• Rücktritt des Castorf-Nachfolgers: Chris Dercon und die Volksbühne – Chronik eines Missverständnis

Rücktritt des Castorf-Nachfolgers : Chris Dercon und die Volksbühne – Chronik eines Missverständnis

Drei Jahre nachdem die Diskussion um Chris Dercon begann, ist der Intendant schon wieder seinen Job los. Die wichtigsten Stationen des Belgiers in Berlin.

Jan Vollmer
Berlins Bürgermeister Michael Müller, Chris Dercon und Tim Renner
Berlins Bürgermeister Michael Müller, Chris Dercon und Tim RennerFoto: AFP/TOBIAS SCHWARZ

Weniger als ein Jahr nach Beginn seiner ersten Volksbühnen-Saison verlässt Intendant Chris Dercon das Theater. Seit Dercon 2015 als Intendant und Nachfolger von Frank Castorf in Gespräch gebracht wurde, ist einiges passiert. Eine Chronologie.

März 2015: Chris Dercon wird als Castorf-Nachfolger ins Gespräch gebracht

Nach 25 Jahren unter Frank Castorf als Intendant wird die Diskussion um seine Nachfolge konkret: Zwar wird Castorfs Vertrag um eine Nachspielzeit bis ins Jahr 2017 hinein verlängert. Aber dann soll ihm Chris Dercon folgen. Der Belgier Dercon leitete zuvor die Tate Modern in London und das Haus der Kunst in München. Die Personalie gilt als Schritt hin zu mehr Event- und Biennalecharakter der Volksbühne.

April 2015: Kritik aus der Theaterszene

Die Vorstellung, dass Chris Dercon Intendant der Volksbühne werden könnte, stößt nicht überall auf Gegenliebe: Kurz nachdem Dercons Name die Runde gemacht hat, schreibt Claus Peymann, der meinungsstarke Intendant des Berliner Ensembles, einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Darin nennt er den ehemaligen Musikmanager und Kulturstaatssekretär Tim Renner „die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“. Über Castorfs designierten Nachfolger Dercon schimpft er in dem Brief: „Nun soll auch noch die einst so ruhmreiche Volksbühne zum soundsovielten Event-Schuppen der Stadt gemacht werden: ein Super-GAU wie damals die Schließung des Schillertheaters“.

Juni 2016: Belegschaft der Volksbühne protestiert in offenem Brief gegen Dercon

In einem offenen Brief an die Parteien des Berliner Abgeordnetenhauses protestiert die Belegschaft der Volksbühne gegen Dercon. Eine konzeptionelle Linie, schimpft die Belegschaft, sei nicht zu erkennen. Sie fürchten den "Ausverkauf der künstlerischen Maßstäbe." Rund 200 Mitarbeiter der Volksbühne unterschreiben den Brief.

Das "Räuberrad", ein Symbol der Castorf-Ära, wird demontiert.
Das "Räuberrad", ein Symbol der Castorf-Ära, wird demontiert.Foto: Mike Wolff

März 2017: Volksbühnenmitarbeiter wollen "Räuberrad" abbauen

Mitarbeiter des scheidenden Intendanten Castorf wollen das sogenannte "Räuberrad" auf dem Rosa-Luxemburg-Platz abbauen. Castorf hatte das Rad im Rahmen einer Inszenierung von "Die Räuber" aufstellen lassen. Es wurde zum Symbol des Theaters und seiner Ära. „Wenn das Rad stehen bleiben würde, würde das eine Kontinuität suggerieren, die es nicht gibt“, sagte Chefdramaturg Carl Hegemann damals.

Mai 2017: Dercon stellt seine erste Saison vor

Während der Streit um das Räuberrad der Volksbühne noch nicht entschieden ist, stellt Dercon im ehemaligen Flughafen Tempelhof seine neue Saison vor. Dercon räumt dabei Fehler ein – er habe die Gemengelage und Stimmung in der Stadt falsch eingeschätzt. Aber er bittet auch um eine Chance, "dass wir unsere Arbeit machen."

September 2017: Die Volksbühne wird besetzt und geräumt

Eine Gruppe von rund 100 Aktivisten, die sich "Staub zu Glitzer" nennt, besetzt die Volksbühne. Auf einer Pressekonferenz sagen die Besetzer, der Protest sei "nicht gegen den neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon gerichtet, sondern gegen die Kultur- und Stadtpolitik in Berlin." Nach etwa einer Woche Besetzung wird das Theater durch die Polizei geräumt.

Dezember 2017: Mit Sophie Rois verlässt die wichtigste Schauspielerin das Theater

Sophie Rois hatte 25 Jahre im Theater gespielt – die ganze Ära Castorf. Sie gilt als Ikone und wichtigste Schauspielerin der Volksbühne. In einem Kommentar nach ihrem Weggang kritisiert sie vor allem den ehemaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner, der Dercon nach Berlin geholt hatte und fragt: "...wie seriös oder unseriös es ist, einen Menschen als Theaterdirektor zu installieren, (...) der nicht weiß, was eine Requisite ist(...)."

April 2018: Chris Dercon tritt zurück

Nicht einmal ein Jahr nach Beginn seiner ersten Saison ist es so weit: Dercon gibt auf. Laut dem Berliner Senat haben sich Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) und Dercon einvernehmlich darauf geeinigt, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden. (Tsp)

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