Roma-Filmfestival „Ake Dikhea?“ : Wiener Schmäh und Gypsyjazz

Jenseits von Stereotypen: Das Filmfestival „Ake Dikhea?“ räumt mit Vorurteilen über die europäische Roma-Kultur auf und sucht den Dialog.

Anne-Sophie Schmidt
Musikalische Reise. Auf dem Motorrad durch Indien in „Gypsy Spirit“.
Musikalische Reise. Auf dem Motorrad durch Indien in „Gypsy Spirit“.Foto: Interspot

126 Menschen leben in dem kleinen, ungarischen Dorf Berenice, 98 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Was könnte also sinnvoller sein als ein neuer Tennisplatz? Denkt sich der engagierte Bürgermeister des Ortes und bewirbt sich für eine EU-Förderung. Er erhält die nötigen Mittel tatsächlich. Diese skurrile Begebenheit bildet den Ausgangspunkt für den Dokumentarfilm „Men with Balls“ des ungarischen Regisseurs Kristóf Kovács. Der Film läuft auf dem Roma-Filmfestival „Ake Dikhea?“, das erste seiner Art, das die Organisation RomaTrial gemeinsam mit dem Moviemento organisiert hat. Anlass des Festivals, das am Donnerstag startet, ist der fünfte Jahrestag der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Auf dem Programm stehen zehn Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme, die bisher nicht in deutschen Kinos zu sehen waren. „Alle Protagonisten sind Roma, aber sie entscheiden selbst, in welchen Situationen und in welchem Ausmaß ihre Roma-Identität eine Rolle spielt“, erklärt Festivalleiterin Veronika Patomková. „Men with Balls“ ist hierfür ein gutes Beispiel. Der Film problematisiert nicht das Leben der Roma am Rande der ungarischen Gesellschaft, im Zentrum steht die Bemühung des Bürgermeisters, aus einer unsportlichen, undisziplinierten Truppe eine ernst zu nehmende Tennis-Mannschaft zu machen.

Für den ehrgeizigen Bürgermeister wird der Sport zum Schlüssel für den angestrebten sozialen Aufstieg seines Dorfes. Kristóf Kovács findet für seinen Dokumentarfilm stilisierte Bilder, mit humorvollen Schnitten setzt er das Geschehen auf dem Tennisplatz wie bei den Profis in Szene. Die Unbeholfenheit der Spieler unterminiert diese Assoziation jedoch sofort wieder. Die ökonomische Situation des Dorfes spiegelt sich in den heruntergekommenen Häuserfassaden wider. Aufnahmen des schlichten Kirchturms vor blauem Himmel oder von der Dorfstraße in nebliger Morgenstimmung führen aber auch deren implizite Schönheit vor Augen.

Auch Rechtsradikalismus ist Thema in den Filmen

Auch wenn alle Filme in Roma-Gemeinschaften spielen, blicken sie über die Ränder dieser Gemeinden hinaus. Sie beschäftigen sich, so Veronika Patomková, „auch mit Themen wie Rechtsradikalismus und Nationalismus, die in vielen Ländern Europas aktuell ein großes Problem sind.“

Musik ist eine Facette der Roma-Identität, die oftmals in klischeehafte Darstellungen abrutschen kann. Der Dokumentarfilm „Gypsy Spirit“ umgeht Stereotype, indem er nah an den beiden Protagonisten bleibt und ihr Verhältnis mit viel Situationskomik beschreibt. Regisseur Klaus Hundsbichler begleitet den österreichischen Jazzmusiker Harri Stojka, der sich gemeinsam mit seinem Freund Moša Šišic nach Indien aufmacht, um seinen familiären Ursprüngen nachzugehen. Sein Wiener Schmäh bildet einen schönen Kontrast zu den nie exotisch anmutenden Reise-Impressionen aus Indien. Irgendwann sitzen sie mitten im Nirgendwo in einem Zelt und spielen mit Gitarre und Violine den Gypsyjazz ihrer Heimat.

Kindliche Unschuld und Stärke

Die Erfahrung von sozialer Ausgrenzung, die Roma seit Jahrhunderten erleben, steht im Mittelpunkt der Filme „Es ist schwer, darüber zu sprechen“, „Tschechen gegen Tschechen“ und besonders eindrucksvoll in „Toto und seine Schwestern“. Der Dokumentarfilm des rumänisch-deutschen Regisseurs Alexander Nanau zeigt triste Wohnblocks, die fehlende Perspektiven ihrer Bewohner sowie die Lebensumstände der vernachlässigten Kinder, für die es normal ist, dass Onkel, Tanten oder die Schwester im Knast sitzen. Während die drogenabhängigen Nachbarn vor der scheinbar ausweglosen Situation kapituliert haben, sieht man in der Gesichtern von Toto und seiner älteren Schwester, eingefangen in bewegenden Nahaufnahmen, noch eine kindliche Unschuld – und vor allem ihre Stärke.

„Ake Dikhea?“ – auf Deutsch: „Na, siehst du?“ – fragt das Festival und deutet damit Perspektiven an, die nicht den gängigen Bildern von Sinti und Roma entsprechen. Gleichzeitig betont der Titel den angestrebten Dialog – in den Geschichten, aber auch im Publikum. Veronika Patomková legt Wert darauf, dass die Programmauswahl von Filmemacherinnen und -machern mit und ohne Roma-Hintergrund getroffen wurde. So werde das höchste Maß an kritischer Reflexion gewährleistet. „Damit ist unser Festival auch eine Art Gütesiegel für empfehlenswerte Filme über Roma und Sinti.“

Im Moviemento, vom 20. bis 22.10.

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