte Männer in bestickten Uniformen mit Schwert am Hosenbund an einem Wörterbuch der französischen Sprache wie anno 1635.

Es ist ein french paradox: Einerseits die Kassandrarufe, die Untergangsvisionen, der schmerzhafte Bedeutungsverlust und das sture Festhalten an einem sozialen Modell, das sich nicht mehr finanzieren lässt. Andererseits das Leuchten der Geschichte, der Stolz einer Nation, die die Menschenrechte formuliert hat. Die Schönheit einer Republik, die sich bis heute Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf die Fahnen schreibt und einen Grad von Verfeinerung in Sachen Essen, Mode, Handwerk entwickelt hat, der uns einerseits Bewunderung abverlangt und uns andererseits maßlos irritiert, weil wir selbst dagegen so blass, unzivilisiert, ungehobelt aussehen.

Können 78 Millionen Menschen irren? Das ist die Zahl der ausländischen Touristen, die vergangenes Jahr nach Frankreich gereist sind. Seit Jahren steht das Hexagon auf Platz eins der touristischen Destinationen weltweit. Frankreich hat seine Anziehungskraft nicht eingebüßt. Auch wir Deutschen lieben diesen Nachbarn, manchmal geradezu abgöttisch, so scheint es. Es gibt kein Land, das uns näher liegt, in jeder Hinsicht. Frankreich verbindet das Licht und Temperament des Südens mit der Funktionstüchtigkeit des Nordens. Wir verbringen den Urlaub in der Provence, reisen in die Bretagne, jetten fürs Wochenende nach Paris. An manchen Tagen fühlen wir uns französischer als die Franzosen selbst. Wir tragen dann das Baguette siegreich wie eine Fahnenstange heim ins Hotel. Wir gehen mit seligem Blick über Märkte, bewundern die zu Kunstwerken aufgebauten Obst- und Gemüseberge, die aussehen, als hätte Guiseppe Arcimboldo persönlich Hand angelegt. Wir blicken durch ein Glas Pastis in die Welt und sehen alles durch einen milchig trüben Filter des Glücks. Und selbst aus dem leisen Klicken der Boulekugeln glauben wir den geheimen Code des Wohlergehens herauszuhören.

Manchmal, zugegeben, hassen wir Frankreich auch. Nein, nicht eigentlich Frankreich, eher die Franzosen. Wir verachten sie für ihre Arroganz und dafür, dass sie nicht honorieren, wenn ein Ausländer ihre Sprache spricht. Vielleicht hassen wir sie auch dafür, dass sie unsere Liebe nicht erwidern. Nicht in der Form, in der wir es gerne hätten. Als sei der dumme Michel auf ewig dazu verurteilt, der schönen Marianne hinterherzulaufen. Aber all das sagt eigentlich schon alles über unser Verhältnis: Es sind die starken Gefühle, die ganz starken, die uns an Frankreich binden.

Wir, die wir eine gebrochene Geschichte haben, triumphieren leise, wenn wir von der Grande Nation sprechen und konstatieren, dass es um die auch nicht mehr so bestellt ist wie einst. Dabei hat die Sache mit der Grande Nation nie gestimmt. Sie ist, so seltsam das klingt, eine Erfindung der Deutschen. Sicher, General de Gaulle sprach von „la grandeur de la France“, als er nach dem Krieg versuchte, das angeknackste Selbstwertgefühl der Nation wieder aufzupäppeln. Aber kein Franzose nimmt den Begriff der Grande Nation in den Mund. Trotzdem kolportieren die deutschen Korrespondenten fleißig das Klischee mit stiller Genugtuung, als könnten sie damit demonstrieren, wie gut sie den Phantomschmerz um den Verlust einstiger Größe nachempfinden können. Am Ende dreht sich vielleicht auch unser Verhältnis zu Frankreich um Widersprüche. Eine Hassliebe vielleicht.

Was wird aus Frankreich werden? Am 22. April werden zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl zwölf Kandidaten antreten. Das sind weniger als 2002, aber immer noch zu viele. Die Direktwahl des Präsidenten ist ein Überbleibsel des monarchistischen Modells, und wie unberechenbar sie ist, hat alle Welt gesehen, als Jean-Marie Le Pen 2002 im ersten Wahlgang knapp 17 Prozent der Stimmen erhielt, den Sozialisten Lionel Jospin auf den dritten Platz verwies und Chirac in der zweiten Runde gegen Le Pen mit sagenhaften 82 Prozent der Wählerstimmen in einem Amt bestätigt wurde, in dem ihn eigentlich längst niemand mehr sehen wollte.

