Theodor Currentzis: ein zarter Extremist

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Salzburger Festspiele : Der Kosmos der letzten Dinge
Welt im Wanken: Golda Schultz als Vitellia lässt sich vom Chor stützen.
Welt im Wanken: Golda Schultz als Vitellia lässt sich vom Chor stützen.Foto: Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Sellars und Currentzis gehen so weit, dem Meister zu soufflieren, mithilfe seiner eigenen Musik. Dort, wo es um die kollektive Erfahrung von Schmerz, aber auch Grenzen überwindendem Vertrauen geht, erklingen Einschübe der c-Moll-Messe. Wenn man einen Chor mit einer emotionalen Tiefenwirkung auf der Bühne hat, wie die Sängerinnen und Sänger von musicAeterna sie wachrufen, ist das unbedingt ein Gewinn.

Teodor Currentzis ist mit seinem Orchester und Chor aus Perm, 1200 Kilometer östlich von Moskau gelegen, an die Salzach gekommen. Er wird hier abwartend beäugt. Currentzis pflegt sein Bild eines zarten Extremisten, der zwei Tage vor der „Tito“-Premiere schnell noch ein Nachtkonzert in der Kirche von St. Peter gibt. Currentzis und seine Musikerinnen und Musiker liefern in der Felsenreitschule vom allerersten Takt an ein unwiderstehliches Plädoyer fürs Hinhören – wenn das, was die strahlende Macht Titos symbolisieren soll, als Frage intoniert wird, nicht als Affirmation. Das klingt beinahe immer organisch entwickelt und erlangt in den ruhigen Ensembleszenen eine Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Dann schwebt ein Geist durch diesen archaischen Theaterraum, den zu beschwören Currentzis beinahe jedes Mittel recht ist. Wobei die, die auf einen Berserker am Pult hoffen, am Ende enttäuscht sein müssen, denn dafür ist einfach zu viel Fingerspitzengefühl im Spiel.

Eine Geschichte von Geflüchteten

Auch Sellars beweist es auf seine Art, etwa bei seiner Besetzung des engsten Tito-Kreises mit Akteuren unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Es ist nur einer seiner Wege, Konventionen zu begegnen. Der Regisseur, der in einem Essay unendlich eloquent Mandela und Mozart als Geistesverwandte entdeckt, organisiert das ganze Libretto neu, sodass eine Geschichte von Geflüchteten daraus wird, von Radikalisierung und besinnungsloser Mordlust, kollektiver Trauer und – das ist der Clou – der Stärke von unbeirrbarer, auch im Angesicht des Terrors rational handelnder Humanität. Für Sellars ist sie die Krone unserer Zivilisation. Er reicht stärkenden Balsam, wenn er das öffentliche Gedenken nach Anschlägen wie in Nizza, Paris, Berlin oder Manchester als Zeichen wahrer menschlicher Größe deutet. Das sieht auf dem Riesentableau der Felsenreitschule mitunter nicht ganz glücklich arrangiert aus, was auch an disparatem Darstellervermögen liegt, verfehlt seine emotionale Botschaft aber nicht. Mal sehen, was ankommt, wenn die Inszenierung zur koproduzierenden Deutschen Oper Berlin weiterreist.

Lauschte man nur den Sängern, müsste Mozarts Oper fortan „Sesto“ heißen. In der Figur des späteren Attentäters ringen die Leidenschaften, und die Mezzosopranistin Marianne Crebassa lässt das in jeder Hinsicht zum Ereignis werden. Eine irrlichternde Lichtgestalt, sich verströmend im Hass und Liebe, bis beides eins geworden ist. Festspielgerüchte sagen, dass Crebassa sich der Berliner Staatsoper verpflichtet – eine wunderbare Aussicht.

Golda Schultz ist als Vitellia eine beherzte Intrigantin, der Tito von Russell Thomas, der so viel Hassliebe auf sich zieht, stimmlich nicht immer ganz Herr der Lage und als Darsteller von unbekannten Dämonen bedrängt. Christina Gansch und Jeanine De Bique treffen als Servilia und Annio Herzenstöne. Willard White singt einen in Misstrauen ergrauten Sicherheitschef Publio. Den letzten Ton aber setzt die Maurerische Trauermusik, mit einem Chor, der alle Bitterkeit überwindet.

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