Sachbuch "Die Seidenstraßen" : Die Menschheit im Blick

Der englische Historiker Peter Frankopan liefert eine beeindruckende Weltgeschichte für Kinder, prächtig illustriert von Neil Packer

Bagdad war um 8. Jahrhundert eine der prächtigsten Städte der Welt.
Bagdad war um 8. Jahrhundert eine der prächtigsten Städte der Welt.Illustration: (c) Neil Packer

Am Anfang steht eine Karte. In diesem Buch und in Peter Frankopans Leben. Eine Weltkarte fasziniert ihn schon als Kind, doch in der Schule lernt der Engländer und künftige Historiker viel über das Vereinigte Königreich und Europa, aber wenig über den Rest der Welt. Er sieht die Nachrichten über Konflikte in fernen Ländern, aber er versteht nicht, warum dort gekämpft wird. Diese Welt ist ihm völlig fremd, ein weißer Fleck. Den zu beseitigen, nimmt er sich als Erwachsener vor. In seinem mehr als 800 Seiten dicken Buch „Licht aus dem Osten“ unternimmt er den mutigen Versuch, die Geschichte der Welt aus der Mitte Asiens heraus zu erzählen, von dort, wo vieles entstanden ist.

Nun hat er konsequenterweise für seine Kinder und alle jungen Leser ein neues Buch im Großformat geschrieben: „Die Seidenstraßen. Eine Weltgeschichte für Kinder“. Auf Basis seines Bestsellers liefert Frankopan das, was ihm in seinen jungen Jahren versagt blieb – eine Geschichte der Welt, in der Europa lange Zeit überhaupt keine Rolle spielt, sondern höchstens an der Peripherie liegt. „Ich wünschte mir ein Buch, das mir etwas über all die anderen Orte erzählen konnte. Ich wollte verstehen, wie alles zusammenhing. ... Darum fasste ich irgendwann den Entschluss, mein Leben damit zu verbringen, über Geschichte zu lesen und zu schreiben und nach den Verbindungen zu suchen, die einem die Vergangenheit besser erklären, als man sie mir als Kind beigebracht hatte“, so der Autor.

Bevor in 16 Kapiteln die Reise durch die verschiedenen „Straßen“ beginnt, zeigt Frankopan eine Weltkarte des Altertums, der man auf einen Blick entnehmen kann, wie wenig in Europa damals los war. Die ersten Städte lagen in Mesopotamien, in Zentralasien und in China. Das dämpft auf erfreulich einfache Weise europäische Überheblichkeit gegenüber dem Rest der Welt, von dem man im Allgemeinen relativ wenig weiß.

Die Azteken waren den Spaniern hoffnungslos unterlegen und konnten sich gegen die Eroberung nicht wehren.
Die Azteken waren den Spaniern hoffnungslos unterlegen und konnten sich gegen die Eroberung nicht wehren.Illustration: (c) Neil Packer

„Die Straßen des Altertums“ führen im ersten Kapitel in das Herz Asiens: „Im alten Mesopotamien an den Ufern der mächtigen Flüsse Tigris und Euphrat und im Tal des Indus standen die allerersten Städte der Menschheit. Der reiche Wasservorrat an den Ufern war lebenswichtig für die Bewohner der dort errichteten Städte; die Menschen von Ninive, Uruk in Mesopotamien sowie Harappa und Mohenjo-Daro am Indus konnten so erfrischt, sauber und gesund ihren Geschäften nachgehen“, schreibt Frankopan. In großen Schritten eilt er durch die Geschichte, erzählt von dem Reich der mächtigen Perser und ihrer Rivalität mit Griechenland, aber auch vom Aufbau des chinesischen Reiches unter Kaiser Gao und seiner Frau Lu Zhi um 200 v. Chr., die die mächtige Han-Dynastie begründeten. Hier taucht recht schnell als wichtigste Handelsware neben Edelmetallen und Gewürzen Seide auf, die oft auch als leicht zu transportierendes Zahlungsmittel genutzt wurde und dem weltumspannenden Handelsnetz den bis heute gültigen Namen gab: Seidenstraße.

Peter Frankopan hat aus seinem Bestseller "Licht aus dem Osten" eine prächtig illustrierte Fassung für Kinder geschrieben, die auch Erwachsene mit Gewinn lesen werden.
Peter Frankopan hat aus seinem Bestseller "Licht aus dem Osten" eine prächtig illustrierte Fassung für Kinder geschrieben, die...Illustration: (c) Neil Packer

Schon in diesem ersten Kapitel, in dem er auch die frühen Hochkulturen Mesoamerikas und Afrikas streift, zeigt Frankopan eindeutig, dass Globalisierung kein Begriff des 20. oder 21. Jahrhunderts ist, sondern bereits damals gegolten hat. Die Handelsbeziehungen waren das wichtigste und engmaschigste Netz, das schon immer die Welt verband. Die Aussicht auf gute Geschäfte und Gewinn sowie die Neugier auf Andere trieb die Menschheit seit jeher dazu an, das Gebiet jenseits des Gebirgspasses zu erkunden. Insofern ist dieses erste Kapitel programmatisch. Es folgen die „Straßen des Glaubens“, die „Straße ins Chaos“ und die „Straße zum Islam“, um nur die ersten zu nennen.

Virtuos komprimiert Frankopan die Erkenntnisse seines dickleibigen Ursprungswerkes auf knappe 130 Seiten. Unterstützt wird diese Meisterleistung durch die großartigen Illustrationen von Neil Packer, der auch mit den Grundfarben der Seiten den Ton angibt. So steht etwa Schwarz für Kriege und Krisen.

Im letzten Kapitel „Die neue Seidenstraße“ setzt Frankopan auf Chinas Neubelebung der alten Handelsroute. „Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen können, so ist es die Tatsache, dass Menschen in Wirklichkeit häufig sowohl flexibel als auch pragmatisch sind, wenn es um die Planung einer friedlichen Zukunft geht.“ Möge der Autor in dieser Hinsicht recht behalten.

Peter Frankopan: Die Seidenstraßen. Eine Weltgeschichte für Kinder. Illustr. v. Neil Packer. Aus dem Engl. von Norbert Juraschitz. Rowohlt, Reinbek 2018. 128 Seiten. 20 €. Ab 12 Jahren.

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