Auf Wählerbefragungen ist kein Verlass, und grundsätzlich sind die Franzosen unberechenbar. Das lässt auch die derzeit laufende Kampagne ahnen: Die Politikverdrossenheit ist groß, die Franzosen wollen den von fast allen Kandidaten beschworenen Bruch, und 35 Prozent der Stimmen könnten auf den extremen rechten und linken Rand fallen. Aber auch das seit Monaten propagierte Duell zwischen Ségo und Sarko, zwischen der Sozialistin Ségolène Royal und dem rechten UMP-Vorsitzenden Nicolas Sarkozy (Union pour un Mouvement Populaire), ist längst durch den Zentristen François Bayrou durcheinandergewirbelt worden, der nach Umfragen im zweiten Wahlgang sowohl Royal als auch Sarkozy schlagen würde. Noch ist also alles offen: „Faites vos jeux.“

Der Erfolg einer neuen Regierung wird nicht davon abhängen, ob sie die Sechste Republik ausruft, sondern wie sie mit den bisherigen Unterlassungssünden umgeht. Wie sie Reformen initiieren, wie sie mit der Identitätskrise umgehen wird. Die ist nirgends deutlicher zu spüren ist als in den Banlieues. Dort, in den sozialen Brennpunkten der Vorstädte, zeigt sich das ganze eigentliche Dilemma: Dass die Ideale der Republik, die propagierte Gleichheit und Brüderlichkeit, längst Illusion sind und auch die Schule als Integrationsmaschinerie nicht mehr funktioniert.

Die Republik aber belügt sich, verbietet sich Statistiken über Ausländer zu führen, weil sie meint: Jeder kann und soll Franzose werden. Aber selbst in der zweiten und dritten Generation werden Einwanderer noch diskriminiert. Wer die falsche Adresse hat und aus „neuf trois“ kommt, dem brenzligen Departement 93 nördlich von Paris, wer einen falschen Namen hat, der arabisch oder afrikanisch klingt, hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Eine Studie der Sorbonne hat das gerade gezeigt: Bewerber, die einen identischen Lebenslauf mit französischen Vorzeichen einreichen, werden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Die anderen dürfen die Frustration über Ausgrenzung und Diskriminierung im Rap ausleben oder weiter Autos anzünden und Busse überfallen.

Überraschenderweise ist dieses Thema erst jetzt im Wahlkampf aufgetaucht. Sarkozy hat vorgeschlagen, ein „Ministerium für Integration und nationale Identität“ zu schaffen, worauf es heftigste Reaktionen und Proteste gab. Seither wird über Identität debattiert, was ahnen lässt, dass sich diese Krise durch ein „Identitätsministerium“ allein nicht in Wohlgefallen auflösen wird.

Tatsächlich hat Frankreich viel zu spät damit begonnen, seine koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Heute hat es das, was man ein Ausländerproblem nennen kann. Schlimmer noch. Es ist eine Gesellschaft geworden, in der man sich in religiöse, ethnische oder soziale Kleingruppen zurückzieht. Diesen „communautarisme“ muss man sich als religiöses, ethnisches und soziales Sektierertum vorstellen, als Gegenstück der multikulturellen Gesellschaft. Man könnte auch sagen: als deren gescheiterte Version.

Ablesen lässt er sich an den täglichen Meldungen über Attacken gegen jüdische Mitbürger, an Rassismus gegenüber Schwarzen, aber auch gegenüber Weißen, sogar an einer wachsenden Feindlichkeit gegen Homosexuelle. Für sich genommen scheinen die genannten Phänomene isoliert oder aber – wie Antisemitismus und Islamophobie – als zwei Seiten einer Medaille. Tatsächlich sind es die unterschiedlichen Facetten ein und desselben Phänomens: ein Staat in der Krise, eine Republik voller Parallelgesellschaften.

Frankreich erlebt den schmerzlichen Übergang von einem Gesellschaftsmodell, das nicht mehr funktioniert, in eines, das es selbst noch nicht erfunden hat. So hat der Historiker Pierre Nora die schmerzliche Identitätskrise beschrieben. Der Nationalismus sei tot. Kein Franzose würde mehr fürs Vaterland sterben wollen – und dem muss man nun wirklich nicht nachtrauern. Sich vom eigenen politischen Messianismus zu verabschieden, dürfte allerdings schwerer fallen. „Frankreich ist nicht ewig“, schließt Nora, „seine francité schon.“

Die Republik ist tot.

Es lebe die Republik!

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