Roman „Der Wald der Gehenkten“ : Gewalt und Gewissen

Liviu Rebreanu verarbeitete in seinem Roman „Der Wald der Gehenkten“ das Trauma des Ersten Weltkrieges. Nun erscheint das Werk in neuer Übersetzung.

Abgebrannt. Ein Stück Wald in Brandenburg. Das Bild eines Forstes soll Rebreanus Roman inspiriert haben.
Abgebrannt. Ein Stück Wald in Brandenburg. Das Bild eines Forstes soll Rebreanus Roman inspiriert haben.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Eine Fotografie soll Liviu Rebreanu zu seinem Hauptwerk inspiriert haben. Sie zeigte einen Wald im Hinterland der österreichisch-italienischen Front im Ersten Weltkrieg. An den Bäumen hatte das Habsburger-Regiment widerständige tschechische Patrioten aufgeknüpft. Es waren so viele, dass Rebreanu die Metapher vom „Wald der Gehenkten“ in den Sinn kam. Dann erreichte den deutschfreundlichen Siebenbürger die Nachricht, dass sein Bruder Emil 1917 nach einem Desertionsversuch hingerichtet worden war. Ihm hat er jenen Seelen- und Gewissensroman gewidmet, der 1922 den Beginn der literarischen Moderne Rumäniens markierte. Georg Aescht präsentiert nun eine zeitgemäße Neuübersetzung, die abermals seine bestechende stilistische Eleganz beweist.

Bis 1918 gehörte Siebenbürgen zu Ungarn und hatte eine starke rumänische Minderheit. Ihre Angehörigen mussten dennoch Kriegsdienst im Österreichisch-Ungarischen Heer leisten. Als sich die Front in Richtung Osten verschob, stellte das die rumänischen Soldaten vor den Gewissenskonflikt, auf ihre eigenen Landsleute schießen zu müssen. So ergeht es auch Leutnant Apostol Bologa, Angehöriger eines Exekutionskommandos an der russischen Front. Eingangs beobachtet er in allen Einzelheiten, wie der tschechische Unterleutnant Svoboda wegen angeblichen Hochverrats gehenkt wird. Ein Jahr später wird sich Bologa selbst unter dem Galgen wiederfinden. Rebreanu gestaltet die beiden Hinrichtungen spiegelbildlich, was deren Sinnlosigkeit vor Augen führt: „Die Dämmerung deckte die ganze Welt zu wie ein schwarzes Leichentuch.“

Als „Gebet an den toten Bruder“ bezeichnet Aescht den Roman, der eine ähnliche Seelenarbeit vorführe wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Seine Fragen nach Loyalität stellt dieser metaphysisch hochfahrende Roman mit universeller Dringlichkeit.

Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Nachwort von Ernest Wichner. Zsolnay, Wien 2018. 351 Seiten, 26 €.

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