Rias Kammerchor Berlin : Ein Halleluja läutet 2020 ein

Das Neujahrskonzert des Rias Kammerchors hat Tradition in der Berliner Philharmonie. Justin Doyles Interpretation von Händels „Messiah“ kommt ohne Gedonner aus.

Lyrisch. Dirigent Justin Doyle.
Lyrisch. Dirigent Justin Doyle.Foto: Matthias Heyde/Rias Kammerchor

„King of Kings and Lord of Lords“: Mit dem „Messiah“ von Georg Friedrich Händel geht der Rias Kammerchor ins Neue Jahr. Gesungen und gefeiert wird der Solitär in der Geschichte des Oratoriums in einer Aufführung, die das Publikum zu Standing Ovations animiert. Dieses Neujahrskonzert des Chores in der Philharmonie hat Tradition und wird wiederum begleitet von der historisch orientiert musizierenden Akademie für Alte Musik.

Die Musiker intonieren mit Bedacht den Moll-Charakter der Ouvertüre, so dass sich der Raum für höchste Steigerungen weitet. Die glänzende Koloratursicherheit des Sängers Thomas Hobbs setzt in der ersten Tenorarie Maßstäbe, die sich im Chor und in allen Gesangssoli fortsetzen. Roderick Willams, ein Solobass mit verführerischer Tiefe und stimmlicher Intensität, singt, was Jehova sagt. Denn der Text ist ganz biblisch, vor allem aus dem Alten Testament.

Ein großes Halleluja ohne harmonische Extravaganzen

Am Pult steht Justin Doyle, der Chefdirigent des Rias Kammerchores. Als professioneller Chor bürgt er neben dem Rundfunkchor für Farbe und Fundament der Musikstadt Berlin, begehrt als Partner der großen Orchester, bereit für die kniffligsten Ausgaben. Hier steht er für sich selbst ein mit einer Musik, die in der Mannigfaltigkeit Händelscher Chorsätze zu elementarer Einfachheit tendiert.

Und das heißt, dass der Klang triumphiert. Die Himmelschöre im schlichten akkordischen Vollklang: Auch das kann der Rias Kammerchor, das große Halleluja in Dur ohne harmonische Extravaganzen.

Doyle nimmt den berühmten Satz eher lyrisch als majestätisch donnernd und fügt er ihn so seiner Interpretation ein, die von sensibler Schlichtheit geprägt ist. Der britische Dirigent hat sich ein britisches Solistenquartett gewählt. Darin singt seine Schwester Julia Doyle stilsicher und lieblich verzierend die Arie „I know that my Redeemer liveth“, dieses himmlische Larghetto, das in der Westminster Abbey verewigt ist.

Die dreistündige Interpretation fließt geradezu

Als leuchtender Stern der Aufführung versieht Tim Mead die Altpartie, unpathetisch, mit klarer Tonschönheit: „He was dispised“ (verschmähet) in der Passion, das Largo, das den Schmerz sublimiert. Die Solisten gehen während der Vorspiele auf und ab zu ihren Plätzen, die fast dreistündige Interpretation hat fließendes Wesen. Der Chor zelebriert die Vielfalt in der Einfachheit der Musik, ihre genuine Melodie, die auch die Polyphonie so besonders sanglich macht. Souveräne Leichtigkeit waltet über der Aufführung, deren Unmittelbarkeit eine lebendige Alte-Musik-Szene repräsentiert.

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