• Riss im Gefüge der Welt: László L. Földényi und sein Buch „Lob der Melancholie“.

Riss im Gefüge der Welt : László L. Földényi und sein Buch „Lob der Melancholie“.

Durchaus kulturpessimistisch, aber produktiv: Der Träger des Preises für Europäische Verständigung László L. Földényi und sein „Lob der Melancholie“.

Metaphysische Erfahrung. Gerhard Richters „Glasfenster“ im Kölner Dom.
Metaphysische Erfahrung. Gerhard Richters „Glasfenster“ im Kölner Dom.Foto: Oliver Berg/picture-alliance/ dpa

Als László Földényi Mitte der siebziger Jahre in Budapest Anglistik studierte, befreundete er sich mit einem ein paar Jahre älteren, etwas seltsamen Universitätslektor aus dem britischen Norwich, Michael H. Parkinson. Sie besuchten sich gegenseitig in Norwich und Budapest, selbst nach Debrecen, Földényis Geburts- und Heimatstadt, kam Parkinson.

Für Földenyi ist Parkinson heute noch „der melancholischste Mensch, der mir je begegnet ist. (...). Ein paar Stunden in seiner Gegenwart genügten, um sich der Schwermut bewusst zu werden.“

Beide verlieren sich aus den Augen, ein letzter Brief des Ungarn Ende der achtziger Jahre bleibt unbeantwortet.

Erst bei der viel, viel späteren Lektüre eines Buches von W.G. Sebald, der ebenfalls in Norwich lehrte und 2001 bei einem Autounfall ums Leben kam, begegnet Földényi der einstige Freund wieder: als Toter. Denn Sebald erzählt in „Die Ringe des Saturns“ davon, wie Parkinson gestorben ist.

Und Földényi nutzt diesen Zufall, um sich über „die Logik des Zufalls“ in Sebalds Buch seine Gedanken zu machen, über dessen „durch und durch melancholisches Universum“, über die Undeutbarkeit und Zusammenhanglosigkeit darin.

"Beglückend unzeitgemäße Volte"

Oder eben darüber, dass hier ein Toter auf ihn nun eine unwahrscheinliche Wirkung hat, er in diesem Moment der Lektüre geradezu außer Zeit und Raum geraten ist: „Dass mir in einer Straßenbahn sitzend die Wirklichkeit gerade dadurch wichtiger als alles andere wird, dass ich statt aus dem Fenster zu blicken, mich in einem Buch vergrabe.“

Die Parkinson/Sebald-Geschichte ist einer der schönsten, frappantesten, ja, melancholischsten Essays in Lázló F. Földényis neuem, im Berliner Verlag Matthes & Seitz in der Übersetzung von Akos Doma erschienenen Buch „Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften“.

Dafür bekommt der 1952 geborene Essayist, Kunsttheoretiker und Übersetzer den mit 20 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Allerdings findet die Verleihung nicht wie vorgesehen an diesem Mittwoch statt bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus der Stadt. Die Messe ist bekanntlich wegen der Coronapandemie abgesagt worden. Ein neuer Termin (und auch Ort) für die Preisübergabe ist noch nicht benannt.

Die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sich Földényi „in einer beglückend unzeitgemäßen Volte“ mit seinem Buch der Melancholie verschrieben habe. Und mehr: „In Földényis ungemein anregendem, reichem Werk offenbart sich die Welt als fortwährendes Rätsel, das Hinwendung und Aufmerksamkeit verlangt.“ Die Absage der Messe, die Coronapandemie, die geradezu mit Händen zu greifende Ungewissheit, überhaupt die Ausnahmesituation im Moment – all das fügt sich gut in die Melancholie-Betrachtungen, die László L. Földényi nicht erst mit zunehmenden Alter anstellt.

Schon Ende der achtziger Jahre erschien von ihm eine große Studie zur Melancholie, mit der er die Formen, Veränderungen und Ausstülpungen melancholischen Verhaltens seit der Antike und dann über ganze Epochen und Jahrhunderte hinweg untersucht.

Für den Melancholiker ist seine Melancholie ein einmaliger Schatz

Er verteidigt die Melancholie gleichsam, auch weil sie wie Krankheit und Tod fest zur menschlichen Existenz gehört: „Wir können die Melancholie als den negativen Abdruck unseres Alltags betrachten: all das, was dort verschwiegen wird, wird hier ausgesprochen.“

László L. Földényi, der trotz der Orbán-Herrschaft in Budapest geblieben ist und dort an der Loránd-Eötvös-Universität lehrt, ist dann erstmal wieder abgekommen von der Melancholie, zumindest im engeren, begrifflichen Sinn.

Er hat sich, um nur einige seiner essayistischen Ausflüge zu nennen, mit der ja ebenfalls nicht gerade unmelancholischen Malerei Caspar David Friedrichs oder mit Goyas Saturn beschäftigt, hat Wörterbücher zu den Werken von Imre Kertész und Heinrich von Kleist geschrieben (als promovierter Kleist-Kenner ist er unter anderem Herausgeber einer ungarischen Kleist-Ausgabe) oder in „Orte des Todes. Kafka, de Chirico und die anderen“ die Geschichte der utopischen Architektur von der italienischen Renaissance bis ins 20. Jahrhundert erzählt.

