Richtfest Pergamonmuseum : Verachtet mir die Meister nicht

Ingenieurkunst vom Feinsten: Beim Pergamonmuseum wurde Richtfest für den ersten Abschnitt der Sanierung gefeiert.

Licht und hell. In der Simulation wirkt der „Tempietto“ wie ein Glasdach, das es über dem Innenhof nicht geben wird.
Licht und hell. In der Simulation wirkt der „Tempietto“ wie ein Glasdach, das es über dem Innenhof nicht geben wird.Foto: ART + COM

Angenehm waren die Temperaturen am Freitag nicht, als sich die Ehrengäste zum Richtfest am Pergamonmuseum in dessen offenem Hof versammelten. Hätte man gestern doch nicht nur den Rohbau des „Tempietto“ genannten Eingangsgebäudes feiern können, sondern auch die Konstruktion eines Glasdaches wie über dem Innenhof des Zeughauses, wie in den Höfen des Louvre, wie im Hof des British Museum, wo ein atemberaubendes Stahl-Glas-Gitter den Rundbau der Bibliothek umschließt. 

Da aber ist die Denkmalpflege vor. Sie ließ zu, dass der Wettbewerbssieger des Jahres 2000, Oswald Mathias Ungers, eine gläserne Galerie als Verbindung zwischen den beiden mächtigen Seitenflügeln des 1930 eröffneten, doch an dieser prekären Stelle unvollendet gelassenen Pergamonmuseums einschiebt – nicht aber ein Dach über dem gesamten Hof.

20 Jahre ist es her, dass diese Festlegung mit der Erhebung der Museumsinsel zum Unesco-Weltkulturerbe festgeschrieben wurde. Andererseits fordert sie mitnichten die Vollendung des ursprünglichen Entwurfs des früh verstorbenen Alfred Messel aus dem Jahr 1907. Er hatte eine Kolonnade entlang des Kupfergrabens vorgesehen, an deren Stelle künftig – immerhin! – ein wettergeschützter Glasbau treten wird, in dem die ägyptischen Baumonumente, die bislang auf der Museumsinsel fehlen, Aufstellung finden sollen. Die Unesco würdigte die Museumsinsel seinerzeit als ein „einzigartiges Ensemble (...), das die Entwicklung der modernen Museumsgestaltung über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert illustriert“. Und diese Entwicklung soll auf dem Stand von 1930 für immer eingefroren bleiben?

Anne Katrin Bohle bestätigte ihren Ruf als Macherin

Keine Silbe von derlei Problemen beim gestrigen Richtfest. Und tatsächlich kann und muss man sich über den Baufortschritt freuen, der so sichtbar mit Richtkranz und -spruch besiegelt wurde. „Verachtet mir die Meister nicht!“, ließ der Polier, hoch oben auf dem Dache des Mittelbaus stehend, in seine Reime einfließen. Recht hat er: Denn was unter schwierigsten Bedingungen, in stummer, mahnender Anwesenheit der unverrückbaren Antiken geschaffen wird, zählt zur höchsten Kunst handwerklichen Bauens. Es sei „herausragend, wie hier im denkmalgeschützten Bestand gebaut“ werde, erklärte die jüngst in ihr Amt eingeführte Baustaatssekretärin im (zuständigen) Bundesinnenministerium, Anne Katrin Bohle, in ihrer gestrigen Festansprache, deren Duktus den ihr vorauseilenden Ruf der Macherin bestätigte. Dass die aus NRW geholte, bisherige Abteilungsleiterin für Stadtentwicklung und Denkmalpflege im dortigen Bauministerium keine Scheu zeigte, die bisherigen Kosten der Museumsinsel-Sanierung mal eben mit „über zwei Milliarden Euro“ anzugeben, lässt eine realistische wie zugleich engagierte Amtsführung erwarten, und das kann der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren immerfort komplizierten Bauvorhaben nur Recht sein.

Die Gäste des Richtfestes konnten vorwegnehmen, was die Teilnehmer der öffentlichen Führungen an diesem Wochenende erwartet: einen Rundgang durch die Säle des Bauabschnitts A, der derzeit saniert und teils etwas umgebaut wird. An zwei Ecken wurden die Schutzwände vor dem Pergamonaltar und dem im Saal umlaufenden Fries entfernt, um einen Blick auf die kostbaren Originale zu ermöglichen – einschließlich der empfindlichen Messinstrumente, die schon die kleinste Erschütterung anzeigen und häufige Unterbrechungen der Bautätigkeit veranlassten.

Neue Treppen mussten in den Beton gegossen werden

Immerhin galt es, die Tageslichtdecken und den gesamten stählernen Dachstuhl neu zu errichten, es mussten neue Treppen in Beton gegossen werden. An vielen Stellen sind Ausbesserungen und Ergänzungen zu entdecken, und man ahnt, warum man altes Gemäuer tunlichst nicht freilegen sollte.  Die gemauerten Gewölbe immerhin, in die eines Tages die „Archäologische Promenade“ zwischen den Häusern der Museumsinsel einmünden wird, machen einen grundsoliden Eindruck.

Und doch ruht der ganze Baukomplex auf höchst unsicherem Grund. Es fand sich zur Bauzeit 1910 ein eiszeitlicher Kolk, unter dem tragfähiger Baugrund erst in 40 Meter Tiefe erreicht wird. Damals wurde eine komplizierte Brückenkonstruktion ersonnen, um den wie ein Flussarm eingeschobenen Kolk zu überbrücken und darauf die entsprechenden Teile des Gebäudekomplexes zu errichten. Was nun bei der Sanierung angestellt werden musste, um die Gründung zu sichern und die neuen Bauteile, insbesondere den „Tempietto“, abzusichern, ist Ingenieurskunst vom Feinsten.

Zum Glück gibt es nicht nur Richtfeste inmitten vieljähriger Sanierungsmaßnahmen zu feiern. Am 12. Juli, diesen Termin bekräftigte Stiftungs-Präsident Hermann Parzinger, wird die James-Simon-Galerie als zentraler Museumsinseleingang eingeweiht – ein Neubau und ganz und gar fertig. Ein Wunder.

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