Rias Kammerchor : Es brodelt unter der seligen Oberfläche

Hölle zu: Der Rias Kammerchor unter Justin Doyle singt Bachs Johannes-Passion und betont dabei die frohe Botschaft des Werks.

Der Rias Kammerchor.
Der Rias Kammerchor.Foto: Matthias Heyde

Kann das wirklich dasselbe Werk sein? Vor zehn Tagen erst verwandelte Simon Rattle mit dem Regisseur Peter Sellars, den Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin Bachs Johannes-Passion in einen Musiktheaterabend der beunruhigenden Fragen. Nun singt der Rias Kammerchor das Werk unter seinem Chefdirigenten Justin Doyle, begleitet von der Akademie für Alte Musik. Dass dabei gleich eine ganze Reihe der ursprünglich besetzten Solisten wegen Krankheit ausfiel und durch Sänger des Chores ersetzt wurde, schwächt den Interpretationsansatz im Konzerthaus nicht. Denn wo Rattle auf zutiefst individuelles Mitleiden, auch Verzweifeln an der Passionsgeschichte setzt, betont Doyle die frohe, von Anfeindungen nicht zu erschütternde Botschaft: „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen.“ Bach ließ in seine Partitur gar schreiben: „ist uns die Freiheit kommen.“ Es gibt Gewissheit und Grund zur Freude.

Das ist der Ausgangspunkt für Doyles Lesart, die zunächst auf die schmerzerfüllten Dissonanzen des Eingangschores prallt. Und erstaunlich: Die Akademie für Alte Musik klingt unter seinen Händen weicher als die Philharmoniker, malt ein umflortes, quasi entrücktes Klangbild. Doch nicht alles fügt sich widerstandslos in diesen Fluss. Wie unter dem Vergrößerungsglas betrachtet, ragen einzelne Phrasen plötzlich hervor, die Satzenden schließen gerne mit einem betont robusten Soundnichtanders. Und als die Kriegsknechte um den Rock Jesu losen, klingt das gar wie ein waschechter Händel. Unter der seligen Oberfläche brodelt es also doch. Dabei geht es um die Frage, wie viel stilistische Geschlossenheit die Johannes- Passion eigentlich braucht. Und wie man glaubhaft ins Jubeln kommt. Die Bass-Solisten aus dem Chor gestalten ihre Partien befreit vom Drang zur Individualisierung. Petrus, Christus und Pilatus ringen hier nicht mehr, sie haben ihre Rollen im großen Erlösungsplan akzeptiert. Auch Werner Güra als Evangelist zieht seine hochbewährte Bahn. Beim jungen Altus Benno Schlachtner liegt es, den Umschwung zwischen Trauernacht und Sieg zu beglaubigen. Es ist vollbracht! Und der Chor schließt mit Samthandschuhen die leerstehende Hölle zu.

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