Die Melancholie schob sich für ihn schließlich wieder in den Vordergrund, wie zum Beispiel beim Lesen des Sebald-Buches, beim Anschauen bestimmter Kunstwerke oder Filme. Von „starken Empfindungen“, „Erschütterungen“ gar spricht Földényi, ohne benennen zu können, was genau diese Erschütterungen in ihm ausgelöst haben, was sie für ihn bedeuten.

Dürers "Melencolia I" und Giorgiones "Gewitter"

So stellt er sich auch die Frage, was Melancholie nun bedeutet, und weiß nur:  „Sie ist etwas, das, sobald man es benennt, schon nicht mehr das ist, was es ist.  Sie ist da, solange sie unsichtbar ist; sobald sie sichtbar ist, handelt es sich nur noch um ihr Nebelbild (...). Für den Melancholiker ist seine Melancholie ein einmaliger Schatz; und doch vermag er nicht zu sagen, was er besitzt.“

In seinem Buch versucht er den eigenen Erschütterungen nachzuspüren, sich der Melancholie von den unterschiedlichsten Ausgangspunkten zu nähern, sie zu umkreisen, ihr auf den Grund zu kommen. Als Klammer dient ihm eingangs die Betrachtung des eigenen Körpers („ein bodenloser Abgrund“, „unauflösliche Dunkelheit“) und am Ende der intensive Blick in die Augen seines neugeborenen Sohnes zum einen, in die seines toten Vaters zum anderen („dort, von wo sie blickten, gehorcht das Sehen anderen Gesetzen“). Die Abgrenzung zur Depression nimmt er zuvorderst vor.

Denn diese gehört in den Bereich der Medizin, der Naturwissenschaft, sie gehorcht als Krankheit dem therapeutischen Pragmatismus und wird häufig genug auf medikamentös behandelbare Symptome reduziert. Genau gegen diese Machbarkeit der Moderne, das Bewusstsein, schon alles in den Griff zu bekommen wendet sich Földényi, ihm geht es um eine „metaphysische Offenheit“, um Dinge, die nicht erklärbar sind, die sich ihr Geheimnis bewahren.

Kurzum: um den feinen, jedoch nie zu kittenden Riss, den die Melancholie im Gefüge der Welt darstellt.

Und so versucht er sich zum Beispiel an Interpretationen von rätselhaften Steinblöcken auf Dürers Gemälde „Melencolia I“ sowie Giorgones „Gewitter“, dann von einem solchen in Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ und schließlich Peter Zumthors Bruder-Klaus-Feldkapelle.

Filmkunst ja, aber keine Fillmkultur mehr

Diese mutet selbst wie ein einziger Steinblock an, verschmilzt aber schön mit der umgebenden, nicht gerade zugänglichen Landschaft. Die Kapelle verweigere sich jeglicher Erlösung, akzeptiere aber auch das Fehlen von Erlösung nicht, so Földényi. Was sie letztendlich „zutiefst melancholisch“ macht: „Sie beschert einem das Erlebnis geistiger Ganzheit in einer Welt, die Glück mit Bequemlichkeit gleichsetzt und Ganzheit auf materiellen Überfluss und endlose Information zu reduzieren versucht.“

Ja, Földénys Melancholie-Essays haben einen Zug ins Kulturpessimistische. Das kommt besonders deutlich in seinem „Abgesang auf das Kino“ zum Vorschein.

Hier unterscheidet er zwischen der Filmkunst, die es noch gibt, und der inzwischen ausgestorbenen Filmkultur; hier kritisiert er die „Logik der Konsumgesellschaft“, die Multiplexkinos, den zwischen Hoch- und Massenkultur angesiedelten sogenannten „Midcult“. Und einmal gar geht er gleich mit der gesamten Generation Y ins Gericht, wen immer er darunter versteht, die sich das alles gefallen lässt.

Nur gut, dass für ihn der Anblick von Gerhard Richters nicht zuletzt durch ein Computerprogramm entstandenes „Glasfenster“ im Kölner Dom eine metaphysische Erfahrung darstellt. Für ihn der Beweis, dass auch die digitale Kultur ihre Endlichkeit bereits in sich trägt, „um ihren Platz etwas anderem, früher nicht Geahntem zu überlassen“.

Doch bei allen kulturpessimistischen Anwandlungen geht es Földényi nie um Rückzug und Verweigerung. Die Melancholie ist für ihn etwas Produktives, durchaus Lebensbejahendes, wie jeder seiner gut lesbaren Essays beweist. So wie er es aus Sebalds „Die Ringe des Saturns“ herausliest, sitzt sie direkt in der Mitte, einer „in Millionen von Splittern zerborstenen Mitte“.

Und László Földényi weiß: „Hier ist alles möglich.“

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