Rumänien bei Young Euro Classic : Die Stadt wird lebendig

Dan Dediu, Beethoven und Dmitri Schostakowitsch: Das Nationale Jugendorchester Rumäniens bei Young Euro Classic.

Elias Pietsch
Unglaublich agil: Cristian Mandeal leitet das Nationale Jugendorchester Rumäniens
Unglaublich agil: Cristian Mandeal leitet das Nationale Jugendorchester RumäniensFoto: Mutesouvenir / Kai Bienert

Selten sieht man auf der Konzertbühne so unterschiedliche Kleidungsstile wie bei Young Euro Classic. Die bunten Kombinationen stehen für einen lockeren Umgang mit den Klassikritualen. Merkwürdig traditionell wirken am Donnerstag im Konzerthaus dagegen die Trachten des Nationalen Jugendorchester Rumäniens. Die Männer tragen bestickte Hemden, die Frauen weiße Blusen und rote, wallende Röcke. Bei einem Festival, das mit dem Slogan „Hier spielt die Zukunft“ wirbt, wirkt eine so rückwärtsgewandte Garderobe unpassend.

Doch an erste Stelle geht es hier ja um Musik, und die ist zum Glück stärker in der Gegenwart verwurzelt. Der Abend beginnt mit der Uraufführung von „Levante“, einem Werk des rumänischen Komponisten Dan Dediu. Den Titel leitet er aus dem Französischen her: Levant, das bezeichne den Osten, den Orient, wo die Sonne aufgeht. Dedius Ziel ist es, ein musikalisches Abbild der Straßen seiner Heimatstadt Braila zu schaffen. Und wirklich: In den komplexen Rhythmen, dem scheinbaren Chaos und den Melodien, die immer wieder durchscheinen, wird die Stadt lebendig. Zum Schluss brechen die Streicher in einen stampfenden Tanz aus, den Dirigent Cristian Mandeal mit kleinen Sprüngen gleich mittanzt. Überhaupt ist Mandeal mit seinen immerhin 72 Jahren unglaublich agil, oft gibt sein ganzer Körper den Takt an.

Höhepunkt ist Dmitri Schostakowitschs 11. Symphonie

Nach diesem furiosen Start wirkt die Wahl von Beethovens 1. Klavierkonzert so bieder wie die Trachten der Musiker. Der rumänische Pianist Mihai Ritivoiu allerdings spielt wunderbar leicht, mit lässiger Eleganz. Da verzeiht man ihm auch das leicht verschwommene Largo.

Der Höhepunkt des Abends ist Dmitri Schostakowitschs 11. Symphonie mit dem Untertitel „Das Jahr 1905“. Der russische Komponist verarbeitete darin die Ereignisse des „Petersburger Blutsonntags“: Eine friedliche Arbeiterdemonstration wurde von den Wachen des Zaren brutal niedergeschlagen.

Die Musik ist für Schostakowitsch ungewöhnlich direkt, oft wurde sie als Filmmusik ohne Film bezeichnet. Das hat das Orchester verstanden: die tief empfundene Interpretation ruft am laufenden Band Bilder vor dem geistigen Auge der Zuhörer hervor. Vor allem die musikalische Version der Attacke der Soldaten ist ungemein aufwühlend, die jungen Musiker und Musikerinnen und natürlich Cristian Mandeal werfen sich mit voller Kraft in die Musik hinein.

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