Roskilde Festival in Dänemark : Bebende Zelte und machtvolle Reime

Rap regiert, Rock verliert: Das Roskilde Festival mit Eminem, Stormzy, Gorillaz, Interpol – und viel Raum für Politik.

Eminem bei seinem ersten Konzert in Dänemark.
Eminem bei seinem ersten Konzert in Dänemark.Foto: REUTERS/Torben Christensen

Am Ende bringt ein Unfall das Roskilde Festival aus dem Rhythmus. Der US-Rapper Del The Funky Homosapiens fällt in den Graben vor der Hauptbühne und die Gorillaz, als deren Gast er aufgetreten ist, müssen ihr Konzert abbrechen. Ausgerechnet als die Band am Samstagabend auf ihren größten Hit, „Clint Eastwood“, zusteuert. Wer das Jahr 2000 in Roskilde miterlebt hat, als vor der großen orangefarbenen Bühne neun Menschen in einem Gedränge starben, wird sofort aus allen Rauschzuständen gerissen. Del The Funky Homosapiens geht es besser, er muss aber noch im Krankenhaus bleiben.

Für Rapper steht die 48. Ausgabe des größten und traditionsreichsten Festivals in Nordeuropa eigentlich unter einem sehr guten Stern. Zum Auftakt fiebern bereits 100 000 Menschen vor der Orange Stage dem ersten Auftritt von Eminem in Dänemark entgegen. Noch nie waren so viele Menschen dort versammelt. Auch Teenager, die ansonsten eher Bruno Mars oder Joey Badass sehen wollen, haben den in die Jahre gekommenen Detroiter noch auf Rechnung. Mit seinen schnellen, präzisen Wortkaskaden und vor allem im Dialog mit dem langjährigen Co-Rapper Denaun Porter überzeugt Eminem. Die mit großer Band und Leinwand- Inszenierung aufgeblasene Open-Air-Show kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die spannenderen Impulse von einer neuen Rap-Generation ausgehen.

Rockkonzerte spielen inzwischen eine zweitrangige Rolle

Während der 45-jährige Eminem seinen Co-Rapper vorschickt, um immer wieder Beifall einzufordern, ist der 20 Jahre jüngere UK-Rapper Stormzy noch gar nicht auf der Bühne, als er schon mit lautstarken Anfeuerungsrufen gefeiert wird. Das Konzert des Grime-Künstlers in der Arena, dem größten Zelt des Festivals, wird zu einem ersten Siedepunkt der 48. Ausgabe. Lediglich flankiert von einem DJ, erreicht Stormzy mit seinen verwinkelten und doch auf gute Refrains hinführenden Tracks mühelos die hintersten Reihen im Zelt. Auch weil er nicht müde wird, sein Roskilde-Konzert von vor zwei Jahren als Wendepunkt in seiner Karriere zu erwähnen. Die Fans reagieren mit stürmischen Tanzeinlagen.

Stormzy bei seinem Auftritt auf dem Roskilde Festival.
Stormzy bei seinem Auftritt auf dem Roskilde Festival.Foto: REUTERS/Olafur Steinar Gestsson

Solche Moshpits gab es in Roskilde bis weit in die 90er Jahre hinein vor allem bei Rockkonzerten. Doch die spielen mittlerweile eine zweitrangige Rolle bei diesem Festival. Interpol mühen sich am frühen Donnerstagabend auf der Hauptbühne redlich, den Draht zum Publikum zu halten, doch es bleibt reserviert. Nine Inch Nails und My Bloody Valentine sind gleich in die kleineren Zelte gezogen.

Dorthin geht das junge und aufgeschlossene Publikum auch, um Neues zu entdecken und Sounds außerhalb des Mainstreams aufzusaugen. Auf beeindruckende Weise funktionieren beispielsweise die Konzerte der indonesischen Perkussionband Gamelan Salukat und der ägyptischen Indieband Lekhfa.

David Byrne überwältigt das Publikum

Die Besucherinnen und Besucher in Roskilde sind im Schnitt 24 Jahre jung. Doch auf den Bühnen sorgen auch Künstler jenseits der 60 für besondere Momente. Schmerzensmann Nick Cave hat seine dynamischen Bandveteranen Bad Seeds im Rücken, während er sich zwischen aufgekratzten Versionen von Songs wie „Stagger Lee“ und aufreibend schönen Balladen wie „Into My Arms“ bewegt und den Zuhörenden immer wieder die Hand reicht. Und es ist ausgerechnet der 66-jährige David Byrne, der – wie schon kürzlich bei seinem Konzert in Berlin – das Publikum mit seinem neuen Performance-Konzept überwältigt. Seine elf Bandmitglieder sind auf der leergeräumten Bühne ständig in Bewegung, auch das Schlagzeug ist auf mehrere Personen verteilt worden. Die atomisierte Band findet als großartig eingespielte und choreografierte Tanzkompagnie wieder zusammen. Das Zelt bebt.

Auch die vielen Räume, die das Festival in diesem Jahr Künstlern für politische Aktionen geschaffen hat, werden sehr gut angenommen. Am Haupteingang sind vier mächtige Mauersegmente aufgestellt worden, Prototypen für die Grenzanlage zwischen den USA und Mexiko – in Originalgröße. Immer wieder trifft man dort Gruppen von 20 bis 30 Festivalgästen, die sich bei Führungen diese und andere Ausstellungsobjekte von Kunstfachleuten erklären lassen. In einem kleineren Zelt ist der Andrang groß, als die Whistleblowerin Chelsea Manning dazu aufruft, sich totalitären Tendenzen überall auf der Welt entgegenzustellen. Wie ein Popstar wird sie gefeiert.

Dua Lipa ist die einzige weibliche Headlinerin

Zudem ist die MeToo-Debatte im Herzen von Roskilde angekommen. Was äußerst angemessen ist, denn schon bevor das Hauptprogramm beginnt, wird eine Anzeige wegen Vergewaltigung und zwei wegen körperlicher Übergriffe erstattet. Gegen sexualisierte Gewalt hat sich das Festival in diesem Jahr deutlich positioniert, etwa indem auf den großen Leinwänden neben den Bühnen immer wieder Fragen eingeblendet werden, die zum Nachdenken anregen sollen: „Was macht eigentlich Deine Hand auf meinem Hintern?“ oder „Hattest Du schon Mal Erfolg bei einer Frau, die Du beim Pinkeln angemacht hast?“

Das schwedische Country-Duo First Aid Kit holt das MeToo-Thema auf die Bühne. Mit dem Song „You Are the Problem Here“ und einer anschließenden Brandrede gegen Übergriffigkeit und sexistische Witze, die allerdings wenig Resonanz im Publikum findet. First Aid Kit haben es auf die große Hauptbühne aber nicht mit den ganz großen Buchstaben auf das Festivalplakat des Jahres geschafft. Das ist nur einer Frau gelungen, der 22-jährigen Elektropop-Künstlerin Dua Lipa. Bei ihrem Konzert am frühen Samstagabend wird von den jungen Festivalgästen noch mal Staub aufgewirbelt, der sich erst nach dem abgebrochenen Abschlusskonzert der Gorillaz wieder legt. Damon Albarn verlässt etwas ratlos die Bühne, von der sein Kollege gerade gefallen ist. Danach schmeckt das Festivalerlebnis 2018 nicht nur nach Staub, sondern auch etwas schal.

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