Rias Kammerchor : Ehre in der Höhe

Undogmatischer Verve: Der Rias Kammerchor singt im Berliner Dom eine Messe, die Heinrich Bieber einst für den Salzburger Dom geschrieben hat.

Justin Doyle
Justin DoyleFoto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Lange bevor die Musik der Moderne den Raum gleichsam als Mitautor wiederentdeckte, regten die großen Gotteshäuser die Fantasie der Komponisten an. San Marco mit seinen Emporen und Umgängen bot die perfekte Bühne für eine kunstvolle Mehrstimmigkeit, die zum Inbegriff von Pracht wurde, zu einem Nachhall der himmlischen Harmonie auf Erden. Der Rias Kammerchor hat sich zum Abschluss seiner Berliner Saison ein selten gespieltes Werk ausgesucht, das seine Entstehung dem Salzburger Dom verdankt. Hier wirkte Heinrich Ignaz Franz Bieber, der die Karriereleiter bis hin zum Kapellmeister erklomm. Zum Jubiläum des Erzstifts komponierte er 1682 eine prachtvolle Messe, die lange verschollen war und nach ihrer Wiederentdeckung fälschlicherweise einem anderen Urheber zugeschrieben wurde.

Biebers „Missa Salisburgensis“ ist weit ausgreifende Raummusik, getragen vom Willen nach größtmöglicher Pracht, die auch den Status Salzburgs und die Macht der Gegenreformation in Klänge fassen sollte. Im schwerfälligen und ausufernden Berliner Dom sieht sich Chefdirigent Justin Doyle gleich mit einer Vielzahl von gravierenden Entscheidungen konfrontiert. Den auf gegenüberliegenden Emporen verteilten Trompetenchören und Pauken überlässt er den ersten schmetternden Klangeindruck, darauf folgt eine archaisch anmutende Motette von Johann Stadlmayr, Biebers Vorgänger, die der Rias Kammerchor am Eingang des Doms wunderbar zartschwebend anstimmt.

Wie Licht durch Milchglas

Dann aber beziehen die Sängerinnen und Sänger im Altarraum Position hinter der Akademie für Alte Musik – für Doyle, der die Emporen, das Orchester und seinen Chor über weite Entfernungen zu koordinieren hat, sicher eine hilfreiche Aufstellung. Doch der Rias Kammerchor steht von diesem Moment an latent im akustischen Abseits. Als Biebers Missa dann mit Einwürfen von Trompeten und Pauken beginnt, wirken die menschlichen Stimmen nicht wie gleichberechtigte oder gar tragende Elemente der Aufführung. Wie Licht durch Milchglas dringt, verlieren die Gruppen ihre feste Kontur und rinnen ineinander, was Bieber effektsicher zu trennen wusste. Ja, man fürchtet beinahe den nächsten Fanfarenstoß aus der Höhe, weil er zugleich auslöscht, was unten gesungen wird.

Das ist nicht fair gegenüber den makellosen Bläsern, die sich von der stickigen Luft im Dom nicht die Puste rauben lassen. Auch die intonatorischen Qualitäten der Akademie für Alte Musik kann man an diesem Abend nur erahnen, von der Präsenz des Rias Kammerchors ganz zu schweigen. Dass man dennoch zwei Stunden Biebers Missa und den sie umgebenden Werken folgen mag, liegt an der undogmatischen Verve, mit der Doyle über die Klangmassen gebietet. Das Experiment geht bei ihm spürbar über die bloße Verwaltung von Pracht. Ein letztes Mal entweicht der jubilierende Schall mit sechs Sekunden Nachhall gen Kuppelhimmel. Doyle breitet die Arme aus wie jemand, der ein Bündel Luftballons losgelassen hat und ihnen gebannt auf ihrem Weg in die Höhe folgt.

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