Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe : Rotes Herz, roter Backstein

Zum 100. Todestag von Luxemburg und Liebknecht: eine Erinnerung an das Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe.

Therese Mausbach
Mies van der Rohes Gedenkskulptur, 1926 eingeweiht und knapp zehn Jahre später von den Nationalsozialisten zerstört.
Mies van der Rohes Gedenkskulptur, 1926 eingeweiht und knapp zehn Jahre später von den Nationalsozialisten zerstört.Foto: akg-images

Nur eine Bronzetafel erinnert auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde noch an das stattliche, aus kubischen Bausteinquadern bestehende Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe. Einst erinnerte es an die Ermordung von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und ihren Mitstreitern am 15. Januar 1919. Ein Datum, dem am gestrigen Sonntag wie jedes Jahr der traditionelle Gedenkmarsch der mit roten Nelken bewehrten Sozialisten gewidmet war.

1935 ließen die Nationalsozialisten das Denkmal abtragen und ebneten die Gräber der kommunistischen Helden auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde ein. Von Beginn an war die Gedenkstätte politisch umkämpft. 100 000 Menschen verabschiedeten sich im Januar 1919 von den 32 ermordeten Revolutionsopfern, darunter Karl Liebknecht und ein leerer Sarg für die vermisste Rosa Luxemburg.

Scharf kontrollierten der Berliner Magistrat und der Rat der Volksbeauftragten unter Friedrich Ebert die Aktivitäten der KPD, die sich mit der abgelegenen Ruhestätte am nördlichsten Ende des ein Kilometer langen Landschaftsfriedhofs zufrieden geben musste.

„Herrliches Denkmal für einen Bankier“

Luxemburgs verspätete Beisetzung am 13. Juni 1919 veranlasste die Parteianhänger zu zwei Gedenkveranstaltungen im Jahr. Da die Politik Trauerdemonstrationen zur entlegenen Grabstätte verhinderte, versammelten sich die zahlreichen Sympathisanten aus ganz Deutschland im Berliner Zentrum. Stellvertretend legten kleine Parteigesandtschaften Kränze in Friedrichsfelde nieder. Zur fünften Trauerfeier im Juni 1924 berichtet die Parteizeitschrift „Die Rote Fahne“ öffentlich von der Grundsteinlegung, bei welcher der Überlebende des Januaraufstands Wilhelm Pieck die Erinnerungsarchitektur „zur Erfüllung revolutionärer Pflichten gegenüber Gefallenen und Zukünftigen“ ankündigt, deren Entwurf das KPD-Denkmalkomitee erst ein Jahr später vorstellte. Eine Mauer sollte symbolisieren „wie viele unserer Genossen von der Bourgeoisie zur Ermordung an die Mauer gestellt wurden“, so Pieck.

Als Ergänzung dienten Bronzetafeln, Feuerbecken und eine Skulptur des französischen Bildhauers Auguste Rodin von 1883, die in ihrer schreienden Hässlichkeit ein schmerzvolles Pendant zur Goldelse bildet. Die Plastik gehörte dem Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs. Der Kunstmäzen bewohnte ein von Ludwig Mies van der Rohe entworfenes Privathaus in Zehlendorf. Der Legende nach zeigte Fuchs Mies die Idee, die der Architekt als „herrliches Denkmal für einen Bankier“ lachend kommentierte und selbst den Auftrag erhielt.

Mies hielt dem konventionellen Backstein die Treue

Das Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe wurde am 13. Juni 1926 enthüllt, der Zeitpunkt seines architektonischen Wendepunkts: „Es war ein Jahr des großen Gewahrwerdens, oder des bewussten Erkennens.“ Die Zeit war reif für seine modernen Architekturgedanken, die er bisher nur theoretisch in Zeichnungen und Schriften festhielt. Bis dato blieben reale Aufträge dem traditionellen Stil verhaftet.

Trotz aller radikaler Veränderungen, wie der Einsatz von industriellen Baumaterialien, hielt Mies dem konventionellen Backstein die Treue: „Wie geistvoll ist schon das kleine, handliche, für jeden Zweck brauchbare Format. Welche Logik zeigt sein Verbandsgefüge. Welche Lebendigkeit sein Fugenspiel. Welchen Reichtum besitzt noch die einfachste Wandfläche.“ Rational löste er mit dem Backsteinquader als kleinste architektonische Einheit Bauaufgaben.

Zeitlos, klar und rhythmisch strukturiert

Sein Entwurf zu einem Landhaus aus Backstein von 1923/24 kündigte das Haus Wolf in Guben und das Revolutionsdenkmal als seine ersten kubischen Bauwerke an. Seine Entwurfszeichnung sieht die Inschrift „Ich war Ich bin Ich werde sein. Den toten Helden der Revolution“ für das Denkmal vor, das sich als sechs Meter hohe, zwölf Meter breite und vier Meter tiefe Exekutionsmauer hinter den Heldengräbern mahnend erhebt.

Die einzelnen Backsteine lösen sich in vergrößerten zueinander versetzt angeordneten Klinkermodulen auf, rechts ergänzt durch einen Fahnenmast sowie einen stählernen Sowjetstern mit Hammer und Sichel vom Bildhauer Herbert Garbe. An einem Stahlgerüst konstruiert fügen sich die Klinkermodule zu einer asymmetrischen Wandformation zusammen.

Zeitlos und klar verweist die rhythmisch strukturierte Skulptur in expressionistischem Backstein auf die geistigen Wesenszüge jener solidarischen Gemeinschaft, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vorschwebte. Es sollte das einzige je von Mies van der Rohe gebaute Denkmal bleiben.

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