Sammlung Bernard Arnault : Frag die Maske

Neue Perspektiven entwickeln: Der Milliardär Bernard Arnault zeigt seine Sammlung in der Pariser Fondation Louis Vuitton.

Blaues Leuchten. „L’avalanche“, eine Lichtinstallation von François Morellet aus dem Jahr 2006.
Blaues Leuchten. „L’avalanche“, eine Lichtinstallation von François Morellet aus dem Jahr 2006.Foto: Fondation L. Vuitton

Wer hätte gedacht, dass sich ein französischer Luxuskonzern einmal mit dem christlichen Philosophen Josef Pieper verbünden würde. „In Tune with the World“ heißt nicht bloß die aktuelle Ausstellung in der Pariser Fondation Louis Vuitton. Piepers Buch „Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes“ von 1963 trägt in der englischen Übersetzung denselben Titel.

Ist das nun Zufall, oder haben die theologischen Gedanken einer großen Figur des Geisteslebens, die allerdings aus einer anderen Zeit kommt, etwas mit den Werken von Matthew Barney, François Morellet, Trisha Donnelly oder Gerhard Richter zu tun? Eigentlich ist die Schau in dem von Frank Gehry errichteten Bau ein gigantisches Defilee. Gehrys spielerische Architektur steht im legendären Bois de Boulogne – einem Park im Westen der Metropole, der von berühmten Künstlern verewigt wurde und bis heute berüchtigt für seinen Straßenstrich ist. Wer hierhin kommt, denkt unmittelbar an zentrale Bilder von Edouard Manet („Das Frühstück im Freien“) oder Vincent van Gogh.

Der französische Sammler und Inhaber von LVHM, Bernard Arnault, wiederum besitzt etliche signature pieces moderner wie zeitgenössischer Kunst. Allein bei Takashi Murakami, dem aktuell ein ganzes Geschoss gewidmet ist und der seit 15 Jahren immer wieder Designs für Louis Vuitton entwirft, entfaltet sich ein Universum. In den übrigen Etagen gesellen sich Giacomettis ultradünne Bronzefiguren, Scherenschnitte von Henri Matisse, die sattblauen Körpermalereien eines Yves Klein, leuchtende Raumzeichen von Dan Flavin und jene „Felix the Cat“-Figur von Mark Leckey hinzu, deren aufgeblasene Riesenversion ein typisches Accessoire von Privatsammlungen mit Anspruch auf internationale Konformität ist. Kein Zweifel, Arnault klotzt mit dieser Auswahl, er überwältigt den Besucher qua Marken.

Gedanken zum Verhältnis zwischen Mensch und Welt

Und doch. Sei es dem Engagement von Suzanne Pagét geschuldet, der künstlerischen Direktorin der Fondation, die kürzlich in einem Interview ihren Anspruch auf museumswürdige Ausstellungen unterstrich, statt sich mit „simply a collection“ zufrieden zu geben. Oder dem Bestreben des Unternehmers, nicht einfach Kunst von ausgesuchter Qualität zu horten. Sondern mit ihrer Hilfe auch andere Perspektiven zu entwickeln: Die Ausstellung „In Tune with the World“ brennt sich ein, wirkt lange nach und wirft Gedanken zum Verhältnis zwischen Mensch und Welt auf, seiner fragilen Existenz – und seinem ewigen Streben nach Exzess bis hin zur totalen Auflösung.

Zur Auslöschung, wie sie der Kurzfilm „Untitled (Human Mask)“ von Pierre Huyghe nahelegt. Ein gespenstisches Werk, in dem ein Äffchen im verlassenen Haus siedelt und sich eine Maske überzieht, deren mädchenhafte Züge totenstarr wirken. Dass einige Szenen der dennoch hoch ästhetischen Arbeit mithilfe von Drohnen in Fukushima gedreht wurden sind, spielt in dem nachtschwarzen Pariser Vorführraum kaum noch eine Rolle. Die Szenen dieser Dystopie sind so beklemmend, dass man sie automatisch in einer posthumanen Zone angesiedelt sieht.

Das Abgründige im Menschen reflektieren

Werke wie das von Documenta-Star Huyghe, der anderswo im Haus noch mit der Wasser-Sand-Stein-Installation „Cambrian Explosion 10“ (2013) auftaucht, arretieren das inhaltliche Gewicht der Schau. Anderes wie James Lee Byars goldglänzende, perfekte Kugel „Is“ (1989) oder die Marmorskulptur „From the series The Theater of Disappearance/David’s Legs“ von Adrián Villar Rojas halten dieses Niveau. Jedes Mal geht es ums Ganze: um Leben, Aufbäumen, Verschwinden, Unendlichkeit. Das klingt düsterer, als es die Schau es mit ihren Skulpturen, Richters abstraktem Gemälde „Liak“ (1982) im monumentalen Maß von vier Längenmetern oder Morellets schwebenden Neonröhren suggeriert. Doch wenn der Künstler seine – wenn auch nur optisch – Kühle verströmende Installation „L’avalanche“ (2006) nennt, spürt man die Last einer existenziellen Situation: verschüttet unter einer Lawine aus blauem Licht.

Josef Pieper war kein Pessimist, sondern fühlte sich aufgehoben in seinem Glauben an ein überzeitliches Prinzip. Dennoch ließ er sich von der Religionskritik eines Friedrich Nietzsche inspirieren und reflektierte auch das Abgründige im Menschen. Der Sammler Arnault stellt seinem Vorwort zum Begleitheft der Ausstellung ebenfalls ein Zitat von Nietzsche voran: Wer lange in den Abgrund schaue, gäbe auch dem Abgrund die Gelegenheit, in ihn hinein zu schauen. „In Tunes with the World“ funktioniert genau nach diesem Prinzip. Die „Abgründe“ verbergen sich in den herausragenden Arbeiten. Wer sie lange betrachtet, taucht ein in die Wirklichkeiten der Künstler. Tatsächlich wirkt das Werk zurück auf den Betrachter, spiegelt die eigenen Ängste, Zweifel und Ideen. Welche Erkenntnis daraus resultiert, bleibt jedem überlassen. Aber die Wirkung der Kunst lässt sich nicht leugnen.

Fondation Louis Vuitton, 8 Avenue du Mahatma Gandhi, Paris; bis 27. 8., Mi–So 11–20 Uhr, Fr 11–21 Uhr

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