"Rom" im Deutschen Theater : Sind so tumbe Jungs

Mechanik der Macht: Karin Henkels Shakespeare-Sample "Rom" im Deutschen Theater.

Elegante Römerin. Wiebke Mollenhauer spielt Oktavia.
Elegante Römerin. Wiebke Mollenhauer spielt Oktavia.Foto: Arno Declair/DT

Coriolan ist ein wirklich schwerer ödipaler Fall. Im Deutschen Theater Berlin betritt der von Michael Goldberg gespielte Feldherr als devot-genervtes Muttersöhnchen in langer Unterwäsche die Bühne. Und die ehrgeizige Mama Volumnia, die dort schon auf ihn lauert, hat sich vor lauter Dominanz und Übermachtstreben gewissermaßen verdreifacht: Kate Strong, Anita Vulesica und Bernd Moss umhüpfen den tumben großen Jungen in der Volumnia-Rolle gleichermaßen ruppig mit langen Kunstblutpinseln zum adretten Abendkleid.

Denn im Gegensatz zum kriegsstrategisch zwar über jeden Zweifel erhabenen, IQ-technisch aber tatsächlich schwer untertourigen Sohn weiß die listige Mutter, wie man das (Wahl-)Volk am besten manipuliert. Um zum Konsul gewählt zu werden, soll Coriolan dem Volk seine Kriegswunden zeigen. Und die pinselt ihm die resolute Dreifach-Mutter zum Auftakt von Karin Henkels Inszenierung "Rom" kurzerhand auf die Unterwäsche.

"Kleine Geschichte der Demokratie"

Machtversessene Herrscher, korrupte Machenschaften, verführbares Volk: So lautet, im Wesentlichen, die Quintessenz dieses drei Shakespeare-Stücke umfassenden Abends, mit dem das DT eine "kleine Geschichte der Demokratie" erzählen will. Und der – sehr unmissverständlich – damit beginnt, dass ein minderjähriger Hoodie-Träger (Jacob Braune/Bennet Schuster) im leitmotivischen KunstblutRot "Rom Republik" auf eine Bretterwand schreibt, um sich nach getaner Arbeit dem Publikum zuzuwenden und ihm den berühmten Mittelfinger zu zeigen.

Diese Geste wird im Folgenden gleichsam 190 Minuten lang expliziert; von den Anfängen der römischen Republik bis zu ihrem Untergang, von "Coriolan" über "Julius Cäsar" bis zu "Antonius und Kleopatra". Die Saga, die mit gelegentlichen nächtlichen Skyline-Projektionen auf Thilo Reuters Bühne auch nach US-amerikanischen Netflix-Formaten à la "House of Cards" zu schielen scheint, beginnt im Comedy-Format: Diese ganzen Mitbestimmungsflausen seien doch "Bullshit", kräht Coriolan nach dem Textdestillat, das der Dramaturg John von Düffel erstellt und zusammen mit der Regisseurin in eine gelegentlich leicht verumgangssprachlichte Fassung gebracht hat. Dabei fuchtelt er mit dezidiert grobmotorischer Gestik unter seiner optisch deutlich intellektreduzierenden Gesichtsmaske herum.

Wobei freilich auch die Volkstribune – durchaus Shakespeare-texttreu – als potenzielle Alternativen ein Totalausfall sind: Benjamin Lillie und Camill Jammal führen mehrfach an diesem Abend stromlinienförmig-geleckte Witzfiguren vor, denen außer dumpfen Hauptsätzen von der Preisklasse "Wir sind authentisch" oder "Ich will Neuwahlen" wenig einfällt.

Nach Knappen einer Stunde, ist schon Schluss mit "Coriolan"

Nach einer knappen Stunde, mit der Verbannung des Feldherrn, ist dann auch schon Schluss mit "Coriolan". Den vierten und fünften Akt plaudert Kate Strong in maximal fünf Sätzen als eine Art volkstümliche Vermittlerin zwischen antiker Historie, dramatischem (Shakespeare-)Kanon und gegenwärtigem Publikum "just for the record" (nur fürs Protokoll) im Kunst-Denglisch über die Rampe. Denn von Düffels gestraffte Fassung ordnet sich in allen drei Dramen-Fällen konsequent der besagten These unter: An den Stücken interessiert – was der Inszenierung eine dem faktischen Sujet möglicherweise nicht ganz angemessene Süffigkeit und durchaus bewusste Komplexitätsreduktion verleiht – tatsächlich nur die Machtmechanik. Und, als ihr Gegenstück, das durch Wahlgeschenke plump manipulierbare und im Zweifelsfall mehr oder weniger bewusst nach Autokraten dürstende Volk. Der Rest ist gestrichen.

Nach dem Motto „Die Zeiten ändern sich, die Probleme und das Personal im Kern nicht“ steht also der frisch aufgebahrte Coriolan, quasi im 400-Jahre-Zeitraffer, als "Julius Cäsar" wieder auf: bekanntermaßen ebenfalls ein kurzes Vergnügen. Allerdings verstreicht die Zeit bis zum Tyrannenmord – im Gegensatz zur These wechseln durchaus die Mittel und Atmosphären in Henkels Inszenierung – nicht als Comedy, sondern als vergleichsweise seriöses Debattenstück am buchstäblichen Verhandlungstisch. Mit gelegentlich surrealem Horrorfilm-Einschlag.

Felix Goeser unterliegt als verantwortungsbewusst-wankelmütiger Brutus Manuel Harder als halbseiden leopardenbehostem Antonius, der die Regierungsgeschäfte im finalen Part zugunsten der schönen Kleopatra folgenreich schleifen lässt. Da kommt es dann in Gestalt von Kleopatra (Anita Vulesica) und Oktavia (Wiebke Mollenhauer) über Bande auch mal zu einem weiblichen Duell, was an These und Befund freilich nichts ändert.

wieder am 22. März und 3. April

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