Saisonauftakt im Maxim Gorki Theater : Verwerten, verzweifeln, verweigern

Wie verhält sich die Kunst eigentlich zur Arbeit? Heiner Müllers „Herzstück“ im neuen Gorki-Container unter der Regie von Sebastian Nübling.

Die Schauspieler Karim Daoud (oben l-r), Maryam Abu Khaled, Dominic Hartmann, Elena Schmidt (unter l-r) und Kendar Hmeidan bei der Fotoprobe des Theaterstückes·Herzstück
Die Schauspieler Karim Daoud (oben l-r), Maryam Abu Khaled, Dominic Hartmann, Elena Schmidt (unter l-r) und Kendar Hmeidan bei der...Foto: Annette Riedl/dpa

In Heiner Müllers „Herzstück“ unterhalten sich zwei Clowns über eine Operation am offenen Herzen. Die Maßnahme wird nötig, weil der erste Clown dem zweiten unbedingt sein „Herz zu Füßen legen“ möchte, es aber leider nicht aus seinem Körper herausbekommt. Der Adressat des Organs erklärt sich zur Beihilfe bereit – unter der Bedingung, dass „Sie mir meinen Fußboden nicht schmutzig machen.“ Via Taschenmesser geht es schließlich ans operative Werk. Nach dem Motto: „Arbeiten und nicht verzweifeln“.

Genau dieser Satz hat auch den Regisseur Sebastian Nübling und das Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters zu ihrem Saisonauftakt-Abend inspiriert – eine Plattform für professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler aus Syrien, Palästina und Afghanistan, die im Exil leben und seit 2016 am Gorki arbeiten. Das Team nimmt Müllers „Herzstück“ (nächste Vorstellungen am Montag sowie am 20. und 21.8.) zum Anlass einer Nummernrevue über das Verhältnis von Kunst und Arbeit. Und tritt bei dieser Gelegenheit den Beweis an, dass selbst die leichtgängigste Kopfmaloche deutlich zeitintensiver ausfallen kann als buchstäblich knochenharte Handarbeit.

Während Müllers Clowns für ihre Taschenmesser-OP lediglich 14 Zeilen benötigen, die in einer Minute locker zu Gehör gebracht sind, schuften die sieben Gorki-Cowns mit ihren roten Plastiknasen eine reichliche Stunde in ihrer Manege. Und weihen damit gleichzeitig einen neue temporäre Spielstätte ein: Den Gorki-Container, der ab sofort für zwei Spielzeiten vorm Haus steht. Die graue Box wird mal als Zusatz-, mal als Ersatzspielstätte fungieren, während im großen Haus wie in der Probebühne in verschiedenen Teilabschnitten Sanierungs- und Umbaumaßnahmen stattfinden.

Das Stück wird zunächst als konsequente Verweigerungsstory erzählt

Zur Erstbelebung des Containers versucht nun einer der Clowns die anderen vergeblich zum Jobben zu motivieren. Schon klar: Das Thema des Abends – wie hat`s die Kunst mit der Arbeit – wird zunächst als konsequente Verweigerungsstory erzählt, als Rückzug aus sämtlichen schnöden Verwertbarkeitszusammenhängen. Mit allen Konsequenzen fürs Publikum: Gefühlte Stunden sieht man den Akteurinnen und Akteuren beim Scheitern am Aufbau eines kleinen mobilen Stahlgerüstes zu. Ist die Konstruktion dann wider Erwarten doch irgendwann bewerkstelligt, passt sie weitere gefühlte Stunden lang nicht durch die Tür, durch die man sie schieben will. Aus dem per Spruchband eingeblendeten Müller-Satz „Arbeiten und nicht verzweifeln“ ist längst das Diktum: „Verzweifeln und nicht arbeiten“ geworden. Und die intendierte konzeptionelle Ödnis transportiert sich wirklich eins zu eins über die Rampe.

Da ist man selbst als glühende Anhängerin der künstlerischen Effizienzverweigerung froh, dass der aus Improvisationen entstandene Abend schließlich doch noch Fahrt aufnimmt. Und dies sogar ziemlich rasant, wenn Vidina Popov in einem hypersportiven Monolog ohne Punkt und Komma zur gefühlten Mitte der Veranstaltung ankündigt, was man mit Heiner Müllers „Herzstück“ so alles vorhabe (aber freilich nie einlösen wird). An die Stelle der performativen Arbeitsverweigerungsvorführung tritt jetzt also ihre deutlich unterhaltsamere Reflexion. Und Popov rattert, zwischendurch immer wieder in einen formvollendet missglückten Spagat springend, erst mal den ganzen flexibel-dynamisch-vielfältig-veganen Anforderungskatalog herunter, der an die zeitgeistige (künstlerische) Arbeitnehmerin so gestellt wird.

Hier die Arbeitsverweigerer, dort die effizienten Saugroboter

Dabei schafft sie es nicht nur, in einer gefühlten Zehn-Sekunden-Hochleistungsversion den kompletten Müller`schen Vierzehnzeiler unterzubringen. Sondern sie wirft auch noch eine atemlose Dankesadresse an ihre Intendantin in die Manege, die sie hier nach besagtem Anforderungskatalog so großartige Kunstarbeit verrichten lasse. Klar, das ist nicht neu, aber in Popovs furioser Performance wirklich lustig. Genau wie der Part, in dem sich die Clownskolleginnen und -kollegen zur kollektiv-parodistischen Arbeitsbesprechung zurückziehen; eingeleitet von dem schönen Statement: „Ich möchte auch Feedback geben; mein Problem ist, dass ich keine Ideen habe.“

Maryam Abu Khaled gibt anschließend zu Protokoll, nicht mehr lächeln zu wollen. Und Karim Daoud verkündet von seinen Kothurnen herab die tautologische Erkenntnis: „Um eine Entscheidung zu treffen, musst du eine Entscheidung treffen.“ Am Ende wird das „Herzstück“ als Tonaufnahme eingespielt, von Müller selbst gesprochen. Und auf der Bühne finden sich die Arbeitsverweigerer dazu von zwei ziemlich effizienten Saugrobotern umwuselt. Wenn das kein denkwürdiger Saison-Einstieg ist!

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