Sammlung Wemhöner in den Kunstsaelen : Der Körper als experimentelles Feld

Zwischen Spannung und Erregung: Die Kunstsaele zeigen Werke aus der Sammlung Wemhörner, in denen Körper, Erotik, Lust und Macht behandelt werden.

Geheimnis. 2005 fotografierte Roger Ballen „Selma Blair and Sphinx“.
Geheimnis. 2005 fotografierte Roger Ballen „Selma Blair and Sphinx“.Foto: Roger Ballen

Die „neuen Frauen“ wirken wie aus dem Boudoir. Nackt, mit Schmuck behängt und reichlich lasziv verteilen sie sich in einem Raum mit schweren Sesseln und üppigem Blumenschmuck. Man kennt das von pudrig-schwülen Gemälden des 19. Jahrhunderts, fragt sich vielleicht, weshalb ein Künstler aus China dieses Sujet in seiner ganzen verdrucksten Sexualität auch 2013 noch fotografiert – und ist schon mitten im ambivalenten Thema der Ausstellung „Satisfy me“.

Die Arbeiten in den Kunstsaelen gehören zur Sammlung von Heiner Wemhöner. Der Unternehmer aus Herford war schon mehrere Male zu Gast in Berlin: 2014 in den ehemaligen Räumen der Galerie Hetzler in Wedding, zwei Jahre später für einen Tag in der Galerie Judin. Nun hat ihn der private Ausstellungsraum eingeladen, und jedes Mal wähnt man sich zwischen den Erwerbungen eines anderen Menschen, so heterogen wirken die ausgestellten Werke und ihre Zusammenschau. Dabei beruht es allein auf kuratorischen Entscheidungen: Philipp Bollmann, der die Sammlung seit Jahren betreut, stellt immer neue Fragen zur Zeit. Anschließend sucht er die passenden Exponate aus.

Diesmal wirkt alles farblich reduziert, dafür geht es motivisch zur Sache. Schon im Flur der umgenutzten Altbauwohnung grüßt mit der Skulptur „The Wedding Cake“ (2008) von Sue Webster & Tim Noble ein schönes Stück Sex. Noble hat sein eigenes Glied in verschiedenen Stadien der Erektion so oft in Gips gegossen, dass man ein bisschen den Überblick verliert. Ob er damit auf den Traum von der Omnipotenz oder das gesellschaftliche Phänomen der Übersexualisierung anspielt, bleibt offen. Jedenfalls stimmt seine Arbeit sehr direkt auf alle möglichen Facetten ein, die im Lauf der Ausstellung weit diskreter verhandelt werden: den Körper, Erotik, Lust, Macht und Begehren.

Wemhöner scheinen abgründig vertrackte Arbeiten zu gefallen

Manchmal ist auf den ersten Blick gar nicht zu sehen, worum es geht. „Leaning Wall“ von Nevin Aladag etwa erinnert an eine Kletterwand mit bunten, organisch geformten Griffhilfen. Sobald man aber weiß, dass die Berliner Künstlerin sie vom eigenen Körper abgeformt hat, stellen sich Assoziationen ein: Wer die Kletterwand nutzt, der greift nach Aladag oder tritt sie gleich mit Füßen. Daneben hängt jenes Objekt von Monica Bonvicini, das der Schau ihren Titel gibt. Ein Spiegel in Form der Worte „Satisfy me“. Jeder Blick wird hier zu einer Herausforderung, dem sich das bildhaft verdoppelte Ich stellen muss. Will es befriedigt werden? Oder muss es dem kritischen Blick in den Spiegel standhalten?

Wemhöner scheinen solche abgründig vertrackten Arbeiten zu gefallen. Auf dem Boden liegt „Space between Lovers“ (2014). Ein Abguss aus Polyurethan, der die Oberkörper eines sich liebenden Paares zeigt. Als Negativform, sodass der Leerraum zwischen den beiden sichtbar wird. Ein Rest, der sich einfach nicht füllen lässt und die Unmöglichkeit totaler leiblicher Vereinigung symbolisiert. Auch wenn das Verlangen hier überall im Raum steht.

Fotos am Porno-Set

Der Körper als experimentelles Feld. Spannung und Erregung sind die beiden Pole, zwischen denen Kurator Bollmann agiert. Nicht alles ist so explizit wie am Porno-Set, wo Andreas Mühe ein unzweideutiges Foto gemacht hat, das allerdings noch eine zweite Geschichte erzählt. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit dem biblischen Sündenfall oder der antiken Idee idealer Schönheit, wie sie in dem glänzenden „Lineament“ von Xu Qu zum Ausdruck kommt: Der chinesische Künstler reduzierte die Laokoon-Gruppe aus den Vatikanischen Museen auf glänzende Umrisslinien und demonstriert so seine Faszination für die griechische Klassik.

Und Yang Fudong? Seine große Fotografie der „New Woman I“ rührt an einem Tabu der chinesischen Kultur, in der das Nackte jahrhundertelang überhaupt kein Thema war.

Kunstsaele, Bülowstr. 90; bis 31.3., Mi–Sa 11–18 Uhr

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