"Sadie" von Courtney Summers : Weggehen geht nicht

Besser als eine Netflix-Serie: Courtney Summers’ White-Trash-Roman „Sadie“ über zwei verschwundene Mädchen.

Ein Trailerpark in den USA nach einem Wirbelsturm
Ein Trailerpark in den USA nach einem WirbelsturmFoto: REUTERS

Nein, auch wenn Courtney Summers ihren Roman „Sadie“ mit den Sätzen eines New Yorker Radiomoderators beginnen lässt („Die Sonne scheint, nicht eine Wolke. Ich hatte einen großartigen Lunch im Central Park ...“), machen doch gleich die ersten Worte ihrer 19 Jahre alten titelgebenden Heldin klar, dass diese Geschichte eine aus dem düsteren White-Trash-Amerika, dem düster umwölkten US-Waste- und Hinterland ist: „Ich lebe an einem Ort, der zu nichts taugt außer zum Weggehen, mehr muss nicht gesagt werden, und einen Blick zurück erlaube ich mir nicht. Selbst wenn ich wollte, sollte ich es einfach lieber lassen.“

Der Ort, aus dem Sadie stammt, heißt Cold Creek, liegt in Colorado und hat 800 Einwohner. Von denen leben einige in den Wohnwagen eines Trailerparks, dem Sparkling River Estates Trailerpark, darunter eben Sadie mit ihrer Schwester Mattie und einst auch ihrer Mutter Claire, die schon länger verschwunden ist, mutmaßlich in Los Angeles weilt. Claire ist heroinabhängig und Alkoholikerin, ihre Töchter hat sie in jungen Jahren von zwei verschiedenen Männern bekommen, welchen auch immer, und es ist Sadie, die sich um ihre sechs Jahre jüngere Schwester kümmert, wie eine Mutter.

Mattie ist tot, damit setzt die eigentliche Handlung von Summers’ Roman ein. Ihre Leiche wurde zwischen einer Apfelwiese und einem ausgebrannten Schulgebäude gefunden, sie ist ermordet worden. Das wirft Sadie komplett aus der Bahn, sie macht sich auf die Suche nach dem Mörder – und verschwindet ebenfalls. Was wiederum einen aus ebenjenem sommerlichen New York stammenden Radiojournalisten auf die Spur von Sadie setzt, West McCray, und zwar auf die Spur ihres Lebens, ihrer verkorksten jungen Vergangenheit in Cold Creek, und natürlich die ihrer Gegenwart auf der Suche nach Matties Mörder.

"Sadie" ist Milieustudie und Thriller zugleich

Man kann im Fall dieses Romans von einer doppelten Verfolgungsjagd sprechen, was seinen ganz eigenen Reiz hat: Sadie und damit die Leserinnen dieses Romans sind dem Radioreporter natürlich immer eine Nasenlänge voraus. Auf zwei formal verschiedenen Ebenen lässt Courtney Summers ihre beiden Hauptfiguren stets im Wechsel agieren: West McCray nämlich produziert für seinen Sender einen Podcast mit dem Titel „The Girls“, eine True-Crime-Serie mit acht Folgen. Die besteht vor allem aus den Gesprächen, die der Reporter mit Sadies und Matties Ziehtante May Beth Forster und in Folge mit den Menschen hat, denen Sadie bei ihrer Mördersuche begegnet.

Und Sadie erzählt aus der Ich-Perspektive, was ihr so widerfährt, nachdem sie sich einen alten Caddie gekauft und sich auf die Reise durch das amerikanische Hinterland gemacht hat, durch ähnlich öde Orte wie Cold Creek, Orte wie Wagner oder Farfield. Aber auch durch einen wie Montgomery, den Sadie selbst bei Dunkelheit „großartig“ findet und wegen ihrer Herkunft sofort hasst – und den McCray so beschreibt: „Eine atemberaubend schöne, malerische Universitätsstadt mit einer florierenden Ökonomie, die zu großen Teilen von der studentischen Bevölkerung vorangetrieben wird und von den Wohlstandskindern der geburtenstarken Jahrgänge, die im Rentenalter den Glanz der Jugend um sich haben wollen.“

Hier ein Podcast, dort eine Ich-Perspektive

Nur ist in Montgomery auch nicht alles so malerisch, wie Sadie zu ihrem Schrecken herausfindet. Sie kommt einem pädophilen Wohlstandsbürger auf die Schliche, was sie selbst an den sexuellen Missbrauch erinnert, dem sie und ihre Schwester ausgesetzt waren. Es war einer der Freunde ihrer Mutter, Keith, der sich jetzt Darren nennt und viele Namen hat. Keith hat sich an ihr vergangen, was Sadie geschehen ließ, um Mattie zu schützen. Für sie ist er der Mörder Matties, ihn verfolgt sie nun.

Es ist eine traurige, düstere Geschichte, die Summers erzählt, mit einer einprägsamen, mal starken, mal gebrochenen, unter ihrem Stottern sehr leidenden, mal selbstbewussten, vorlauten, auch normalitätssehnsüchtigen Heldin. „Sadie“ ist aber nicht nur eine Milieustudie, sondern hat auch etwas von einem Thriller, gerade mit dem oft schnell wechselnden Hin und Her zwischen Sadie und West McCray und seinen Gesprächspartnern.

Courtney Summers scheint mit der Form ihres Romans zeigen zu wollen, dass das, was die inzwischen so beliebten, die Lesezeit so enorm verknappenden Serien auf Netflix und Amazon Prime können, die Literatur, nicht zuletzt die Jugendliteratur, schon lange kann. „Sadie“ ist ein Zwischending, das bis zum – bitteren – Ende die Geschwindigkeit und die Spannung hoch hält und nur einen Makel hat: den bescheuerten deutschen Untertitel „Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren“. Also den bitte dringend überlesen und dann loslegen, gerade auch weil es diese eine Wahrheit sowieso nie gibt.

Courtney Summers: Sadie. Roman. Aus dem Englischen von Friederike Levin. Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 360 Seiten, 16,95 €. Ab 12 Jahren.

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