Roman „Imani“ von Mia Couto : Die sieben Sonnen über Mosambik

Mit dem Roman „Imani“ beginnt Mia Couto eine große Trilogie über seine Heimat Mosambik. Er verwebt poetische Fantasien der Völker und historische Wirklichkeit miteinander.

Zwei Afrikaner auf Honigsuche in Mosambiks Steppen.
Zwei Afrikaner auf Honigsuche in Mosambiks Steppen.Foto: Claire N. Spottiswoode/dpa

„Ich heiße Imani. In meiner Muttersprache bedeutet das so viel wie ‚Wer ist da?‘“ Keinen Namen, eine Frage hat die 15-jährige Imani aus Mosambik mit auf den Weg bekommen. Imani lebt Ende des 19. Jahrhunderts in dem Dorf Nkokolani. Sie gehört zum Volk der Vachopi, die von der Küste des Indischen Ozeans ins Landesinnere fliehen mussten.

Als übrig gebliebene Tochter einer um zwei tote Kinder trauernden Mutter ist sie eine Außenseiterin: In einer lusitanisch-katholischen Klosterschule erzogen, spricht sie die Sprache der portugiesischen Kolonialherren perfekt. Ihr Zwillingsbruder Dubula hat sich den verfeindeten VaNguni angeschlossen, deren König Ngungunyne über die Südhälfte Mosambiks herrscht und seine schwarzen Landsleute versklavt. „Ich bin nicht dafür geboren, eine Person zu sein“, erklärt Imani. „Ich bin eine Rasse, ein Volk, ein Geschlecht, ich bin alles, was mich daran hindert, ich selbst zu sein.“

Im Mittelpunkt stehen Imani und ein Portugiese

„Imani“ ist der erste Band einer großen Trilogie des 1955 in Beira/Mosambik geborenen Mia Couto über das untergehende Gaza-Reich, den zweitgrößten afrikanischen Staat unter der Führung eines Afrikaners. Im Mittelpunkt stehen auf der einen Seite Imani und ihre zerrissene Familie, auf der anderen Sargento Germano de Melo, der sich in seiner Heimat an einem republikanischen Aufstand beteiligt hatte und nach Mosambik verbannt wurde. Dort gehört er zunächst einem Erschießungskommando an, bis er auf den Außenposten nach Nkokolani abkommandiert wird.

Erzählt wird rückblickend aus Imanis Ich-Perspektive und aus der Sicht des Sargentos, der seine Erlebnisse zunächst rapportierend, dann in zusehends intimer werdenden Reflexionen und Bekenntnissen gegenüber seinem Vorgesetzten, Conseilheiro José D’Almeida, in Briefen niederlegt. Dabei ist sich de Melo der Schwäche der Kolonialmacht bewusst: „Ich habe keinerlei Absicht, mein Leben für dieses armselige, verstaubte Portugal zu geben“, bekennt er.

Revision historischer Mythen

Couto, Sohn portugiesischer Einwanderer und Angehöriger der weißen Minderheit in Mosambik, geht es um die Revision lieb gewordener historischer Vorstellungen: Während das postkoloniale Mosambik gerne die Erinnerung an ein harmonisches vorkoloniales Land pflegt, feiern die Portugiesen noch heute den angeblich heldenhaften Sieg über das Königreich Gaza. Dass Ngungunyne mittels Frauen- und Kinderraub, Mordbrennerei und Krieg gegenüber anderen Stämmen seine Herrschaft absicherte und diese wiederum bei den Portugiesen Schutz suchten, taucht in den neueren Geschichtsbüchern Mosambiks so wenig auf, wie die portugiesischen Annalen daran erinnern, dass der Sieg über das Gaza-Reich ziemlich unspektakulär war.

Begehren zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten

Imani hat einen scharfen Blick für die Lebenslügen in der eigenen Familie, in der der trinkende Vater Katini, ein begnadeter Musiker, mit ihrem Onkel Musisi um die Vorherrschaft kämpft; für den kleinen Bruder Mwatani, der, in eine portugiesische Uniform gesteckt, Dienst bei de Melo verrichtet und wie eine Karikatur wirkt; aber eben auch für den Sargento, zu dem sie sich hingezogen fühlt, dessen koloniales Gebaren sie aber auch durchschaut. Zwischen zwei Kulturen stehend, hat „ihre Seele keine Verbindung mehr zum Erdboden“. Die Frauen in Nkokolani „müssen zu jemandem gehören, damit sie nicht mehr niemand sind“.

Auch der Sargento hegt vorsichtige Gefühle gegenüber seiner Bediensteten, die ihn in ihrer Sprache unterrichtet. Je länger er auf dem Posten verharrt, als einziger Weißer zwischen Schwarzen, desto mehr beginnt er darüber nachzudenken, wie „die Neger“ sie, die Weißen, sehen. Er macht sich Gedanken über den gleichartigen Hochmut von Portugiesen und VaNgunis und entdeckt „in dieser traurigen Wildnis eine Menschlichkeit, die ich an mir selbst nicht kannte“.

Das Buch nimmt einen schon im ersten Absatz gefangen

Der großen Kolonialerzählung setzt Couto viele kleine Geschichten entgegen, die er auf seinen Reisen durchs Land gesammelt hat. Erinnerungen, Legenden und Fabeln legen sich farbenprächtig übereinander, poetische Fantasien aus dem Erbe der 70 im heutigen Mosambik lebenden Ethnien, die sich in 40 Sprachen verständigen und kein schriftliches Archiv hinterlassen haben. Imanis Bericht nimmt in der einfühlsamen Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner schon im ersten Absatz gefangen: „Jeden Morgen gingen über der Ebene von Inharrime sieben Sonnen auf“, hebt er an. „Damals war das Firmament wesentlich größer, alle Gestirne hatten darin Platz, die lebenden und die schon gestorbenen. So nackt, wie sie geschlafen hatte, ging unsere Mutter mit dem Korbsieb in der Hand aus dem Haus. Sie wollte für den Tag die schönste Sonne aussuchen ...“

Mit dem Überfall der Ngunis spitzt sich die Situation in Nkokolani zu. Imani muss erkennen, dass die Portugiesen ihr Volk der Machtpolitik opfern. Germano de Melo hat sie belogen. Getäuscht wurde aber auch er, seine Briefe wurden abgefangen. Er verfällt immer mehr dem Wahn. „Ich bin eine leere, auf dem Bügel hängende Uniform“, gesteht er sich ein. Und Imani? „In meinem Körper steckt die ganze Welt“, sagt sie einmal. Denn in Nkokolani gibt es keine chronologische Zeit, nur die großen Flüsse und in ihnen den Tropfen Zeit, der in unendlicher Wiederkehr kommt und geht. Der Schrift mächtig, schreibt sie wie ihr Vater in Staub und Asche die Namen der Gestorbenen.

Mia Couto: Imani. Roman. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Unionsverlag, Zürich 2017. 286 Seiten, 22 €.

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